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Serie "Schöne, bessere Welt", Folge 2: Im Gefängnis

Manchmal fällt es schwer, an das Gute im Menschen zu glauben. Geschweige denn, es zu verorten. Es scheint unter einer Decke verschüttet zu sein, die den berühmten Firnis der Zivilisation zu ersetzen beginnt. Es zu bergen, gleicht daher einer Mammut­aufgabe. Dennoch wagen sich einige beständig dran. Unter ihnen Andrea Seelich. Als Architektin zählt sie zu den subtilsten Bergungs­arbeiterinnen.

Seit 25 Jahren entwirft, plant und optimiert die Pragerin Gefängnisse in ganz Europa. In Tschechien konzipierte sie den ersten «offenen Vollzug», wo Insassen in einer dorf­ähnlichen Siedlung ihre Haftstrafe verbüssen. In Österreich definierte sie die Mindest­standards für die Grösse von Haft­räumen, in der Schweiz entwickelte sie ein Farb­konzept für das Bässlergut II in Basel. Seelich ist Expertin eines Faches, das es eigentlich gar nicht gibt. Nicht mehr. Seit Mitte des 19. Jahr­hunderts wird Gefängnis­architektur in Europa nicht mehr unterrichtet. Das Wissen darüber, wie Licht, Farbe, Akustik und Proportionen die Ziele des modernen Straf­vollzugs unterstützen können, gerät in Vergessenheit.

Und genau hier setzt Andrea Seelich an. Geboren 1969 in Prag, aufgewachsen in Wien, Washington D.C. und Bern, hat die Tochter eines Professors für Kunst­geschichte und einer Drehbuch­autorin seit ihrer Kindheit beobachten können, wie sich Menschen in freien und weniger freien Systemen benehmen. Das hat sie geprägt. An der Hochschule in Prag wollte sie heraus­finden, wie man Häuser entwirft, die Menschen nicht so leicht verlassen können. Denn: «Wenn ich ein scheussliches Gebäude entwerfe, kann jeder rausgehen, aber wenn ich ein scheussliches Gefängnis entwerfe, bleiben die Leute drinnen.» Während ihre ehemaligen Kommilitoninnen heute Villen für Oligarchen planen, feilt sie an Gefängnissen, weil sie hier «als Architektin die maximale Verantwortung und die maximale Wirkung» hat. Das Konstruktive im Menschen will sie fördern und verhindern, dass sich die Leute hinter Gittern die Köpfe einschlagen. Mit allen Mitteln der Architektur.


Klappt das wirklich mit der richtigen Kulisse? Haben eine graue Wand, ein etwas breiterer Gang, eine Keramik­toilette oder ein Holztisch einen so grossen Einfluss auf unser Verhalten? Mehr noch: Wird man ein besserer Mensch, wenn man in schöneren Räumen wohnt, gar eingesperrt ist? Diese Frage wird Andrea Seelich immer wieder gestellt. Die Frage hat etwas Verzweifeltes, fast so, als wollte man in der richtigen Spachtel­masse eine Zauber­formel für das zivilisierte Menschsein erblicken. Mit Magie kann Seelich nicht dienen, dafür mit einer Antwort, die dennoch Hoffnung macht: "Man benimmt sich einfach humaner, wenn man sich wohler fühlt."

Wie das aussehen kann, zeigt sie in der Praxis, bei einem Ausflug in den Aargau, in die Justiz­vollzugs­anstalt Lenzburg.

Ein Gefängnis zum Protzen

Lenzburg: 11'000 Einwohner, Schlossberg, Kuhdung und mittendrin ein Gefängnis, das einst als das modernste Europas galt. 1864 eröffnet, war es damals ein Vorzeige­objekt, ein Strahlenbau mit fünf Flügeln, wo die Insassen in Einzel­zellen statt Massen­schlafräumen unter­gebracht wurden. Das Vollzugs­system setzte mit Schule und Werkstätten schon früh auf Erziehung statt auf Strafe. Bis heute hat man sich das Pionierhafte erhalten. Der Gefängnis­direktor Marcel Ruf wird als besonders innovativ bezeichnet. So war er hierzulande der Erste, der eine Abteilung für alte und pflege­bedürftige Gefangene aufbaute, früh in ein Drohnen­abwehrsystem investierte, restaurative Gespräche zwischen Tätern und Opfern einführte und Präventions­kurse für straf­gefährdete Jugendliche in Lenzburg anbot.

Bei einer Diskussions­veranstaltung ist ihm Andrea Seelich vor ein paar Jahren begegnet. Wenig später lief sie durch sein Gefängnis - und war beeindruckt. Überhaupt ist Seelich angetan vom Schweizer Straf­vollzug, viel fortschrittlicher sei man hier als in anderen Ländern, und das schon seit über 100 Jahren. Lenzburg sei beispielhaft dafür. Und für den Laien eine gute Schule. 158 Jahre Gefängnis­architektur an einem Ort. Ideal, um ihre Macht zu demonstrieren, damals wie heute.

Auf einem Spaziergang beginnt die erste Lektion. Bevor Seelich ein Gefängnis betritt, erkundet sie zuerst die Umgebung, will wissen, wie es "in der Landschaft liegt". Sie steht auf einer Wiese zwischen der historischen Strafanstalt und dem Neubau, dem Zentral­gefängnis, das 2011 ein paar Meter weiter eröffnet wurde. "Hier hat sich der Staat mit dem Gefängnis repräsentiert", sagt sie und zeigt auf den alten Strahlenbau mit den roten Ziegel­dächern und dem markanten Pavillon, der zwischen den Flügeln in der Mitte hervorragt. Das Gebäude ist sichtbar für alle, anderen Gebäuden, Denk­mälern und gar Wahrzeichen der Stadt ebenbürtig. Ganz anders der Neubau aus Beton, der wie eine graue Schachtel versenkt in einer ehemaligen Kiesgrube versteckt zu sein scheint. Die Botschaft: Da ein Staat, der sich mit seinem Resozialisierungs­auftrag architektonisch brüstet, dort einer, der ihn wie eine beschämende Unannehmlichkeit versteckt.

Eine Haltung, die Seelich bedauert. Denn der Staat könnte mit "seiner Dienst­leistung an der Gesellschaft" protzen. Jeder Cent, der in einen Insassen investiert wird und der dazu beiträgt, dass er nicht rückfällig wird, sei eine Investition in den Opferschutz.

Seelich mustert diskret den Hof, der hinter der sechs Meter hohen Mauer von der Wiese aus zu erkennen ist, die Schirme, unter denen ein paar Männer in Jeans und roten Pullovern stehen und auf eine Wand mit Graffiti schauen. Am nächsten Tag erklärt Gefängnis­direktor Ruf, dass es sich dabei um den Spazierhof der Senioren handelt. 18 Männer, jenseits der 65, sind derzeit hier inhaftiert. Bald muss die Anzahl der Zellen für sie aufgestockt werden, zu hoch ist der Bedarf für die älteren Gefangenen.

Quadratische Räume beruhigen

Lenzburg verfügt über 363 Hafträume, 330 sind derzeit belegt, 12 von Frauen. Marcel Ruf empfängt vor dem Eingang des Zentral­gefängnisses, der modernen Beton­schachtel. Drei Stunden lang wird er an diesem Donnerstag­vormittag durch Zellen, Besucher­räume, Werk­stätten und Spazierhöfe führen.

Die erste Station ist eine Untersuchungs­zelle im Untergeschoss des Zentral­gefängnisses. Im Schnitt halten sich Personen hier 14 Tage auf. Was ihnen zur Verfügung steht, ist überschaubar: Bett, Tisch, Fernseher, Toilette, Wasch­becken, Spiegel, Geschirr und Aschen­becher. Wären nicht die Gitterstäbe mit dem engmaschigen Gitternetz in der Mitte vor den Fenstern, würde man meinen, man befinde sich im Zimmer einer Jugend­herberge, die auf Betonchic setzt. Der Vergleich irritiert Andrea Seelich, sie rüttelt an den Möbeln, um zu zeigen, dass sich diese ganz anders als in der Jugend­herberge nicht verrücken lassen: Sie sind angeschraubt. Bevor irgendwelche Vergleiche gezogen würden, solle man doch besser ein paar Minuten im Raum verbringen, erspüren, wie er auf einen wirkt, empfiehlt Seelich streng.

Allein in der Zelle, fallen plötzlich die Details auf. Wie nah etwa die Toilette an der Wand dem Kopfende des Bettes kommt. Was das heissen muss, permanent vom Geruch der eigenen Ausscheidungen in den Schlaf gelullt zu werden. Der Blick fällt auf den Tisch mit der roten Platte am anderen Ende des Raumes. Jeden Tag wird an diesem Tisch zur selben Zeit gefrühstückt, zu Mittag und zu Abend gegessen. "Don't shit where you eat" bekommt hier eine ganz andere Bedeutung, Toilette und Essraum sind eben nicht zu trennen. Und man hört die Stimmen auf dem Gang, deren Gespräch genau zu folgen wäre, würde man das Ohr an die Tür pressen. Die Tür, eine schwarze Tür ohne Knauf, ohne Klinke. Spätestens dann verpufft jeder Vergleich.

12 Quadratmeter ist die Zelle gross. 4 Meter lang und knapp 3 Meter breit. Ein Rechteck. Diese Form ist die Norm für Hafträume, da sie wenig Fassade in Anspruch nimmt und daher billiger ist zu bauen. Ideal wäre aber ein Quadrat, sagt Andrea Seelich. "Quadratische Räume beruhigen und laden zum Verweilen ein, während längliche eine Bewegungs­richtung vorgeben." Ausserdem biete eine quadratische Zelle mehr Optionen an, sich zu bewegen und zu setzen, viel mehr als ein Raum, der durch seine Länge in einen definierten Platz für das Bett und einen schmalen Gang daneben unterteilt wird. Auch der Fernseher lässt sich in quadratischen Räumen anders positionieren. In schlauch­artigen Zellen ist er immer gegenüber dem Bett vor dem Fenster angebracht, da das Licht an einer anderen Stelle auf dem Schirm spiegeln würde. Das verdamme die Gefangenen dazu, sich zum Fernsehen "wie in einen Sarg" ins Bett zu legen, statt sich in der Zelle frei platzieren zu können und auf andere Gedanken zu kommen.

12,5 Quadratmeter. Auf diese Zahl konnte Seelich die gesetzlich vorgeschriebene Quadratmeter­zahl pro Häftling bei Gefängnis­neubauten im österreichischen Straf­vollzug mit ihrer Forschung verdoppeln. So viel braucht ein Insasse, wenn alles untergebracht werden soll, vom Bett bis zur Zahnbürste. Und damit er sich ein bisschen bewegen kann, etwa seinen Pullover im Stehen an- und ausziehen, ohne dabei mit dem Arm an die Wand zu stossen. In Tschechien, erinnert sich Seelich, habe man früher die Raummasse nach der Länge des Schlagstocks der Wärter bemessen. Wichtig war nur, dass man genug Platz hatte, um damit richtig ausholen zu können. Prioritäten, auf die sie in ihrer Arbeit heute verzichten darf.

Ästhetisch das alte Leben hinter sich lassen

Wie es sich lebt auf engstem Raum, hat Andrea Seelich ein Jahr lang selbst ausprobiert. Auf 9 Quadratmetern wohnte sie in einem Zimmer in einem ehemaligen Heim für Näherinnen im Prager Stadt­zentrum. "Als Architektin ist die Situation in einer Zelle nur räumlich nachfühlbar, aber nicht als Freiheits­entzug, weil ich immer den Schlüssel habe", sagt sie. In dieser Zeit wurde Seelich klar, wie wenig Platz sie für ihre Habseligkeiten benötigte und wie dankbar sie für das grosse Fenster war. "Je beengter der Raum, desto dominanter wird die Aussicht", erklärt sie. Der Blick in die Ferne ist essenziell und etwas, das die Insassen in der Haft verlernen.

Hier, in der Zelle der U-Haft in Lenzburg, gibt es keine Ferne. Nur den Blick durch das Gitter auf die Beton­mauer mit einem Graffiti. Zu erkennen ist ein Spatz, der auf dem Zeige­finger einer massiven Männer­hand balanciert, die zaghaft aus einem Loch greift. Vor einigen Jahren hat Gefängnis­direktor Ruf ein paar Künstler engagiert, um die Wände seiner Anstalt zu besprayen. Nicht nur für die Insassen, sondern auch für die Angestellten, die hier jeden Tag ein und aus gehen. Auch sie sollen mehr zu sehen haben als grauen Beton. An der Mauer, den Wänden, in den unter­irdischen Gängen, dem Treppen­haus und den Spazierhöfen, die jetzt an kleine Erlebnis­welten erinnern. Hier ein buntes Dächer­meer einer Stadt, dort eine Alm, da ein grünes Dschungel­gestrüpp. Bringt das was? Ein bisschen simulierte Urbanität und Natur an der Wand?

"Was ist die Alternative? Eine graue Wand?", fragt Seelich zurück. "So ist das künstlerisch und handwerklich wertvoll." Optimal wäre es, wenn die Gefangenen überhaupt nicht auf eine Wand sehen müssten, sondern in die Weite blicken könnten, aber dafür hätte man schon beim Grundriss ansetzen müssen. Wenn eine Beton­schachtel einmal steht, lässt sich nur mehr ausbessern, was einmal verbockt wurde. Mit Farbe geht das. Allerdings nur mit Mass, sagt Seelich.

Einige Gefängnisse würden aussehen wie Kinder­gärten für Erwachsene, weil irgendwer in einer Zeitschrift gelesen hat: Gelb belebt, Blau besinnt, Grün konzentriert und Pink beruhigt. Pinke Arrest­zellen lagen eine Zeit lang weltweit im Trend, das berühmte Baker-Miller-Pink wurde als Wunder­waffe im Kampf gegen Aggressionen im Gefängnis und in psychiatrischen Einrichtungen eingesetzt. Auch in Lenzburg gab es eine pinkfarbene Zelle. Fast peinlich berührt erzählt Gefängnis­direktor Ruf, wie er sich davon überzeugen liess. Doch als er merkte, dass sich die Farbe weder positiv noch negativ auf die Insassen auswirkte, liess er die Zelle wieder weiss streichen, auch, um Gefangene mit etwaigen archaischen Männlichkeits­bildern nicht unnötig zu provozieren.

Seelich kann solchen Farb­experimenten wenig abgewinnen. "Als Architektin muss ich mich in der Farb­gebung zurücknehmen", sagt sie, "um dem Insassen das Gefühl zu vermitteln, er habe genug Raum, sich selbst zu reflektieren und aus seinen alten Mustern rauszukommen." Es sei klüger, die Zellen weiss zu streichen. In einem weissen Raum könne man sein altes Leben leichter hinter sich lassen. Diesen Hinweis hat sie auch unlängst in einer Drogen­therapie­station deponiert, die aussah wie eine Junkie-WG. Für die Therapeuten waren die angesprayten Wände hip, ein Beweis dafür, dass sie sich in ihre Klientinnen einfühlen konnten. Für die Sucht­kranken weniger, weiss Seelich: "Die sagen: Ich will aus dem alten Leben aussteigen, und das kann ich nicht, wenn ich ständig daran erinnert werde, auch ästhetisch."

Es gilt, Monotonie zu brechen

Es geht weiter in die alte Anstalt, den Strahlenbau. 170 Männer sind hier eingesperrt, im Normal­vollzug. Das heisst: 6.45 Frühstück, ab 7.15 Arbeit bis 11.30, dann Mittagessen auf der Zelle, ab 13 Uhr wieder Arbeit bis 16.30, ab 17 Uhr Freizeit und ab 20.10 Einschluss. Und das für Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte.

Auf dem Weg in die Zentralhalle mit dem Pavillon richtet Andrea Seelich die Aufmerksamkeit auf den Gang mit dem Kunstwerk des Bildhauers Jean-Louis Ruffieux. Die Kalksteine, die wie unausgedrückte Pickel aus der Wand ploppen, interessieren sie dabei weniger. Zwar sei die Asymmetrie des Werkes spannend, aber für die Raumwirkung sei etwas ganz anderes entscheidend: die dunklen Säulen alle paar Meter, die den Gang "rhythmisieren": "Dadurch wirkt er kürzer", sagt Seelich. "Wäre hier alles weiss und am Ende eine weisse Wand, würde einem dieser Weg endlos vorkommen."

Es gilt, die Monotonie zu brechen. Sie langweilt. Und was langweilt, verursacht Stress. "Deswegen ist es gut, Momente zu schaffen, die einen überraschen können", sagt Seelich, "am dankbarsten ist es, mit Tageslicht zu arbeiten. Das ist immer da, immer in Bewegung und hat unterschiedliche Farben."

Vor 158 Jahren hat man das begriffen. In der Zentral­halle ist das spürbar. Sie ist durchflutet von Sonnenlicht. Die eigene Stimmung hebt sich sofort. Müde hat das Kunstlicht in den unter­irdischen Gängen gemacht. Erst im Kontrast fällt auf, wie beklemmend das war. Hier ist es hell und ruhig.

Die Gefangenen sind derzeit auf ihren Zellen und essen zu Mittag. Nur einige stehen im Erdgeschoss. Für den Laien sind die Männer nicht als Gefangene erkennbar, blaue Jeans, Shirts und rote und graue Pullover. Sie sind frei in ihrer Kleiderwahl, nur Hemden dürfen sie nicht tragen, die sind dem Gefängnis­personal vorbehalten.

Ein paar junge Insassen nutzen die Gelegenheit, um mit Gefängnis­direktor Marcel Ruf zu sprechen, während Seelich auf Details hinweist. Die filigranen Gitter etwa, die das Gelände zwischen den drei Geschossen umschnörkeln und Abwechslung für das Auge bieten. Sie deutet vor den Zellen im ersten Stock auf den Holzboden, der laut knarrt, wenn man ihn betritt. Absicht sei das, damit der Gefangene in der Zelle sich akustisch orientieren kann.

Früher war die Theorie verbreitet, dass Isolation der Weg zur Besserung sei. So waren die Quäker Mitte des 19. Jahrhunderts im US-Bundesstaat Pennsylvania der Überzeugung, Kriminelle mit absoluter Stille rehabilitieren zu können. Dazu zählte auch, dass die Wärter Überzüge über ihren Schuhen trugen, damit ihre Schritte nicht so laut hallten, wenn sie ihre Runde drehten. Keine gute Idee, wie Francis C. Gray 1847 in seinem Bericht "Prison Discipline in America" notierte: "Es scheint, dass das System ständiger Isolation, wie es hier eingeführt wurde, und wird es mit noch so grosser Humanität vollzogen, so viele Fälle von Geistes­krankheit und Todesfälle hervorbringt, dass wir ganz klar davon ausgehen können, dass Körper und Geist dabei geschwächt werden."

Ein klassischer Fall von gut gemeint, aber nicht gut. Auch heute sind solche Ansätze vielfach zu beobachten, weiss Seelich. Etwa wenn Architektinnen versuchen, Gefängnissen das Gefängnis­hafte zu nehmen. So gibt es Kollegen, die Gitterstäbe vermeiden wollen, das Symbol der Repression. Als Alternative bieten sie schuss­sichere Panzerglas-Fixverglasung für die Fenster. Dadurch lassen sich die Hafträume aber nicht querlüften und werden stickig. Ähnlich verhält es sich mit Fenstern, die bis zum Boden reichen, damit die Gefangene in der Zelle viel Licht hat. In Wahrheit heizt sich der Raum dadurch nur auf, und die Insassin fühlt sich darin wie in einem Terrarium.

Und dann gibt es auch noch gut gemeinte Entwürfe, die sogar gefährlich werden können. Seelich erinnert sich an ein modernes Gefängnis in Österreich, wo der Architekt für eine Jugend­abteilung nicht nur auf einen Balkon, sondern auch auf Toiletten ausserhalb der Hafträume bestand. Er hielt es für inhuman, wenn die Insassen neben ihrem Klo wohnen müssen. Damit die Jugendlichen nachts die Toiletten benutzen konnten, wurden die Zellen nicht abgesperrt. Eines Morgens entdeckten die Mitarbeiterinnen einen halb erfrorenen Jugendlichen auf dem Balkon, von seinen Mit­gefangenen mit Exkrementen beschmiert. "So was basiert auf totaler Unkenntnis des Straf­vollzugs­alltags", sagt Seelich. "Das ist nicht eine nette Jugend­gruppe auf Ausflug, das sind Menschen mit echten Problemen."

Es gibt keine Resozialisierung im Fake

Daher wollte Seelich neben Architektur auch Kriminologie studieren, um besser zu verstehen, was es bedeutet, etwas für unterschiedliche Zielgruppen mit unterschiedlichen Bedürfnissen zu entwerfen: Insassen, Besucherinnen, Mitarbeiter. Funktionalität hat dabei Priorität. Aber die Funktionalität soll qualitativ sein. Daher plädiert sie dafür, auf Materialien zu setzen, die elegant altern: Holz, Stein, Ziegel, und kein Plastik, das nicht nur schneller kaputtgeht, sondern auch gesundheitliche Auswirkungen auf die Gefangenen hat. Ein Plastik­tisch, der nach Holz aussieht, sich aber nicht so anfühlt, irritiere. "Wenn ich so eine Irritation permanent erfahre, führt das zu Stress", sagt die Architektin. "Ich will den Insassen stimulieren und muss das, was ich ihm optisch verspreche, auch haptisch einhalten."

In Lenzburg geschieht das. Seelich streicht über eine Marmor­platte, die in einer Zelle als Ablage­fläche dient. Daneben steht ein Holztisch. Sensorisch sei das angenehm für den Gefangenen, da spüre er die Kälte des echten Marmors, daneben die Struktur und Temperatur des echten Holzes. Was nach einem unwesentlichen Detail aussieht, ist wesentlich für den Auftrag des modernen Straf­vollzugs, sagt Seelich: "Es gibt keine Resozialisierung im Fake."

Auch Gefängnis­direktor Marcel Ruf ist sich dessen bewusst. Er zeigt auf die Keramik­toilette. Bei einem Besuch einiger Kollegen aus Deutschland führte dies zu Diskussionen. Ob das so schlau sei, die Gefangenen würden so eine Toilette doch kaputt machen? Ruf schüttelt den Kopf. "Das passiert äusserst selten", sagt er, "ausserdem ist die Toilette zehnmal billiger als eine rostfreie, und sie sieht nach fünf Jahren immer noch gut aus." Und sollte sie tatsächlich zerstört werden, müssten die Gefangenen dafür aufkommen. Fast alle Gefangenen arbeiten in der Anstalt, wer Mist baut, muss damit rechnen, es aus eigener Tasche zu bezahlen.

Seit 21 Jahren arbeitet Ruf im Schweizer Straf­vollzug, 17 davon als Direktor. Er kennt die unterschiedlichen Ansätze und Einstellungen, worauf der Fokus gelegt werden kann. Heute ist vielerorts ein risiko­orientierter Vollzug zu beobachten, die Annahme, dass jederzeit etwas passieren könnte. An modernen Spazier­höfen lässt sich das gut beobachten. Viele Einrichtungen bevorzugen eine "klinische Steinwüste" statt eines Spazierhofs mit Rasen, Bäumen und Sträuchern. Zu riskant sei das für manche, da Gefangene in den Baum­kronen und im Gestrüpp etwas verstecken könnten. "Man muss aber berücksichtigen, dass Bäume, Rasen und Wasser auf die Psyche eine positive Wirkung haben", sagt Ruf, "und zwar auch für die Mitarbeiter."

Soll ein Gefängnis die Realität weichzeichnen?

Im Spazierhof der alten Anstalt herrschen noch andere Standards. Hier versperrt kein Gitter den Blick gen Himmel. Auch die Schritte klingen nicht mehr dumpf. Es knirscht, weil der Boden nicht aus Beton gegossen, sondern mit Kies bedeckt ist. Es gibt einen kleinen Rasen, eine Wippe für Kinder, wenn sie zu Besuch kommen, und einen kleinen Brunnen mit versetzten Steinen. Und mittendrin einen Magnolien­baum, der jetzt zu blühen beginnt. Ein echter Baum, keiner, der auf die Wand gezeichnet wurde. "Schon anders, oder?", fragt Andrea Seelich.

So anders, als wäre man fast gar nicht mehr in einem Gefängnis. Soll das Gefängnis­architektur schaffen? Die Realität ein wenig weicher zeichnen? Schwach­sinn, sagt Seelich. Ein Gefängnis sei für sie kein Ort des Grauens, den es zu kaschieren gilt, sondern für die einen ein Arbeitsplatz, an dem sie sich auch architektonisch wertgeschätzt fühlen sollen - und für die anderen ein Raum, der ihnen helfen soll, ihr Leben wieder auf die Reihe zu kriegen.

Vor kurzem hat ihr ein Insasse aus Tschechien auf Facebook eine Nachricht geschrieben. Hin und wieder passiert das. Da sie in vielen Gefängnissen unterwegs ist und Gespräche mit Insassinnen wie Angestellten führt, kennt man die Architektin in ganz Europa. Es war ein ehemaliger Gefangener. In vielen Gefängnissen sei er schon gesessen, hat er ihr geschrieben, aber in ihrem, dem Gefängnis in Jiřice, einer kleinen Gemeinde nordöstlich von Prag, sei es anders gewesen. Andrea Seelich habe hier einen Ort geschaffen, in dem er sich seiner Stellung in der Welt bewusst geworden sei und der ihm den Raum gegeben habe, um über sich nachzudenken.

Jetzt habe er eine Arbeit, eine Freundin und eine Wohnung.

Er wollte sich dafür nur bedanken. Bei ihr, der Gefängnis­architektin.

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