Solveig Michelsen

Reise-, Berge-, Outdoor-Journalistin, München

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Getöse, Gepfeife, Gesäuse

Das Gesäuse kennen viele nur dem lautmalerischen Namen nach. Wer weiß schon, dass es - eingeklemmt zwischen hoch aufragenden Felsen und reißenden Flüssen - zu einem Stück unbeachteter Natur gehört, wie man sie in den Alpen nur noch selten findet?

Das Gesäuse hat in einer Sache Glück: Zufallstouristen verschlägt es keine hierher. Ins Gesäuse muss man wollen: Sonst führt einen die A 9 bis nach Graz, bevor man realisiert, dass kurz nach der oberösterreichisch-steirischen Grenze ein urwüchsiger Nationalpark sein wildes Dasein fristet.

Der Nationalpark hat zweierlei: steile Felsen und wildes Wasser. »Epische Imagekategorien« nennt sie der Chef des Tourismusverbands Gesäuse, David Osebik. »Unsere Region ist wie eine kleine Boutique: Viel Platz ist nicht in der Auslage, aber dann kommen gleich die Spezialschubladen.«


Und davon gibt es eine ganze Menge, stellt der Besucher bald fest. Allein der Wassersport auf den beiden Flüssen Salza und Enns, der unter seinen Anhängern längst nicht mehr als Geheimtipp gehandelt wird, fächert sich in die unterschiedlichsten Kategorien auf: Es gibt etliche Rafting-Anbieter, außerdem Kajak- und Kanukurse, Gelegenheiten zum Riverbugging (mit einer Art aufgemotzten Luftmatratze und Flossen an Händen und Füßen), Canyoning und sogar organisiertes Fliegenfischen, das schon Ernest Hemingway hier betrieben haben soll.

Trotzdem möchte man so weit wie möglich auf den Fun-Charakter dieser Freizeitbeschäftigungen verzichten und rückt die Natur in den Vordergrund: »Denn die ist noch unversaut«, fasst es Osebik zusammen. Die smaragdgrüne Salza kann es in Sachen Wildwasser mit der legendären slowenischen Soça aufnehmen, die Enns - ein ganzes Tal hört auf ihren Namen - übertrifft sie noch. Mit einrahmenden Felsen und Konglomeratschluchten geben die beiden einen treffenden Vorgeschmack, welche Emotionen die Natur hier bei Besuchern wecken kann.


Das gilt auch für die berühmte Nordwand des Hochtors, den mit 2369 Metern höchsten Berg der Ennstaler Alpen, durch den zahlreiche verwegene Kletterrouten führen. 900 Meter - bottom to top. Steht man den steinernen Wuchten vis à vis gegenüber, ergreift einen aufrichtige Ehrfurcht: vor den Gesteinsmassen und den waghalsigen Kerlen, die hier als erste kletterbare Linien ausgemacht haben. Nicht umsonst wird das Gesäuse unter Kennern auch »Hochschule des Kletterns« genannt. Seit über hundert Jahren schreiben Bergsteiger hier Geschichte.


Auch traurige. Im Bergsteigerdorf Johnsbach befindet sich der größte Bergsteigerfriedhof Österreichs. Kaum einer der hier Verweilenden hat das 40. Lebensjahr erreicht, das Gros ist zwischen dem 18. und 25. Lebensjahr abgestürzt. Manche hinterlassen immerhin ihre Namen in nach ihnen benannten Routen; anderer gedenkt man schon längst nicht mehr. Nur der ortsansässige Kölblwirt Ludwig Wolf weiß noch einige mündlich überlieferte Geschichten zu erzählen, denen es sich zu lauschen lohnt. Zum Beispiel über den renommierten Künstler und Alpinsportler Gustav Jahn (geb. 1879), der als akademischer Maler mit zahlreichen Preisen überhäuft wurde, als Skispringer die Einladung zu einem seiner Wettbewerbe selbst gestaltete, den Ersten Weltkrieg im Dolomiteneinsatz überlebte - und dann 1919 an der Schlüsselstelle der Ödstein-Nordwestkante den Tod fand.


Wesentlich harmloser ging es zur Sommerfrische Ende des 19. Jahrhunderts zu, als die gerade fertig gestellte Eisenbahnlinie Bischofshofen-Liezen/Selzthal die ersten Touristen aus den Städten Wien und Graz hereinbrachte, angezogen auch vom Benediktinerstift Admont mit der größten und prunkvollsten Klosterbibliothek der Welt. Die sonst so ruhige, aufgrund der Felsengen hier aber wild schäumende Enns wurde ab 1872 also auch vom Getöse und Gepfeife der Ennstalbahn begleitet. Was die Gesäuse-Bewohner, neumodisch »Xeiser«, vor eine schwierige Entscheidung stellte: Erwerbsquelle Tourismus - ja oder nein? Und wenn ja: wie viel davon? Obwohl die Einnahmemöglichkeiten nur spärlich gesät waren, ließen sich überraschend wenige auf den neuen Dienstleistungssektor ein.


Auch heute noch ist das nicht anders: Zwar werden inzwischen rund 50 Prozent der Einnahmen touristisch generiert - die Begeisterung darüber wächst aber nur zögerlich. Zuletzt dank eines erfolgreichen Projekts namens »Gemeinsam«, das alle Nationalpark-Partner in einem ansprechenden Fotoband vereinte: Nicht nur dem Tourismus, auch der Region fühlt man sich hier verpflichtet. So sehr, dass inzwischen sehr genau unterschieden wird, wer Teilnehmer des Nationalpark-Projekts ist und wer nicht. Die Bande werden neu geflochten, die Zöpfe sind hier sehr dick. Das bekommt mitunter auch der Gast zu spüren: Vielerorts will man unter sich bleiben und schimpft ganz offen auf alle, die von außen kommen. »Wir sind halt nicht so anbiedernd wie die Tiroler, eher hölzern, aber dafür ehrlich«, heißt es. Auch über diese »Spezialschublade« kann (und sollte) man nachdenken.


Die Natur aber kennt solche Kategorien nicht. Und präsentiert sich auch dem Besucher wild und ursprünglich und prächtig. Schon Gebietskenner Ferdinand Krauss schrieb 1897 über einen seiner Lieblingsorte im Gesäuse: »Die schöne Lage Palfaus, an der Kreuzung von drei prächtigen Gebirgsthälern und am Fuße aussichtsreicher Berge (…), lassen dieses Gebirgsdorf zur Sommerfrische für Jene geeignet erscheinen, die abseits vom Wege einen stillen Erdenwinkel suchen, um sich ganz dem Genusse einer noch vollkommen unverkünstelt gebliebenen Gebirgswelt zu widmen.«


Das kann man auch für 2020 noch ohne Zögern unterschreiben.