Solveig Michelsen

Reise-, Berge-, Outdoor-Journalistin, München

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Artikel

Wohin geht die Reise? Die großen Tourismus-Trends ab 2021

Die Corona-Epidemie hat alles durcheinandergewirbelt und auf den Kopf gestellt. Auch unsere Reisegewohnheiten und -vorlieben. Was vorher out war, ist jetzt in. Reisetrends einer Minderheit sind inzwischen für viele interessant. Wie wird die Welt nach Corona unterwegs sein?


Trend 1: zurück zur Natur

Social Distancing hat uns fast dazu gezwungen: Die Vermeidung von Menschenansammlungen führt zwangsläufig weg von den Städten, hin zur Natur. Denn auch wenn einzelne Ausflugsziele einen wahren Boom erleben, lässt es sich dort immer noch besser Abstand halten. Aber da ist noch etwas. Wer einmal die wohltuende Wirkung der Natur erlebt hat, bei einem Waldbad, in einem Sternenpark oder auf einer Wanderung, will mehr davon. Natur macht süchtig, weil sie uns zu uns selbst zurückführen, das Gemüt beruhigen und unliebsamen Gedanken ihr Gewicht nehmen kann. Das gilt auch für die Zeit nach einer Epidemie.



Trend 2: nachhaltiges Reisen

Klar, nachhaltiges Reisen gab es auch schon vor Corona, aber die Auseinandersetzung mit dem Thema ist ehrlicher geworden. Die Anfahrt mit dem SUV ins Öko-Hotel wirkt einfach nicht mehr glaubwürdig. In Zeiten, in denen der Flugverkehr fast vollständig zum Erliegen gekommen ist, hat man sich mit vielen Fragen auseinandergesetzt. Und erstaunt festgestellt: Es geht auch ohne Fernreisen. Überdies ist der bisherige Trend zu mehreren einzelnen Kurztrips viel zu stressig – die meisten wünschen sich inzwischen längere Urlaube, der Fokus liegt dabei auf Erholung. Auch das ist nachhaltig.



Trend 3: Nomadentum

Auch der „New Nomad“ hat mit Social Distancing und Natursehnsucht zu tun. Schließlich gibt es kaum geeignetere Übernachtungsmöglichkeiten in Zeiten von Corona als im eigenen Camperbus oder Wohnmobil. Der Traum vom einsamen Stehen an einem See, vor Bergkulisse oder allein im Wald lässt sich in Deutschland nur selten verwirklichen und treibt auch bedenkliche Blüten. Doch der Wunsch, in den eigenen vier Wänden unterwegs zu sein, ist groß genug, dass die Tourismusbranche darauf reagieren muss. Und hoffentlich mit ein paar kreativen und originellen Lösungen aufwartet, die die Fehden zwischen Wildcampern und Landbesitzern befrieden. Sonst bleibt immer noch: Glamping mit Ortswechseln.



Trend 4: Wellness und Gesundheit

Nicht Neues, aber jetzt erst recht, heißt es im Bereich Wellness und Gesundheit. Wer das Glück hatte, während der Lockdowns eine Entschleunigung zu erleben, möchte das nicht mehr eintauschen gegen Terminstress & Co. Nicht nur im alpinen Wellnesshotel, sondern auch auf längeren kurähnlichen Retreats. In der Ruhe liegt die Kraft, im Wellnessbereich die Zukunft des Tourismus: 18% aller Reisen weltweit sollen laut Global Wellness Institute im Jahr 2022 auf diesen Sektor entfallen. Für die eigene Gesundheit wird immer mehr Geld ausgegeben. Der Covid-19-Virus hat das nur noch beschleunigt.



Trend 5: authentischer Tourismus

Pauschalreise in den Touristenbunker mit organisierten Ausflügen in die Region? Damit lockt man kaum jemanden mehr hinterm Ofen hervor. Urlauber wünschen sich echte Begegnungen, keine inszenierten Pseudo-Events. Dafür sind sie auch bereit, Abstriche in Sachen Luxus zu machen. Denn was ist eine echte Couchsurfing-Freundschaft gegen die aalglatte Freundlichkeit der Hotelangestellten? Ungeplante Geheimtipps einer Einheimischen gegen das Anstehen am ewig gleichen Instagram-Spot? FOMO (Fear of Missing Out) weicht einer zunehmenden Selektion. Eine solche Beschränkung wird meist mit Authentizität belohnt.



Trend 6: soziales Engagement

„Weniger ist mehr“ auf die Spitze gebracht plus „hautnah dran und live dabei“ – mit sozialem Engagement lernt man ein Land und seine Leute von innen kennen. Das gute Gefühl stellt sich dabei nicht nur bei Menschen mit Helfersyndrom ein, denn Workcamps oder Farmstays sind eindrückliche Erlebnisse, die nicht nur lange in Erinnerung bleiben, sondern ein ganzes Weltbild prägen können. Während diese Art zu reisen bislang vor allem von jungen Menschen kurz nach dem Schulabschluss genutzt wurde, schleicht sich langsam auch bei den Älteren die Erkenntnis ein: Für Phasen einer Neuorientierung oder Selbstfindung bietet soziales Engagement die besten Chancen.