Sina Horsthemke

Journalistin für Medizin, Gesundheit, Sport und Reisen, München

4 Abos und 1 Abonnent
Artikel

Nicht frühzeitig beatmen, sondern rechtzeitig

Nicht zu früh und nicht zu spät: Es ist eine individuelle Entscheidung, wann die Beatmung zum Einsatz kommen muss

Wie sie Covid-19-Kranken am besten helfen können, finden Ärzte derzeit heraus. Denn die Krankheit ist neu. Nun gibt es offizielle Empfehlungen wer wann und wie beatmet werden soll

Wenn in der Thoraxklinik des Universitätsklinikums Heidelberg in diesen Tagen das Telefon klingelt, ist nicht selten ein besorgter Patient am Telefon. Er drängt auf ein Gespräch mit dem Chefarzt der Abteilung für Lungenkranke, Felix Herth, und bittet ihn: »Wenn ich Covid-19 bekomme, versprechen Sie mir dann, dass Sie mich nur beatmen, wenn es wirklich nicht anders geht?« Den Lungenfacharzt machen solche Anrufe zornig. Nicht, weil sich Patienten melden. Sondern weil sie so verunsichert sind.

Zur Corona-Pandemie kursieren ohnehin schon viele Falschmeldungen. Erscheinen in den Medien dann noch Artikel, die das Bemühen der Ärzte infrage stellen und ihnen vorhalten, sie würden Patienten mit Covid-19 zu früh ans Beatmungsgerät anschließen, »kriege ich als Mediziner die Krise«, sagt Herth. »Ich würde mir niemals anmaßen, einem Kollegen zu unterstellen, er hätte zu früh beatmet, wenn ich gar nicht die Vorgeschichte des Patienten kenne.«

Offizielle Behandlungsempfehlungen für Ärzte zur Beatmung von Covid-19-Patienten gibt es erst seit dem 17. April 2020. Unter anderem steht in dem Papier, dass das Krankenhauspersonal Schutzkleidung zu tragen habe, wenn es Infizierte versorgt. Und dass Ärzte die Maßnahmen zur Beatmung bei Bedarf schrittweise steigern sollen.

Die Krankheitstage acht bis zwölf scheinen entscheidend

Die meisten Menschen, die sich mit dem Virus Sars-Cov-2 anstecken, bemerken es kaum. Der Großteil jener mit Covid-19 haben eine leichte Erkrankung und können sich zu Hause ohne medizinische Versorgung erholen. Ein Teil wiederum hat so stark Husten und Fieber, dass Ärzte sie beobachten und eventuell behandeln müssen. »Wir haben mittlerweile zwei Phasen von Covid-19 definiert«, erklärt Michael Pfeifer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie. »In der ersten verschlechtert sich der Gasaustausch in der Lunge und die Sauerstoffsättigung sinkt. Die Patienten fühlen sich abgeschlagen, sind aber stabil und haben keine Atemnot.«

Anders in der zweiten Phase. »Innerhalb weniger Stunden, das hat auch uns überrascht, kann es zu verstärkter Atemnot und einem kritischen Absinken der Sauerstoffsättigung kommen«, sagt Pfeifer – dann sei Eile geboten. Die Krankheitstage acht bis zwölf scheinen entscheidend: In diesem Zeitraum gewinnt entweder das Immunsystem oder der Patient gerät in die zweite Phase.

Weil sich der Zustand bei schweren Verläufen so schnell verschlechtern kann, sei in dieser Zeit eine engmaschige Überwachung erforderlich, sagt Pfeifer: »Wir prüfen dann permanent die Sauerstoffsättigung, die Herzfrequenz und die anderen Vitalparameter.« Medikamente für Covid-19 gibt es nämlich bisher nicht, Forscher testen derzeit diverse Mittel (siehe Tabelle). Etwa 20 Prozent der Menschen erkranken schwer, zumeist Ältere und jene, die schon Vorerkrankungen wie eine Herzschwäche oder eine chronische Lungenerkrankung haben. Man müsse deshalb stets »am Patienten« entscheiden, wann es an der Zeit für welche Methode ist, sagt Herth.

Funktioniert die HighFlow-Sauerstofftherapie nicht, wird beatmet

Der Lungenfacharzt behandelt vor allem Patientinnen und Patienten, denen das Virus stark zusetzt. »Grundsätzlich messen wir die Sauerstoffsättigung am Finger«, erklärt er. »Liegt sie bei Covid-19-Patienten unter 95 Prozent, führen wir ihnen über eine Nasenbrille zusätzlichen Sauerstoff zu.« Reiche das nicht, komme als nächstes die »High-Flow-Sauerstofftherapie« mit Nasenkanüle und höherer Durchflussrate zum Einsatz. »Bei den meisten Covid-19-Patienten gelingt das mit diesen Maßnahmen auch«, berichtet Herth. »Wenn nicht, müssen wir beatmen.« Das erfolgt entweder »nicht-invasiv« mithilfe einer Maske oder »invasiv« wie bei einer Operation.

Das bedeutet: Die Patienten befinden sich von Schlaf- und Schmerzmitteln betäubt im Tiefschlaf, während ein Kunststoffschlauch durch Mund oder Nase gleichmäßig Luft in ihre Lunge pumpt und ihnen die Atemarbeit abnimmt. Was viele nicht wissen: Für die invasive Form der Beatmung entscheiden sich Ärzte niemals leichtfertig. Sie nutzen sie nur, wenn sie dem Patienten das Leben rettet und es sonst keine andere Möglichkeit gibt.

Das Intubieren birgt nämlich gewisse Risiken. So steigt etwa die Gefahr, dass weitere Keime in den Körper gelangen.Zudem lässt langes Beatmen die eigene Atemmuskulatur verkümmern. »Wie ein Bein, das wochenlang in Gips war, ist sie danach sehr geschwächt«, erklärt Herth. Beenden die Ärzte die Beatmung, weil es den Patienten besser geht, könnten diese also nicht gleich nach Hause gehen. »Das Entwöhnen dauert eine Weile und kommt einem Trainingsprogramm für Sportler gleich«, berichtet der Arzt. »Immer wieder müssen wir die Betroffenen stundenweise allein atmen lassen.« Ein aufwendiges Unterfangen, das umso mehr Zeit kostet, je länger die Patienten intubiert waren. Ab sieben Tagen Beatmungsdauer sprechen Intensivmediziner von einer »Langzeitbeatmung«. Schwer erkrankte Covid-19-Patienten, sagt Herth, würden mitunter zwei bis drei Wochen lang beatmet.

Ob die invasive Beatmung erforderlich ist, ist stets eine individuelle Entscheidung. Den typischen Covid-19-Patienten gibt es quasi nur auf dem Papier. »Einen Älteren, der bereits einen Herzinfarkt hatte, muss ich beispielsweise früher intubieren als einen gut trainieren Sportler, auch wenn beide dieselbe Sauerstoffsättigung haben. An Leitlinien kann ich mich als Arzt dabei nicht immer orientieren«, sagt Herth.

Empfehlungen in Rekordzeit

Chefarzt Michael Pfeifer hat die Behandlungsempfehlungen zur Beatmung von Covid-19-Patienten mitentwickelt. »Der Grund für das offizielle Papier war, dass viele Einzelmeinungen kursierten und bei manchen Kollegen Unsicherheiten bezüglich der richtigen Behandlung bestanden«, sagt Pfeifer. »Uns haben immer wieder Anfragen von Ärzten erreicht, sodass wir als Fachgesellschaft zur Orientierung offizielle Empfehlungen herausgeben wollten« – das sei ein ganz normaler Prozess.

Allerdings entstand das Papier in Rekordzeit: In nur zwei Wochen schrieben die Fachärzte die Empfehlungen nieder, sonst dauert das oft mehrere Monate. Den Zeitpunkt für den Start der künstlichen Beatmung genau passend zu wählen, sei zweifelsohne wichtig, sagt Pfeifer: »Man soll nicht zu früh beatmen, sondern rechtzeitig.« Noch vor einer Weile hätte man sich bei der Behandlung der Erkrankten »zwischen Vermutungen und Tatsachen bewegt«. Jetzt gebe es – wenn schon keine Medikamente – Therapieempfehlungen auf wissenschaftlicher Basis. Die seien aber nicht in Stein gemeißelt, betont Pfeifer: »Es kann durchaus sein, dass die Empfehlungen in acht Wochen schon wieder anzupassen sind.« Denn mit jedem Patienten und jeder Patientin lernen die Ärzte dazu.

Zum Original