Solveig Michelsen

Reise-, Berge-, Outdoor-Journalistin, München

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Reportage

Grün, wild und ungezähmt

Grün, wild und ungezähmt

Östlich von Madagaskar versteckt sich eine wild zerklüftete Vulkaninsel im Indischen Ozean: La Réunion. Insbesondere Wanderer sollten sie auf ihre Liste setzen.

Das Flugzeug setzt zur Landung an, die Passagiere kleben an den Fenstern. Denn aus der Vogelperspektive lässt sich das Wesen der Insel am besten erfassen: tiefe Schluchten, üppig begrünte Steilwände, schier endlose Wasserfälle, dann wiederum vulkanische Steinwüsten. Man würde sich in einem Fantasy-Roman wähnen, flögen auch noch goldene Drachen herum. Mit seinen vielfältigen Landschaftszonen auf engstem Raum verblüfft La Réunion selbst Besucher, die zu wissen meinen, was sie erwartet. Schon die Küste bedient sämtliche Vorlieben: vom tropischen Bacardi-Feeling in der vom Korallenriff geschützten Lagune bis hin zu rauen, vulkanischen Steilklippen, die durch ihre Porosität die Gischt in meterhohe Fontänen verwandeln. Doch die wenigsten Urlauber nehmen die weite Anreise zum Baden oder Surfen auf sich. La Réunion, ein Übersee-Departement Frankreichs und damit südlichster Punkt der Europäischen Union, ist als exotische Wanderdestination bekannt.

"42% unserer Insel sind Nationalpark und gehören zum UNESCO-Weltnaturerbe", verkündet Reiseleiter Christoph Kindler. Er spricht in der Wir-Form, obwohl er aus Bayern stammt; vor 15 Jahren ist er nach La Réunion ausgewandert. Doch der Stolz auf "seine" Insel ist ihm anzuhören. Diese ist an topografischer, klimatischer und botanischer Vielseitigkeit kaum zu überbieten und verdankt ihre Existenz einem Vulkanausbruch, der vor knapp drei Millionen Jahren aus einem Unterwasservulkan eine Insel von der Größe des Saarlands gemacht hat. Diesem „Erbauer“ der Insel wird auch heute noch fleißig gehuldigt: Für zahlreiche Wanderer ist der Piton des Neiges ein begehrtes Ziel. Schließlich ist er nicht nur der höchste Punkt der Insel, sondern des gesamten Indischen Ozeans. Und mit seinen 3071 Metern auch noch dessen einziger Dreitausender.

Für eine Besteigung starten die meisten Aspiranten im üppig grünen Cilaos, einem der drei Cirques, die sich um den Hauptgipfel gruppieren. Dieser Talkessel ist über eine abenteuerliche, in vielen Kurven (262 an der Zahl!) dem Berg per Hand abgerungene Straße zu erreichen. Und er bietet – neben zahlreichen weiteren Treks durch Schluchten und Dschungel – den kürzestmöglichen Anstieg auf den König des Indischen Ozeans. Was für durchschnittlich sportliche Wanderer immer noch einer Zwei-Tages-Tour gleichkommt: Dreieinhalb bis vier Stunden sollten für die 1100 Höhenmeter bis zur Hütte eingerechnet werden, danach sind es noch einmal 600 Höhenmeter bis zum Gipfel. Unterwegs streift man durch mehrere Vegetationszonen: mystisch der „Bart des Jupiters“ – weißes Moos, das zuhauf von den Bäumen hängt und dort schmarotzt –, majestätisch die Japanzedern. Diese wurden als Erosionsschutz und zur Möbelholzgewinnung angepflanzt. Und immer wieder dichter Dschungel, der sich nur durch die Abwesenheit giftiger Tiere von anderen Tropenwäldern unterscheidet. Zuletzt wird der Bewuchs niedriger, der Untergrund karger, bis nur noch ein paar Gräser zwischen den Steinen übrig sind.

Wer hier oben auf übernachtet, darf keinerlei Komfort erwarten; trotzdem ist die spartanische „Refuge de la Caverne Dufour“ immer gut gebucht. Denn keiner will das Spektakel verpassen, für das sich nahezu alle Übernachtungsgäste um halb vier Uhr morgens aus den feuchten Decken schälen: den Sonnenaufgang auf dem Gipfel. Davor heißt es zwei weitere Stunden bergauf marschieren, bevor man mit einer grandiosen Aussicht, beeindruckenden Tiefblicken und mit etwas Glück auch der aufgehenden Sonne belohnt wird, die sich aus dem (Wolken-)Meer erhebt.

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