Selina Thaler

Redakteurin: Der Standard // frei: Die Zeit, Zeit Campus, Wien

11 Abos und 10 Abonnenten
Artikel

Wie sich die Wiener Mobilität durch Corona verändert hat

photo: murillo de paula

Die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel ging in der Corona-Krise zurück. Der motorisierte Individualverkehr und der Radverkehr wurden wieder beliebter


Selina Thaler, Oona Kroisleitner  23. Juli 2020, 10:36

Temporäre Begegnungszonen sowie Pop-up-Radwege zu Corona-Lockdown-Zeiten oder Pläne zur verkehrsberuhigten City: Wiens grüne Vizebürgermeisterin Birgit Hebein sorgte in den vergangenen Wochen und Monaten mit ihrer Verkehrsagenda für viele Schlagzeilen. Dabei kam es nicht selten zu Reibereien mit dem roten Bürgermeister Michael Ludwig. Das Vorpreschen seiner Stellvertreterin goutierte dieser nicht gerade. Zuletzt sprach er sich für eine Evaluierung der bestehenden Pop-up-Radwege und gegen die zeitlich begrenzte Nutzung eines Fahrstreifens durch Radler am Wiener Ring aus.

Zu diesen Querelen der rot-grünen Stadtregierung kam es schließlich auch, weil die Corona-Pandemie verdeutlicht hat, dass öffentlicher Raum – besonders in Städten – umkämpft ist. Gehsteige sind oft zu schmal, um den Mindestabstand einzuhalten, auf stark frequentierten Straßen fahren die Radler in Kolonnen, Autos stehen im Stau und viele Pendler aus dem Speckgürtel fahren wegen der überfüllten Park-and-Ride-Anlagen gleich direkt in die City, statt am Stadtrand auf Öffis umzusteigen.

Distance Learning und Homeoffice

Wegen der Abstandsregeln, der Angst vor der Ansteckung, Distance-Learning und Homeoffice sind seit Corona weniger Fahrgäste in den Öffis, dafür mehr mit dem Auto und Rad unterwegs. So wurden im Mai insgesamt 45 Prozent mehr Radfahrer registriert als im Mai des Vorjahrs, ergab eine Auswertung des Verkehrsclubs Österreich (VCÖ). Eine Evaluierung der Pop-up-Radwege der TU Wien für Verkehrsstadträtin Hebein zeigt, dass im Mai etwa am Praterstern im Schnitt 25 Prozent mehr Radler unterwegs waren als im Vergleichszeitraum in den Jahren 2017 bis 2019.

Das erhöhte Radaufkommen spiegelt sich – nicht erst seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie – in den Unfallzahlen wider. Während etwa in Österreich zwischen 2012 und 2018 die Verletzten bei Verkehrsunfällen mit Blick auf alle Verkehrsteilnehmer um 13 Prozent zurückgegangen sind, ist die Zahl der verletzen Radler um 22 Prozent gestiegen, sagt Klaus Robatsch vom Kuratorium für Verkehrssicherheit. In Wien wurden 2019 1.103 Radfahrer verletzt – im Jahr davor waren es noch um 98 weniger, so der Bereichsleiter für Verkehrssicherheit.

Das, was Sinn ergibt

Laut Modal Split legten im Vorjahr mit 38 Prozent die meisten Wiener ihre Wege mit Bus, Bahn oder Bim zurück, 852.000 hatten dafür eine Jahreskarte. Jeder Dritte ging zu Fuß, jeder Vierte fuhr mit dem Auto und sieben Prozent mit dem Rad. "In Wien wird das oft genutzt, was ohnehin gut für die Stadt geeignet ist: die Öffis", sagt VCÖ-Sprecher Christian Gratzer. Das liege am dichten Netz, den häufigen Verbindungen und den günstigen Preisen. Gerade die Zahl der Öffi-Nutzer brach Corona-bedingt Anfang des Jahres ein. So verzeichneten die Wiener Linien Ende März einen Rückgang von 80 Prozent. Die Intervalle wurden verlängert, die Nacht-U-Bahn ausgesetzt.

Doch was bleibt vom Corona-bedingten Mobilitätsverhalten? Und wie kommen die Wiener künftig von A nach B? "Aktuell hat man eine Sitzplatzgarantie in den Öffis", sagt auch Gratzer. Zwar seien die Nutzerzahlen nach Ostern mit den ersten Lockerungen wieder angestiegen, erklärt ein Sprecher der Wiener Linien auf Anfrage. Derzeit stehe man trotzdem noch bei einem Minus von rund 30 Prozent im Vergleich zu einem normalen Wochentag 2019. Gratzer ist der Meinung, dass der Anteil steigen wird, sobald wieder Schüler, Studierende oder Touristen vermehrt unterwegs sind.

"In der Stadt fährt man am besten Öffis und Rad oder geht zu Fuß. Der private PKW ist definitiv nicht geeignet", sagt Paul Pfaffenbichler, Verkehrsplaner an der Universität für Bodenkultur in Wien. Strecken zwischen fünf bis 15 Kilometern ließen sich laut Gratzer gut mit Rad oder E-Bike zurücklegen. Zudem sei Wien eine "15-Minuten-Stadt": Supermärkte, Kindergärten und Schulen, Ärzte oder Kultureinrichtungen seien meist in Gehdistanz.

Eine Studie der Boston Consulting Group und Uni St. Gallen kam kürzlich zum Schluss, dass für mittelgroße Städte wie Wien Öffis, E-Bikes und E-Scooter die effizienteste Lösung sind. Die Konsequenz daraus, die auch die Wiener Stadtregierung verfolgt: Das Auto soll zurückgedrängt werden. Das Verkehrskonzept der Stadt sieht vor, dass bis 2025 der motorisierte Individualverkehr nur noch ein Fünftel des Wiener Verkehrs ausmachen soll.

Dabei haben vier von zehn Wiener Haushalten kein Auto, die wenigsten fahren in der Stadt, sagt Gratzer. Jene, die etwa aus der Umgebung zur Arbeit nach Wien fahren, müssten Umsteigen, weiß Pfaffenbichler. Immerhin fahren drei Viertel der Pendler mit dem Auto nach Wien, zeigt eine Untersuchung des VCÖ. Die Stadtregierung möchte das etwa mit einem Ausbau der Öffis in den Speckgürtel sowie von Park-and-Ride-Anlagen bei den Stationen erreichen.

Garagen statt Parkplätze

Auch Parkplätze zu Reduzieren ist ein Hebel, um den Autoverkehr einzudämmen. "Viele Straßen haben zwei Fahrbahnen mit parkenden Autos – in Städten mit mehr Radverkehr stehen die Autos eher in Garagen", sagt Pfaffenbichler. So schaffe man auch Platz im öffentlichen Raum, etwa für Fußgänger. In Wien, errechnete die BCG, könnten durch die Umwidmung von öffentlichen Parkplätzen 32 zusätzliche Stadtparks gewonnen werden.

Im Mai präsentierte Hebein auch eine "Radoffensive 2020", bei der 32 Projekte realisiert werden sollen. Gratzer sagt dazu: "Der aktuelle Radinfrastrukturplan wurde vor Covid-19 erstellt. Da jetzt mehr radeln, müsste man eigentlich jeden Radweg verbreitern." Dafür spricht sich auch Robatsch aus. Gerade für Mehrzweckstreifen müsse eine Mindestbreite von zwei Metern festgelegt werden. Die größten Probleme bei Radunfällen sei schlicht, dass sie vor allem im Kreuzungsbereich oft übersehen würden.

Bereit zum Umsteigen

Um die Sicherheit auf dem Drahtesel zu erhöhen, müsse aber vor allem Geld in die Hand genommen werden. "Es wird zu wenig investiert, auch in Wien. Es reicht nicht, wenn man eine weiße Linie auf einen Fußgängerstreifen malt und sagt, da fahren jetzt die Räder", kritisiert Robatsch. Denn als zu Beginn der Pandemie weniger Autos unterwegs waren, hätten einige erlebt, dass Radeln in der Stadt einfacher sei als gedacht, sagt Gratzer. "Dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man dabei bleibt", glaubt er.

Aber: "In anderen Städten, etwa London oder Berlin, ist viel mehr zum Umsteigen aufgerufen worden. Die Wiener sind bereit, auf das Rad umzusteigen, daher ist jetzt die Politik gefordert, ihnen das nicht weiter zu erschweren", sagt der VCÖ-Sprecher. (Selina Thaler, Oona Kroisleitner, 23.7.2020)

Zum Original