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Kampf um menschenwürdigen Wohnraum in Chile

Jorge Segundo streicht eine Wand aus Spanholz mit roter Farbe an. Sie ist Teil eines improvisierten Hauses, das er selbst gebaut hat. Das Material dafür hat er auf der Straße und in Mülltonnen gesammelt. "Die Wohnpreise in Chile sind sehr hoch und die Löhne sehr niedrig. Ich bin hierhergekommen, um dem Staat Druck zu machen und weil ich hier keine Miete bezahle", sagt er. Auf seinem Wellblechdach weht eine zerrissene, von der Sonne ausgeblichene Nationalflagge Chiles.

Der 44-Jährige wohnt mit seiner Frau und seinen drei Kindern auf einem besetzten Grundstück. Wegen der Corona-Pandemie hat er seine Arbeit verloren und konnte die Miete nicht mehr bezahlen. Ungefähr 650 Familien leben in der Toma Violeta Parra in Cerro Navia am Stadtrand von Santiago. "Meine Kinder schämen sich dafür, hier zu leben", sagt Segundo.

Unregulierter Wohnungsmarkt

Durch die Folgen Pandemie ist es für viele Menschen in Chile noch schwieriger geworden, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Die Hauptstadt Santiago ist die Stadt mit den höchsten Quadratmeterpreisen in Lateinamerika und der Staat reguliert den Wohnungsmarkt kaum. Einer Statistik des Sozialministeriums zufolge fehlen 497.560 Wohnungen, was zu überfüllten Wohnungen führt - und zu Grundstücksbesetzungen. Seit März 2020 hat das Wohnungsbauministerium 76 neue Grundstücksbesetzungen registriert. Aber bereits vor Corona war Wohnraum Mangelware.

Die Anzahl der sogenannten campamentos, improvisierter Wohnlager auf besetzten Grundstücken, hat einem Bericht des Wohnungsbauministeriums zufolge zwischen 2011 und 2019 um 42 Prozent zugenommen. Mehr als 100.000 Menschen leben in über 800 campamentos. Hinzu kommt eine hohe Dunkelziffer.

Bewohner aus armen Nachbarländern

Die meisten Grundstücke werden in der Nähe von großen Städten wie Santiago, Valparaíso und Temuco besetzt. Knapp ein Drittel der Bewohner hat einen Migrationshintergrund, die meisten von ihnen kommen aus Kolumbien, Peru, Bolivien und Haiti. Marisol Ríos, die in der "Toma Violeta Parra" lebt, ist aus Peru nach Chile gekommen. "Ich habe mir hier ein besseres Leben erhofft", sagt sie. "Aber man muss hier Tag und Nacht arbeiten, um eine Miete bezahlen zu können. Vom Mindestlohn kann man gerade mal ein kleines Zimmer bezahlen, ohne Essen und Kleidung dazuzuzählen."

Ein paar Häuser weiter von Marisol Ríos befindet sich die gemeinschaftliche Küche. Hier kocht eine Gruppe von Frauen täglich für die Bewohner. Manchmal kommen auch Essensspenden dazu. Eine der Köchinnen ist Nora Zavala. "Für mich ist dieser Ort eine Familie. Wir unterstützen uns gegenseitig und haben schon viel gemeinsam durchgemacht", sagt sie. Damit meint sie, ohne fließendes Wasser und ohne Strom zu leben. Den Brand, der im November 2020 mehr als 70 Häuser zerstört hat. Oder den Regen im Winter, der immer wieder Grundstücke überschwemmt.

Besonders betroffen von der Wohnsituation auf dem besetzten Grundstück sind die Kinder. Die meisten gehen nicht zur Schule. Viele haitianische Kinder sprechen kein Spanisch. Eine Organisation von freiwilligen Helfern hat eine Bibliothek aufgebaut, eine andere kommt mindestens einmal in der Woche zur "Toma Violeta Parra", um mit den Kindern zu spielen und zu lernen. Die Psychologin Barbara Valdés, eine der Gründerinnen der Organisation "La Jardinera", die Workshops und Spiele für die Kinder organisiert, sagt: "Die Kinder hatten keinen Raum auf dem Grundstück. Dieses Projekt hier wird von ihnen vorangetrieben."

Besonders die Kinder leiden

Gemeinsam mit den Kindern haben sie einen Gemeinschaftsgarten und einen kleinen Raum aus wiederverwendeten Ziegeln gebaut. Dort singen und spielen die Kinder gemeinsam, verkleiden sich oder tanzen. "Wir wollen den Kindern spielend ein soziales und ökologisches Bewusstsein vermitteln. In künstlerischen Projekten drücken sie ihre Emotionen aus", sagt Valdés. Momentan nehmen sie gemeinsam einen Videoclip für einen Rap-Song auf. "Wir wollen ihnen Raum zum Träumen geben", sagt die Psychologin.

Das Wohnungsbauministerium arbeitet mit einigen campamentos zusammen, um ihnen Alternativen anzubieten. Im Fall der "Toma Violeta Parra" will das Ministerium erreichen, dass eine private Immobilienfirma Sozialwohnungen auf dem Grundstück baut. Das Ministerium bietet einkommensschwachen Familien Zuschüsse an, um Sozialwohnungen zu mieten oder zu kaufen.

Aber bis zum Einzug können bis zu sechs Jahre vergehen, räumt Sergio Garrido ein, stellvertretender Direktor des regionalen Büros des Wohnungsbauministeriums in der Region Metropolitana. "Der Staat hat begrenzte Möglichkeiten und die Bedürfnisse sind sehr groß. Deshalb fokussieren wir uns auf die Ärmsten", sagt er.

Sozialer Wohnungsbau im Argen

Voraussetzung für die Fördergelder des Ministeriums sind ein Visum und ein Sparbuch in Chile. Aber viele Familien erfüllen die Anforderungen nicht, besonders die mit Migrationshintergrund. Sie werden nach der Räumung des Grundstücks erneut ohne Wohnung dastehen und einen anderen Ort suchen müssen, um sich wieder ein Haus zu bauen.

Einer Studie der Universidad de Chile zufolge wurden zwischen 1980 und 2002 230.000 Sozialwohnungen in Chile gebaut, mit 45 Quadratmetern im Durchschnitt. In den Jahren von 2003 bis 2010 waren es nur noch 23.000, im Jahresdurchschnitt weniger als ein Drittel.

Die Sozialwohnungen, die gebaut werden, sind der Studie zufolge außerdem häufig von schlechter Qualität und liegen am Stadtrand, was zur sozialen Ausgrenzung beiträgt.

Netzwerk für bezahlbaren Wohnraum

Für eine alternative Art des Wohnungsbaus, die nicht der Profitmaximierung von Immobilienfirmen dient, setzt sich das Red Hábitat Popular Chile ein. Das Netzwerk unterstützt gerade ein Pilotprojekt: Die Wohnkooperative Ñuke Mapu in Pedro Aguirre Cerda im Herzen von Santiago. 36 Familien arbeiten gemeinsam mit Architekten und Anthropologen an einem solidarischen Wohnprojekt.

"Mit den Kooperativen wollen wir die Demokratie stärken", sagt die Anthropologin Susana Aravena, die das Projekt begleitet. "Wir wollen, dass die Menschen Teil des Prozesses des Wohnungsbaus sind, dass sie eine Gemeinschaft in der Nachbarschaft aufbauen und ihre Lebensprojekte umsetzen können."

Das Projekt umfasst 36 Häuser mit 75 Quadratmetern, einen Gemeinschaftsgarten und Arbeitskooperativen. Die Kooperative hat drei Grundpfeiler: Selbstverwaltung, gegenseitige Hilfe und Gemeinschaftseigentum. Das bedeutet, dass die Kooperative die staatlichen Fördergelder selbst verwaltet und nicht an eine Immobilienfirma übergibt. Die Familien helfen beim Bauen. Und die Häuser werden der ganzen Kooperative gehören, nicht Einzelpersonen. So soll garantiert werden, dass immer die Gemeinschaft entscheidet, wer auf dem Grundstück lebt.

"Die Kooperative ist wie eine Familie. Wir kennen uns gegenseitig, schon bevor wir zusammenleben", sagt Katiuska Villanueva, Präsidentin von Ñuke Mapu. "Hier leben zu können, ist ein Traum für mich. Ich weiß, dass ich nicht auf der Straße lande, wenn ich am Monatsende die Miete nicht bezahlen kann. Und ich weiß, dass mein Sohn in Ruhe aufwachsen kann", sagt sie. In diesem Jahr sollen die Bauarbeiten beginnen. "Wir wollen in Würde leben."

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