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Reiseveranstalter: Cancel-Culture

Wie kommen wir heim?

Unsere Spezialität sind große Zugreisen. Die bislang letzte endete Ende Februar in Sibirien: Am zugefrorenen Baikalsee überbrachte ich den circa hundert Gästen unseres Sonderzugs auf der Transsibirischen Eisenbahn die Nachricht, dass wir unsere Reise Richtung Ulan-Bator, , vorzeitig abbrechen müssten, weil wir sonst Gefahr liefen, mitten im Nirgendwo an der russisch-mongolischen Grenze unter Quarantäne gestellt zu werden. Ein Mitarbeiter in Berlin war ständig im Gespräch mit dem russischen und dem mongolischen Eisenbahnministerium sowie mit lokalen Politikern - über unsere Route und deren Risiken. Schließlich entschieden wir, die Gäste vom relativ nahegelegenen Irkutsk aus zurückzufliegen. Das Problem war nur, dass unsere russischen Visa ausliefen, wir wären ja eigentlich am nächsten Tag schon in der Mongolei gewesen. In Irkutsk hatten wir nur 24 Stunden Zeit, um alle Gäste aus dem Land zu kriegen - ein Wahnsinn, denn wir hatten Kunden aus elf Ländern an Bord. Viele von ihnen hatten über andere Veranstalter und Reisebüros gebucht, die wir alle einzeln abtelefonieren mussten. Dabei gab es Probleme, weil manche Gäste nicht zu ihrem geplanten Heimatflughafen konnten - insbesondere da zu dieser Zeit viele Flüge bereits sukzessive eingestellt wurden. Glücklicherweise haben wir für alle einen Flug bekommen, sonst hätten die Kunden wahrscheinlich in Moskau alle noch einmal Ersatzpapiere beantragen müssen.

Felix Willeke, Geschäftsführer Lernidee Erlebnisreisen

Abstand, Kinder!

Vamos veranstaltet mit Kinderbetreuung, ich bin für die 150 Betreuer zuständig. Im April musste ich erst mal alle Verträge für den Sommer absagen. Nachdem die Reisebeschränkungen aufgehoben waren, kamen dann wieder Buchungen. Viele Eltern waren von den Schulschließungen erschöpft und hatten ein dringendes Bedürfnis nach Urlaub. Also brauchte ich kurzfristig doch Betreuer. Die haben sich dann in den Urlaubsorten auch reingehängt, aber manchmal gingen ihnen die Aktivitäten aus. Unter Corona-Bedingungen funktionieren viele Spiele nicht mehr: Wie soll Fangen ohne Abschlagen gehen? Und beim Vorlesen durften unsere Betreuer die kleinen Kinder nicht mehr auf den Schoß nehmen, sodass sie die Bilder besser sehen können. Parallel gab es neue Reisewarnungen. Einige Male musste ich Mitarbeitern von heute auf morgen absagen. Andere Male waren die Betreuer schon vor Ort, aber die Gäste reisten doch nicht an. Michi, einer unserer Betreuer, hatte im März noch Reisende in Südtirol betreut und deshalb schon eine Quarantäne hinter sich. Im Sommer war er für Kreta gebucht - bis das Hotel entschied, wegen mangelnder Auslastung gar nicht zu öffnen. Er übernahm spontan die Betreuung eines Hauses in der Toskana und blieb dort so lange, dass er am Ende aufgrund der neuen Beschränkungen noch einmal in Quarantäne musste. Und jetzt ist wieder Lockdown.

Karoline Schulze, Leiterin der pädagogischen Mitarbeiter von vamos Eltern-Kind-Reisen

Island statt Kanada

Für eine Stammkundin habe ich eine gebuchte Camperreise durch Kanadas Nationalparks nach verlegt. Unser Unternehmen ist auf Nordamerika spezialisiert, wir mussten unser Angebot anpassen: Rügen statt Florida, Algarve statt Kalifornien. Island hatten wir gar nicht im Angebot, aber ich war da im August selbst im Urlaub und habe der Kundin das anschließend vorgeschlagen. Kurz vor ihrem Aufenthalt wurde verfügt, dass Einreisende fünf Tage in Quarantäne müssen. Nicht schon wieder umplanen, dachte ich und wollte schon stornieren. Aber die Kundin ließ sich nicht abschrecken. Also buchte ich ihr für die Quarantänetage eine Hütte. Sie bekam vom Vermieter vorab eine Liste, auf der sie ankreuzte, welche Lebensmittel sie braucht, die standen bei ihrer Ankunft dann schon bereit. Und sie konnte sogar wandern gehen. Vor Corona war meine Arbeit von Vorfreude geprägt, dieses Jahr bin ich mehr Psychologin und muss über geplatzte Reisepläne zum Hochzeitstag oder Geburtstag hinwegtrösten.

Annica Grosche, Senior Product Manager von America Unlimited

Auf der Flucht von Nord nach Süd

Eine 15-tägige Studienreise nach Griechenland Ende Oktober war ein Beispiel für die vielen Unwägbarkeiten, die wir bewältigen müssen. 19 Gäste hatten sie gebucht. Noch bevor die Reise begann, mussten wir mit dem Gesundheitsamt des damaligen Risikogebiets Berchtesgaden klären, ob einer unserer dort lebenden Gäste mitdurfte. Kurzfristig sagte uns das Hotel in Thessaloniki ab, weil es wegen niedriger Auslastung zumachte, und es war an uns, schnell Ersatz zu finden. Nach der problemlosen Anreise kam dann die schlechte Nachricht: Die griechischen Behörden ließen alle Museen im Norden schließen. Für eine Studienreise ist das ein Worst-Case-Szenario. Von der Kieler Firmenzentrale aus musste ich im Austausch mit dem Reiseleiter spontane Programmänderungen vornehmen. Statt des Besuchs einer Ausgrabungsstätte in Dion organisierten wir eine Weinprobe in einem Kloster. Beim Essen mit den Nonnen fand trotz Corona-Abstand ein toller Kulturaustausch statt. Die Gruppe verließ Nordgriechenland, bevor die Region um Thessaloniki zum Risikogebiet erklärt wurde. Für die Gäste fühlte sich die Ausbreitung des Virus an wie ein nahendes Gewitter, das von Norden nach Süden zieht - unser Glück, denn das entsprach der Reiseroute. Leider schlossen dann auch die Museen im Süden. Statt der Besichtigung der Skulpturen in Delphi luden wir die Gruppe zu einem traditionellen Fischessen in ein familiengeführtes Restaurant an der Küste von Patras ein. Auch für das Hotel in Athen, das schloss, fanden wir einen guten Ersatz. Ebenso für das Akropolis-Museum: Wir führten die Gruppe auf einen Panoramaweg, der besondere Foto-Perspektiven auf die Akropolis ermöglicht. Bevor auch der Süden von Griechenland Risikogebiet wurde, waren alle Gäste wieder in Deutschland - trotz der Umstände mit tollen Reiseerlebnissen im Gepäck.

Peter Eschweiler, Produktmanager von Gebeco

Wildnis virtuell

Seit zwölf Jahren führe ich Wandertouren durch Grönland. Im April, als praktisch keine Reisen möglich waren, bot ich stattdessen virtuelle Touren über Zoom an, vor allem für Stammkunden: Ich zeigte für knapp hundert Teilnehmer Bilder von der wilden Natur, von unserem einsamen Zeltlager, von den Flüssen, die man überqueren muss. Etliche Teilnehmer hatten schon für den Sommer gebucht und hofften, bald alles live sehen zu können. Im Juli wollten wir nach Ost-Grönland, da gab es lange keine Corona-Fälle. Mit einem negativen Test hätten wir einreisen können, dazu verlangten die Behörden eine fünftägige Quarantäne, die hätten wir in der Wildnis verbracht. Ich hatte die Reise so umgestaltet, dass es keinen Kontakt zu Einheimischen gegeben hätte. Sie war ausgebucht, doch dann fielen für Juli die Flüge aus. Wir verschoben die Reise um einen Monat, aber auch im August gab es keine Flugtickets, obwohl man nach Grönland reisen durfte. Am Ende mussten wir alles absagen. Stattdessen habe ich eine Tour auf dem Dolomitenhöhenweg und eine Wanderwoche in Oberammergau geführt, unter anderem mit drei Frauen, die eigentlich nach Bhutan wollten.

Ruth Zeller, Reiseleiterin von Hauser Exkursionen

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