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Die Perspektivenwechslerin

Der Oscar ist keine große Sache. Zumindest nicht für Sudabeh Mortezai. Die Regisseurin, soeben mit dem Österreichischen Filmpreis ausgezeichnet, gehört nicht zu den Personen, die spätnachts während der Live-Übertragung der Verleihung der Filmpreise in Los Angeles entgegenfiebern. Oder die Roben der Stars bewundern, den Atem anhalten, wenn der Umschlag geöffnet wird, mitheulen, wenn sich Hollywood-Stars mit tränenerstickter Stimme bei Mom und Dad bedanken, die kleine Goldstatue fest umklammern. Mortezai schüttelt amüsiert den Kopf. Nein, sie gehört nicht zu denen, die diese Momente zu Hause vor dem Spiegel mit der Haarbürste in der Hand nachspielen. "Ich sage jetzt etwas Ketzerisches", setzt Mortezai an. Dann macht sie eine kurze Pause und lächelt. "Der Oscar ist überbewertet."

Am Sonntag, den 9. Februar, werden die goldenen Statuen wieder vergeben. Und Sudabeh Mortezais Spielfilm Joy wäre fast dabei gewesen. Fast hätte er es ins Rennen um den besten fremdsprachigen Film geschafft. Fast.

Mortezai, 52, dunkle Mähne, nachsichtiger Blick, zuckt mit den Schultern. Sie sitzt in einem Café im 15. Wiener Gemeindebezirk, ihrem Viertel, vor einem Glas heißer Ingwerlimonade und ist etwas erkältet. Für eine Stunde hat sie sich losgeeist von ihrem Computer, sie arbeitet bereits an ihrem nächsten Filmprojekt. Die Fast-Nominierung ist so gut wie vergessen. Das Tamtam um den amerikanischen "Lokalpreis", wie sie die Oscars nennt, berührt Mortezai nicht. Nicht mehr.

Im September sah es noch anders aus. Gefreut hat sie sich, als der Fachverband der Film- und Musikindustrie damals bekannt gab, Joy als Österreichs Kandidaten für den Auslandsoscar zu nominieren. Eine Ehre sei das für sie gewesen. Nach ein paar Wochen war das Rennen vorbei, noch bevor es angefangen hatte. Die Academy disqualifizierte den Film. Joy - ein Porträt über den Alltag nigerianischer Sexarbeiterinnen in - war nicht ausländisch genug für einen Auslandsoscar. Zu viele englische Dialoge lautete die Begründung für den Ausschluss. Lionheart, Nigerias Oscar-Kandidat, wurde aus demselben Grund disqualifiziert. Die Branche war empört. Vom "umgekehrten Kolonialismus" war die Rede. Afrikaner müssten in Filmen "afrikanische Sprachen" sprechen, um der amerikanischen Vorstellung "authentischer Afrikaner" zu entsprechen, kritisierte etwa die Publizistin Afua Hirsch im Guardian. Dass in Nigeria, einer ehemals britischen Kolonie, Englisch zu den Amtssprachen zählt, war der Oscar-Academy egal. Da gilt das Motto: Wir bestimmen, welche Sprache Ausländer sprechen. Und das ist nicht Englisch.

Sudabeh Mortezai ist diese Einstellung nicht fremd. Mit dem Blick der anderen kennt sie sich aus. Mit Zuschreibungen, was man zu sein, zu können, zu fühlen hat.

Geboren im deutschen Ludwigsburg, wo sich ihre Eltern, zwei Iraner, auf der Universität kennenlernten - er studierte Landwirtschaft, sie Architektur - ,wuchs Mortezai die ersten zwölf Jahre in Teheran auf. Das Revolutionsjahr 1979 erlebte sie im Iran. Sie nennt die Islamische Revolution nur "Revolution", da die Opposition gegen das repressive Schah-Regime viele Gesichter hatte, nicht nur das Bärtige der Ajatollahs.

Ein Jahr nach dem Umsturz zeichnete sich ab, in welche Richtung der Iran gehen würde. Die Mortezais kamen nach Wien. Es waren die Achtzigerjahre. "Wien war damals sehr weiß", erzählt Mortezai. Sie, die in Teheran die deutsche Schule besucht hatte und perfekt Deutsch sprach, wurde gleich am ersten Schultag im Gymnasium mit dem Blick der anderen konfrontiert. "Bei mir wird eine wie du sicher nicht maturieren", prophezeite der Klassenlehrer.

Es war damals ganz normal, rassistisch zu sein. Das war keinem peinlich

Mortezai winkt ab. Sie will nicht jeden rassistischen Angriff ihres Lebens, ob verbal oder physisch - und davon gab es einige -, noch einmal Revue passieren lassen. "Es war damals ganz normal, rassistisch zu sein. Das war keinem peinlich", sagt sie. Diese Normalität wurde ihr persönliches Trotzdem, "Ihr werdet schon sehen, ich schaffe es trotz euch", ihr Mantra. Mortezai maturierte. Sie studierte Theaterwissenschaft. Sie absolvierte eine Filmausbildung an der University of California in Los Angeles. Sie gründete eine Produktionsfirma. Sie drehte zwei Dokumentarfilme und zwei Spielfilme. Und sie gewann zahlreiche Preise. Trotzdem.

Auf Festivals in London, Chicago und Marrakesch wurde Joy ausgezeichnet. Zuletzt auch beim Österreichischen Film, wo der Streifen vergangene Woche vier Preise gewann: Beste Regie, Bestes Drehbuch, Bester Film und Joy Anwulika Alphonsus wurde als beste weibliche Hauptdarstellerin ausgezeichnet.


Trotz aller Erfolge hat Mortezai den Blick der anderen nicht vergessen. Er ist omnipräsent. Er begegnet ihr in den österreichischen Medien, in jeder österreichischen Serie, in jedem österreichischen Film. "Es ist ein weißer mitteleuropäischer gutbürgerlicher Blick, der etwas als die Mitte annimmt und alles andere als Peripherie", sagt sie. Leute wie sie existierten auf dem österreichischen Bildschirm nicht, und wenn, dann höchstens als Karikatur, als Menschen, die als Randfiguren betrachtet werden. Deswegen sieht sie kein österreichisches Fernsehprogramm. Es ist ihr zu exotisch.

Mortezai stellt sich diesem Blick, der definiert, was Nische ist und was Mainstream. Mit ihren Arbeiten dreht sie den Spieß um. "Es geht mir nicht darum, mich abzubilden, sondern was mir in der Gesellschaft auffällt und was ich nicht repräsentiert sehe", erklärt sie.

In ihren Filmen zwingt sie den Zuschauer, die Perspektive der Peripherie einzunehmen. In Joy ist es jene einer nigerianischen Prostituierten. Mit ihr geht man auf den Strich, singt in der Kirche, umarmt die Tochter, bietet der Zuhälterin Paroli und wäscht einem verliebten Freier mal gehörig den Kopf. Ihr Blick bestimmt, was normal ist und was exotisch. So wirkt die Anfangsszene, ein Ritual, bei dem ein Juju-Priester eine junge Nigerianerin schwören lässt, ihrer Zuhälterin, der Madame, in Europa zu gehorchen – inklusive Hühnerblut und abgeschnittenen Fingernägeln –, vollkommen normal. Ein Besuch in einem Salzburger Gasthaus, bei dem Männer als Krampusse verkleidet sind und herumbrüllen, hingegen verstörend.

Ähnlich in Macondo, ihrem Debütspielfilm. Da begleitet das Publikum Ramasan, den elfjährigen tschetschenischen Flüchtlingsjungen, der sich um seine zwei Schwestern kümmert, den neuen Freund seiner verwitweten Mutter zu vergraulen versucht, gelangweilt in der Moschee betet und sich mit anderen Halbstarken misst. Ganz unaufgeregt, und trotzdem ein Novum. Wie oft werden Tschetschenen in der österreichischen Medienrealität so gezeigt? So normal? "Ich bin sicher, das macht was mit dem Publikum, egal ob bewusst oder unbewusst", sagt Mortezai.

Für ihre Filme recherchiert Mortezai lange. Für Joy reiste sie in den Süden Nigerias, nach Benin City, der Heimatstadt vieler nigerianischer Sexarbeiterinnen in Wien. Sie sprach mit den jungen Frauen, den Juju-Priestern und den Medames, die selbst einmal Prostituierte waren. Jedes Detail ließ sich Mortezai genau beschreiben. Sie wollte nicht einen Film über diese Frauen machen, der auf sie herabsieht, sie gar noch einmal ausbeutet. Sie ist nicht in die Falle getappt, bescheinigten ihr Nigerianerinnen weltweit. Dank Netflix hatte Joy ein internationales Publikum. Jeder kann den Film sehen, egal ob in Lagos, Los Angeles oder Wien.

Erstaunt waren viele Nigerianer darüber, dass Mortezai, eine Frau, die nicht aus ihrer Kultur stammt, einen Film drehte, der den Ton so präzise traf. Zur "Ehren-Nigerianerin" haben sie einige sogar erklärt. Sudabeh Mortezai lächelt. "Das ist die Anerkennung, die ich will", sagt sie.

Hat sie trotzdem je Lust auf den "weißen mitteleuropäischen gutbürgerlichen Blick"? Auf die sogenannte Mehrheitsgesellschaft? Räumt sie ihr einen Platz ein?

Gewiss. Auch autochthone Österreicher tauchen in ihren Filmen auf. Hier ein Freier, dort eine Sozialarbeiterin, da ein Polizist. Ab und an huschen sie durchs Bild, mal hilflos, mal wohlgesinnt, mal bedrohlich. Aber im Prinzip sind sie vor allem eines: irrelevant. "Da bin ich schon radikal", sagt sie. "Das passiert, wenn man nicht die Perspektive der Handlung hat, dann wird man zu einer Nebenfigur degradiert."



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