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Baader Café in München: "Wir haben fast 40.000 Euro Hilfsgelder bekommen"

Vor allem für Gastronominnen und Gastronomen ist die Corona-Krise mit ihrem Lockdown und den Beschränkungen eine schwierige Zeit. Viele konnten im vergangenen Jahr nur wenige Monate öffnen und dürfen auch jetzt ihre Waren nur zum Mitnehmen verkaufen. Einige klagen über zu geringe staatliche Hilfen und stehen vor der Insolvenz. In unserer Reihe "Meine Krise" sprechen Gastronomen von ihrem Geschäftsjahr während der Pandemie und erzählen, wie viele Schulden sie haben und was sie sich für die Zeit nach dem Lockdown erhoffen. Hier berichtet die 65-jährige Mary McLaughlin, die Mitinhaberin des Baader Cafés in München ist.

Meine Geschäftsidee

Mein Mann, zwei Freunde und ich haben Ende der Siebzigerjahre alle im gleichen Lokal, dem Münchner Szeneladen Café Größenwahn, gearbeitet. Doch wir wollten etwas Eigenes aufmachen. Im Jahr 1985 haben wir das Baader Café als Tagescafé und Bar eröffnet, aber erst war der Abend unser Hauptgeschäft. Schon damals haben wir Frühstück und Gerichte angeboten. In den letzten zehn Jahren wurde das Essen immer wichtiger und wir haben unser Angebot ausgebaut. Zum Frühstück bieten wir French Toast mit gebratenem Speck und Ahornsirup an, Pancakes und Burritos. Außerdem haben wir eine Tageskarte mit Gerichten wie Kürbis-Ziegenkäse-Lasagne oder Club Sandwiches. Normalerweise bieten wir auch einen Sonntagsbrunch an. Mittlerweile leitet mein Sohn die Küche.

Ich habe viele Erinnerungen an lustige Abende der vergangenen drei Jahrzehnte: Beispielsweise als ein Kellner mit Cowboystiefeln und Hut einen kanadischen Abend veranstaltet hat. Er hat sich ein Programm ausgedacht und die Klischees seiner Heimat wie Ahornblätter, Rednecks und Eishockey-Spieler auf Raufasertapete gemalt und aufgehängt. Dazu gab es Erbsensuppe und gebratenen Schinken. Heute lebt er in Montreal und hat dort sein eigenes Café. Peter, einer meiner Geschäftspartner, hat mal mit zwei Stammgästen versucht, unsere Zapfhähne optimal einzustellen. Es ist ihnen nicht gleich geglückt und bei dem Versuch haben sie etliche kleine Biere gezapft, die sie selbst getrunken haben. Bei der ganzen Aktion haben sie den The-Ramones-Cocktail erfunden, eine Mischung aus Bier und Bourbon. Unser Publikum hat sich verjüngt, das liegt wohl auch an unserem jungen Personal. Wir haben zwölf Festangestellte und zusätzlich hatten wir vor der Krise 14 Angestellte auf Minijob-Basis. Das Baader-Café-Publikum ist immer noch eine Mischung aus Schauspielerinnen und Künstlern, Studierenden und der Nachbarschaft. Ein Szenetreff. Genauso haben wir uns das damals vorgestellt.

"Vom Vermieter und der Brauerei gab es kein Entgegenkommen." Mary McLaughlin, 65, Mitinhaberin des Baader Cafés

Mein Krisenjahr

Am 11. März sind mein Mann und ich noch für zwei Wochen in den Urlaub auf die Kanarischen Inseln geflogen. Ich war der festen Überzeugung, dass sich die Aufregung um das Coronavirus wieder legen wird. Da habe ich mich aber leider geirrt. In wurde das Starkbierfest abgesagt und wir hatten Gäste im Café, die eigentlich dort sein wollten. Am 16. März wurde der Katastrophenfall in Bayern ausgerufen. Einen Tag später mussten Gastronomiebetriebe schließen. Ich habe die ganze Zeit von Teneriffa aus mit meiner Geschäftspartnerin und dem Personal im Café telefoniert. Wir haben darüber gesprochen, welche Hilfen wir wie und wann beantragen müssen, haben die Zeitungsabos unterbrechen müssen und nach einer Lösung für die Löhne unserer Angestellten gesucht. Urlaubsfeeling kam nicht auf. Mein Mann und ich haben unseren Aufenthalt verkürzt und sind zwei Tage früher wieder nach Hause gekommen. Das war sehr chaotisch. Wir haben Kurzarbeitergeld für unsere zwölf Festangestellten beantragt. Das hat problemlos geklappt. Von unserem Vermieter und der Brauerei gab es allerdings kein Entgegenkommen. Gerade im Münchner Glockenbachviertel ist die Miete teuer. Wir zahlen inklusive Nebenkosten, Strom und Gas jeden Monat 7.500 Euro.

Wir haben angefangen unser Essen zum Mitnehmen anzubieten. Das hat sich nicht gelohnt. Nur wenige sind gekommen. Doch wir wollten weitermachen. Das Arbeiten hat gutgetan und außerdem konnten wir unserem Viertel ein kleines Stück Normalität geben, in der Form, dass jemand im Laden war, selbst wenn keine Gäste rein durften. Ende April ging es mit dem To-go-Verkauf von Kuchen, Getränken und Tagesgerichten richtig los, es sind allmählich mehr Leute gekommen. Ich glaube, dass die meisten davor wirklich einfach zu Hause geblieben sind.

"Die laufenden Kosten lagen monatlich bei rund 28.000 Euro." Mary McLaughlin, 65, Mitinhaberin des Baader Cafés

Während der Pandemie haben wir in den neun Tagen, in denen wir im April offen hatten, einen Umsatz von 2.500 Euro gemacht, im Mai haben wir 17.914 Euro gemacht. Die laufenden Kosten lagen monatlich bei rund 28.000 Euro. Im Sommer haben wir von der Stadt einen Schanigarten genehmigt bekommen. Das war super, denn unser Außenbereich ist sonst mit fünf kleinen Tischen sehr begrenzt. So konnten wir Bierbänke aufstellen, sodass unsere Gäste nicht im Café sitzen mussten. Selbst als es kälter geworden ist, saßen dort Münchnerinnen und Münchner und haben bei uns gegessen und getrunken. Damit war am 2. November Schluss, als wir wieder schließen mussten. Seitdem können wir unsere Speisen und Getränke nur zum Mitnehmen anbieten. Im Dezember haben wir 1.248 Euro mit unserem Abhol-Menü verdient, wenn man die Materialkosten abzieht. Das steht natürlich nicht im Verhältnis zu der Arbeit, die mein Sohn, meine Geschäftspartnerin und ich leisten.

Die Hilfen

Künstlerinnen und Künstler haben uns Bilder zum Verkauf zur Verfügung gestellt. Direkt gegenüber unserem Café ist eine Galerie, die uns auch gleich am Anfang der Pandemie geholfen hat. Auch die Galerie hat uns Kunstwerke geschenkt, die wir verkauft haben. Die Hälfte davon haben wir den Künstlerinnen und Künstlern gegeben, die andere Hälfte haben wir behalten. Zusammengekommen sind so 5.000 Euro für uns, damit konnten wir unsere Kosten zahlen, ohne einen Kredit aufzunehmen. Die Soforthilfe von 15.000 Euro habe ich am 31. März beantragt und etwa zwei Wochen später erhalten. Ich bin froh, dass es solche Hilfen in Deutschland gibt. Ich habe Freundinnen und Freunde in den USA, die keine vergleichbaren staatlichen Mittel bekommen.

Den Antrag auf die Novemberhilfe haben wir am 1. Dezember gestellt, bewilligt wurde er am 19. Januar. Wir haben 23.482 Euro bekommen, die wurden in zwei Etappen ausgezahlt, der eine Teil sofort, der Rest kam Mitte Januar. Unser Glück: Die 75 Prozent Umsatzerstattung beziehen sich auf den November, einer der Monate, in denen es bei uns besonders gut läuft. Wir haben insgesamt also knapp 40.000 Euro an staatlichen Hilfen bekommen, ohne das Kurzarbeitergeld. Das ist auch sehr wichtig für uns, denn im Januar 2020 hatten wir noch einen Umsatz von 64.763 Euro. Diesen Januar haben wir weniger als 6.000 Euro verdient.

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