2 Abos und 1 Abonnent
Artikel

Ausgeschwärmt?

Foto: Ingo Arndt

Wikipedia feiert 15-jähriges Bestehen und die Kritik ist so heftig wie nie: rüde Umgangsformen, massiver Autorenschwund, mangelnde Qualität. Leibniz-Forscher messen den IQ des Wiki-Schwarms und planen kollektives Forschen unabhängig von Wikipedia.

Willkommen bei den Erbsenzählern und Wortklaubern. Willkommen auf den Diskussionsseiten von Wikipedia. Über jedem Artikel führt ein Klick auf den Reiter „Diskussion“ mitten hinein in den Schlagabtausch hinter den Kulissen. Wer sich als Autor der Online-Enzyklopädie etablieren will, muss hier durch. Hier handelt der Schwarm aus, was relevant ist, wie ein Artikel verständlich wird und welche Quellen zugelassen sind. Eine Zeit lang war der ruppige Umgangston legendär, der neue Autoren verschreckte. „So schwierig die Diskussionen oft sind, sie wirken sich positiv auf die Artikel aus“, sagt Ulrike Cress. Die Psychologin erforscht am Tübinger Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM), wie Internetbenutzer gemeinsam Wissen konstruieren. Sie sagt, nicht nur das Wissen der einzelnen Autoren sei für die Qualität entscheidend, sondern die spezifische Struktur von Wikipedia und der „Schwarm“ der Wikipedianer.

Fast jeder in Deutschland nutzt Wikipedia, aber nur die wenigsten tragen selbst etwas bei. „Hierzulande gibt es etwa 1.000 sehr aktive Autoren mit mehreren Hundert Beiträgen pro Monat“, sagt Cress. Der Schwarm ist also erstaunlich klein. Und homogen: „Der typische Autor ist Mann und Akademiker.“ Cress hat herausgefunden, dass die Diskussion den eigentlichen Reiz von Wikipedia ausmacht — trotz oder gerade wegen des oft nervtötenden Hin und Hers. „Die Autoren wollen sich gezielt in neue Themengebiete einarbeiten und finden über das Feedback heraus, ob sie mit ihren Beiträgen auf der richtigen Spur sind.“ Selbst bei heiklen Themen wie „Schulmedizin contra alternative Heilmethoden“ streitet man weitgehend manierlich, stellte Cress fest. Nicht die Umgangsformen seien also der Grund, warum sich neue Autoren so schwer tun.


„In diesem menschlichen Schwarm geben eben nicht einige die Richtung vor und die anderen folgen“, sagt Cress. „Durch ihre Beiträge formt die Masse eine Struktur. Sie besteht aus akzeptierten Texten und einem Meta-Wissen, das festlegt, was in Zukunft akzeptiert wird.“ Neue Autoren müssten sich diese Konventionen zunächst erarbeiten. Für den Wiki-Schwarm seien deshalb Ameisen die passendere Analogie als Fische oder Zugvögel.



Zum Original