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Satire: "Das nächste Mal einfach die Klappe halten"

Satire oder Rassismus? Nico Semsrott hat mit dem Austritt aus der PARTEI eine erneute Debatte angestoßen. Junge Comedians erklären, warum das eine Generationenfrage ist.

Nico Semsrott ist aus der PARTEI ausgetreten mit der Begründung, dass er die rassistischen Witze von Martin Sonneborn nicht mittragen wolle. Haben jüngere Satirikerinnen ein anderes Verständnis von Humor und seinen Grenzen? Ja, sagen El Hotzo, Ilona Hartmann und Aurel Mertz.

"Humor sollte gesellschaftliche Probleme nicht verstärken"

Sebastian Hotz, 25, Satiriker aus Berlin. Auf Twitter bekannt als @ElHotzo

Nico Semsrott hat es in seiner Austrittserklärung richtig angemerkt: Martin Sonneborn folgt auf Twitter niemandem außer sich selbst. Klingt erst mal nach Paradies, wenn man in der eigenen Timeline nur sich selbst liest, ist es aber nicht. Vor allem als Politiker ist man auf den Austausch mit Menschen angewiesen. Gerade wenn es um benachteiligte und diskriminierte Gruppen geht, für die man sich als Vorstand einer eigentlich irgendwie doch linken Partei, wie es DIE PARTEI ist, ja eigentlich einsetzen sollte. Martin Sonneborn hat deswegen wirklich alles verfehlt, was man nur verfehlen kann.

Wirklich überraschend kommt die ganze Sache aber nicht: Sein T-Shirt steht in einer gewissen Tradition rassistischer Ausfälle unter dem Deckmantel der , sei es bei der PARTEI oder der TITANIC unter Sonneborns Leitung. 2011 ließ er sich auf Wahlplakaten zum Beispiel mit schwarz angemaltem Gesicht abbilden, über seinem Kopf der Slogan "Ick bin ein Obama" und die Galerie historischer TITANIC-Cover spricht ebenfalls eine recht deutliche Sprache.

Noch beschissener finde ich aber, dass man diese Fehler nicht einsieht. Vor allem, wenn man so eine riesige Plattform hat. Martin Sonneborn folgen 300.000 Menschen auf Twitter, 900.000 wählten seine PARTEI bei der letzten Europawahl, Tausende haben seinen Tweet kommentiert. Unter jedem hätte er die Chance gehabt, seinen Fehler einzusehen und sich zu entschuldigen. Das kostet nicht viel, außer vielleicht ein bisschen Überwindung des eigenen Egos.

"Ich sag's wie's ist: Ich kann die Menschen, die mich auf Fehler hinweisen, wirklich oft kein Stück leiden" Sebastian Hotz

Auch ich habe mich schon mal verrannt. Vor ein paar Jahren twitterte ich zum Beispiel mal über Selbstverletzung. Ich dachte damals noch, dass das funny ist und so ironisch lustig. Das war es leider überhaupt nicht. Für Menschen, die sich noch mehr in einer Situation befinden als ich zu diesem Zeitpunkt, war es schlicht triggernd und traumatisierend, darüber einen Witz zu lesen. Seitdem mache ich solche Witze nicht mehr und habe diesen Tweet gelöscht.

Ich sag's wie's ist: Ich kann die Menschen, die mich auf Fehler hinweisen, wirklich oft kein Stück leiden und denke mir "fuck, was für unglaubliche Arschlöcher". Trotzdem muss ich mir eingestehen, dass diese "Arschlöcher" wirklich oft recht haben - auch Menschen, die man aus welchem Grund auch immer nicht mag, können gute Argumente haben.

Nico Semsrott hat geschrieben, dass er Martin Sonneborn darauf hingewiesen hat, dass er sich entschuldigen sollte. Sonneborn hat das aber erst getan, als er auf Semsrotts Austritt reagiert hat, dabei seinen rassistischen Witz sogar noch wiederholt und die Schuld für die Missinterpretation obendrauf noch seinem Publikum zugeschoben.

Es ist ein schmerzhafter Schritt von Semsrott, so eine mächtige Plattform wie eine Parteimitgliedschaft in einer der bekannteren deutschen Parteien aufzugeben, aber es ist konsequent. So jedenfalls haben es auch Betroffene aus der asiatisch-deutschen Community wie Minh Thu Tran gesehen, wobei auch der Wortlaut von Semsrotts Statement sicherlich ebenfalls zu kritisieren ist.

Das Urteil der von Rassismus Betroffenen ist in diesem wie in jedem anderen Fall dieser Art sehr wichtig. Nur sie können definieren, was Allyship, also die Solidarität mit von Diskriminierung betroffenen Menschen, ausmacht.

Es ist gut möglich, dass ich zu einer neuen Generation von Satirikerinnen und Satirikern gehöre - oder wenigstens wäre es wirklich cool, wenn es so ist. Ich verbringe meine komplette Zeit im Internet und lebe vom Austausch, den Perspektiven anderer und muss mir dabei meiner Position bewusst sein. Ich habe eine halbe Million Follower auf Instagram, ein Umstand, der unweigerlich eine große Verantwortung mit sich bringt. Ich entscheide, welche Themen meine Follower sehen und worüber sie im besten Falle sogar lachen sollen. Auf dieser riesigen Plattform ist Humor unglaublich mächtig, kann Impulse setzen und beeinflusst die weitere Auseinandersetzung mit den gesetzten Themen. Gerade weil in Deutschland Alltagsrassismus nach wie vor existiert und sich absolut niemand davon freisprechen kann, nicht rassistisch sozialisiert worden zu sein, ist es wichtig, dass Humor und Satire darauf achtet, dieses gesellschaftlichen Problem nicht noch weiter zu verstärken.

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