Selina Thaler

Redakteurin: Der Standard // frei: Die Zeit, Zeit Campus, Wien

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Gassigehen als Beruf

Unsplash/Matt Nelson

Philip Engelmann und Heide Klinger sind selbstständige Hundesitter und -trainer. Sie gehen täglich mit bis zu zehn Hunden spazieren – während Corona übernehmen aber oft die Hundebesitzer ihren Job

Philip Engelmann ist mit zwei Katzen aufgewachsen, aber seine Liebe zu Hunden ist kaum zu übersehen: Seinen linken Unterarm zieren die tätowierten Köpfe seiner adoptierten Vierbeiner, des Cockerspaniels Billy und des Mischlings Morty. Man riecht die Liebe auch ein wenig: An der Hüfte trägt er einen Beutel voller Leckerlis. Und man hört sie: Wenn Engelmann den Rehpinscherin Hermine begrüßt und sie mit Leckerlis belohnt, weil sie nicht gebellt hat, ihrem Bruder Harvey "Hierher!" zuruft, den siebenjährigen Spinone Italiano Leon "alter Professor" nennt oder Billy wegen seiner "Hansi-Hinterseer-Gedenkfrisur" aufzieht.

Seit vier Jahren sind Hunde aus dem Leben des 29-Jährigen nicht mehr wegzudenken: Er ist selbstständiger Hundesitter und bald zertifizierter Hundetrainer. Seine Ausbildung zum Pfleger und das BWL-Studium hat Engelmann abgebrochen. Als er 2016 seinen Job verlor, weil die Handelskette Zielpunkt in Konkurs ging und er es nicht erfüllend fand, in seiner neuen Stelle Hörgeräte zu verkaufen, wurde ihm klar: "Ich will nicht im Büro arbeiten, sondern in der Natur."

So gründete er mit Heide Klinger die Donau Dogs, einen Dogwalking-Dienst und später auch Hundetraining-Anbieter. "Ins Blaue hinein und ohne Business-Plan", sagt Klinger, die deshalb ihr Veterinärmedizinstudium schmiss. "Als ich neben der Uni Billy sittete, merkte ich, dass ich mit und nicht an Hunden arbeiten will", sagt die 27-Jährige.

Schnüffeln, spielen, springen

In den Anfangsjahren machten die beiden unter anderem Ausbildungen zu Hundepsychologen und tierschutzqualifizierten Hundetrainern. Engelmann fehlt noch die Prüfung für Letzteres – sie wurde wegen Corona verschoben. Jährlich sei ihr Unternehmen professioneller geworden, erzählt Klinger. Anfangs waren sie noch ohne Auto unterwegs, dann mit gebrauchtem VW-Bus, und mittlerweile holen sie ihre Gasthunde mit einem Transporter – mit eingebauten Hundeboxen und isoliertem Dach gegen die Hitze – von ihrem Zuhause ab.

"Wir leben davon, dass Menschen im Büro arbeiten", sagt Engelmann. Zu den Kunden zählen auch Pensionisten, die nicht mehr fit genug sind, um große Runden zu drehen. Um lange Spaziergänge geht es den Dogwalkern aber weniger, sondern vielmehr um "geistige Anregung". "Laufen Hunde zwei Stunden, wird so viel Adrenalin frei, dass sie nachher aufgeweckter sind", weiß die Hundetrainerin. Sie wollen den Hunden Zeit dafür geben, was sie von sich aus gerne tun – und schließlich auch entspannt. Etwa Spuren schnüffeln, spielen, Leckerlis suchen, ins Wasser gehen und auf Steine oder Bänke springen.

Für die Donau Dogs sei das "friedliche Miteinander" unter den Tieren besonders wichtig. Auch müsse man stets Rücksicht nehmen: etwa "Reize wie andere Rüden weghalten", auf den Blick, den sich Morty und Leon zuwerfen, wenn sie jagen wollen, achten, sowie auf Radfahrer und Liegengebliebenes vom Grillabend. Und bei manchen Hunden auf Lärm oder Passanten.

Arbeit hat sich halbiert

Deshalb lernen sie bei Engelmann und Klinger, zu warten und erst einmal Distanz zu halten. Natürlich gebe es auch Vierbeiner, die nicht in die Gruppe passen – das sei normal. Damit die Hunde untereinander genug Platz haben, verwenden die Sitter Schleppleinen. Meistens spazieren sie im Wienerwald, manchmal in der Hundezone auf der Donauinsel. So, wie an einem Freitagvormittag Anfang Juni mit fünf Hunden.

Normalerweise bieten sie täglich zwei Walks an, bei denen maximal zehn Hunde mitgehen. Eine Gruppe mit bis zu sechs Hunden übernimmt einer allein, darüber hinaus gehen sie zu zweit. Nachmittags macht Klinger Einzeltrainings. Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie geht die Nachfrage zurück. "Unsere Arbeit hat sich halbiert, wir gehen nur einmal am Tag, die Gruppe ist kleiner", sagt der Dogwalker.

Die Gründe sieht er darin, dass die Besitzer mehr Zeit hätten, sich um ihre Hunde zu kümmern. Aber: "Es wird wieder mehr. Vielleicht auch, weil es ganz schön anstrengend sein kann, jeden Tag spazieren zu gehen", sagt er. Manche sähen es als Luxus für ihren Hund, in einer Gruppe Auslauf zu haben. "Die vermissen auch ihre Freunde, ein bisschen wie im Kindergarten."

Pro Walk 25 Euro

Finanziell rechne sich die halbe Arbeit trotzdem, der Urlaub wurde dafür gestrichen. "Unsere Fixkosten sind sehr gering. Wir haben kein Büro, nur das Auto, unsere Arbeitszeit und Wissen", sagt Engelmann. Der Arbeits-PC stehe zu Hause, Diensthandys nutzen sie privat. Pro Walk verlangen sie 25 Euro, für ein ganzes Monat jeden Tag 380 Euro. Leon ist seit vier Jahren täglich in der Gruppe. "Er gehört praktisch zur Familie."

Und er ist ein regelmäßiges Einkommen: Vor Corona kamen die Donau Dogs laut Engelmann auf einen Monatsumsatz von rund 4500 Euro, seit der Krise hat sich dieser halbiert. Im Vorjahr machten sie einen Umsatz von 50.000 Euro. Die Einnahmen investieren sie in die Zukunft der Firma, etwa Fortbildungen, Zubehör, den neuen Transporter. Viel bleibe da nicht mehr übrig. "Wir leben sparsam. Ich wohne in der Eigentumswohnung meiner Eltern, Heide in einer Genossenschaftswohnung."

Das scheint für Engelmann zu passen. Sein Job sei "sowieso wie Urlaub". Auch wenn die Spaziergänge anstrengend seien, erfülle es ihn, wenn er sieht, "wie glücklich die Hunde meistens mit uns sind". Und: Jeden Tag durch den Wald zu spazieren sei ein Genuss, sagt Engelmann, der nur barfuß unterwegs ist. "Die Verbundenheit mit der Natur gibt mir so viel, aber nach der Arbeitswoche will ich auch mal nix tun – wie unsere Hunde, die brauchen auch einen Tag Pause." (Selina Thaler, 23.6.2020)

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