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Virtuelles Studium: Digitales Durchhalten

Im Hörsaal sitzen, in der Bibliothek lernen und in der Cafeteria das Referat planen: Das wird wohl auch im Wintersemester noch nicht wieder möglich sein. Mit diesen Tipps machst du das Beste aus dem virtuellen Studium.

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"30 Minuten: So lange dauert es maximal, bis die Studierenden in meinen digitalen Vorlesungen unruhig vor ihren Bildschirmen herumrutschen. Dann ist es Zeit für eine Pause. Es ist viel schwerer, sich im Zoom-Call auf den Stoff zu konzentrieren als im Präsenzunterricht. Sobald es Längen gibt, klickt man weg, checkt seine E-Mails oder Instagram. Das Wissen nehmen wir dann nicht richtig auf, weil unser Arbeitsgedächtnis begrenzt ist. Falls Dozenten also nicht von sich aus Pausen anbieten, frag danach. Fünf Minuten reichen meistens schon aus.

Um während der Vorlesung etwas mitzunehmen, solltest du nicht einfach alles mitschreiben. Das lenkt dich zusätzlich ab. Außerdem laden die meisten Dozenten ihre Folien hoch. Wichtiger ist, währenddessen zu überlegen: Was verstehe ich nicht? Was muss ich später nachlesen? Was kann ich nur den Dozenten fragen? Wenn die Veranstaltung aufgezeichnet wurde, kannst du dir die Stellen, die du nicht verstanden hast, noch einmal anschauen.

Sprich auch weiterhin mit deinen Kommilitonen über die Inhalte, trefft euch zum Beispiel nach der Veranstaltung bei Zoom. Das würdet ihr ja auch machen, wenn ihr nach der Vorlesung zusammen in die Mensa geht.

Für das Alleinlernen gilt auch: Such dir Routinen, die deinen Tag strukturieren. Thomas Mann hat jeden Morgen gefrühstückt und sich dann exakt drei Stunden zum Schreiben hingesetzt. Du kannst zum Beispiel Atemübungen machen, fünf Minuten Yin-Yoga oder beim Zähneputzen einen Podcast hören. Schreib dir für deinen Uni-Tag außerdem konkrete Uhrzeiten auf, an die du dich halten möchtest. Plan auch hier Pausen ein. Wenn man den ganzen Tag vorm Bildschirm sitzt, vergisst man das gern. Ich empfehle: neunzig Minuten lernen, zwanzig Minuten Pause. Egal was du dabei tust: Verlass deinen Arbeitsplatz. Dein Gedächtnis braucht Zeit, um das neue Wissen abzuspeichern. Geh raus, mach dir einen Salat, oder unterhalt dich mit deiner Mitbewohnerin.

Susanne Narciss

57, lehrt Psychologie des Lehrens und Lernens an der Technischen Universität Dresden. Sie meditiert jeden Morgen.

Achte auch auf die Arbeitsumgebung: Dein Stuhl sollte nicht zu hoch oder zu niedrig sein, damit deine Wirbelsäule in der natürlichen Form aufgerichtet ist. Versuch zwischendrin die Position zu wechseln oder im Stehen zu arbeiten. Nützlich sind Schreibtische, bei denen du die Höhe verstellen kannst. Wenn du keinen hast, kannst du deinen Laptop auch auf eine Kiste stellen. Generell sollte dein Bildschirm etwa auf Augenhöhe sein, damit sich dein Nacken nicht verspannt. Notfalls kannst du ein Buch unterlegen. Damit vermeidest du physischen Stress, der in psychischen übersetzt wird und zu Konzentrationsproblemen führen kann."

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ZEIT Campus: Frau Pellert, Sie leiten die Fernuniversität in Hagen mit rund 77.000 Studierenden. Was macht die digitale Lehre aus?

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Ada Pellert: Bei uns kann man sich, vereinfacht gesagt, am Sonntag überlegen, Psychologie zu studieren, und am Montag damit anfangen. Wir haben für die Fächer keinen Numerus clausus, weil unsere Uni möglichst jedem offenstehen soll. Manche Studierenden brauchen darum gerade am Anfang Unterstützung - dabei, ihr Studium zu organisieren, oder dabei, herauszufinden, ob das Fach auch zu ihnen passt.

ZEIT Campus: Woran liegt das?

Pellert: Die Illusion, dass alles in Ordnung ist, kann man im digitalen Studium länger aufrechterhalten. Wenn ein Studierender für die Kurse nicht auf den Campus muss, fällt ihm vielleicht nicht so schnell auf, dass er einen Monat lang an keiner Lehrveranstaltung teilgenommen hat. Er bemerkt auch nicht unbedingt so schnell, ob das an anfänglicher Überforderung liegt oder daran, dass er vielleicht doch nicht Psychologie studieren möchte. Studierende sollten also reflektieren, wie es ihnen mit dem Studium geht, und sich mit ihren Kommilitonen darüber austauschen. Auch die Studienberatung kann dabei helfen.

ZEIT Campus: Wie lernt man die Kommilitonen kennen, wenn man nicht zufällig in der Einführungswoche nebeneinandersitzt?

Pellert: Virtuell ist das Kennenlernen erst mal schwieriger. Aber Studierende sollten sich auch digital so vernetzen, wie sie es auf dem Campus tun würden: auf Social-Media-Plattformen, in Lektüregruppen oder bei politischen und sozialen Initiativen. Wir haben dafür in jedem Bundesgebiet Regionalzentren, in denen sich die Studierenden auch persönlich kennenlernen können. Außerdem hilft es, gemeinsam an Projekten zu arbeiten, wie zum Beispiel dem Bildungs-Hackathon, den wir in diesem Sommersemester veranstaltet haben. Wenn Studierende in einem Projekt kooperieren, lernen sie automatisch zusammenzuarbeiten, auch wenn es digital stattfindet.

ZEIT Campus: Also ist ein digitales Studium eher etwas für Teamplayer?

Pellert: Auf jeden Fall. Studierende, die sich untereinander vernetzen, kommen leichter durch ihr Studium. Allein zu Hause sind die Ablenkungsmöglichkeiten einfach größer. Wenn man dann eine Hausarbeit schreiben muss und eigentlich lieber ins Freibad fahren oder die Wohnung aufräumen möchte, kann es die Motivation steigern, sich mit einem Kommilitonen zu verabreden. Sie können sich das wie Sport vorstellen: Wenn Sie sich mit einer Freundin morgens um acht Uhr zum Joggen verabreden, sind Sie motivierter, als wenn Sie sich das allein vornehmen. Es gibt aber natürlich auch strukturierte Einzelkämpfer mit sehr hoher Selbstdisziplin - die haben aber die wenigsten.

ZEIT Campus: Was ist wichtiger für die Selbstorganisation: Disziplin oder Motivation?

Pellert: Sie brauchen beides, aber die Motivation ist immer ausschlaggebend. Sie müssen sich im Klaren darüber bleiben, warum Sie mit dem Studium begonnen haben. Wenn die Motivation mal schwindet und Sie vielleicht sogar darüber nachdenken, abzubrechen, kann es helfen, sich genau das immer wieder zu fragen: Warum mache ich das eigentlich? Was will ich mit dem Studium erreichen, und welchen Berufswunsch kann ich mir damit erfüllen?

Ada Pellert

58, ist Rektorin der Fernuniversität in Hagen, Deutschlands größter Hochschule, gemessen an der Zahl der Studierenden.

ZEIT Campus: Und wie hält man durch, wenn das nicht mehr ausreicht?

Pellert: Meist können andere helfen. Wenn unsere Absolventen bei der Zeugnisverleihung eine Rede halten, bedanken sie sich bei ihren Kommilitonen sowie bei ihrer Familie und ihren Freunden. Es ist inspirierend, wenn das eigene Umfeld stolz ist. Und nach meiner Erfahrung motiviert ein erfolgreicher Absolvent mindestens fünf weitere Menschen, mit einem Studium zu beginnen oder es weiterzuverfolgen.

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