Selina Thaler

Redakteurin: Der Standard // frei: Die Zeit, Zeit Campus, Wien

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LinkedIn-Countrymanagerin: "Homeoffice fünf Tage jede Woche ist nicht für jeden attraktiv"

Unsplash/Andrew Neel

Weil Berufstätige einander nicht treffen können, vernetzen sie sich vermehrt auf Jobplattformen, sagt Barbara Wittmann von Linkedin

Die Corona-Pandemie hat den Jobmarkt in vielen Branchen umgekrempelt: von Unternehmen, die händeringend nach geeigneten Talenten suchen, zu Firmen, die ob der Krise kaum mehr Stellen ausschreiben. Und jene, die es doch tun, digitalisierten großteils den Bewerbungsprozess und führen Jobinterviews per Videochat.

Das merken auch Jobplattformen wie Linkedin und Xing, wo sich etwa Berufstätige vernetzen und nach Jobs suchen können. "Allein im DACH-Raum ist die Zahl der Nutzerbeiträge im März, verglichen mit dem Vorjahr, um 69 Prozent gestiegen", sagt Barbara Wittmann. Sie ist Country-Managerin für Deutschland, Österreich und die Schweiz bei Linkedin, das zu Microsoft gehört. Im ersten Quartal wuchs laut Wittmann die Plattform im DACH-Raum um 500.000 Nutzer. "Digitale Plattformen gewinnen an Relevanz, wenn physisches Netzwerken nicht mehr so einfach funktioniert."

Auch Firmen wollen sich derzeit als gute Arbeitgeber positionieren, zeigen etwa in Blogeinträgen, was sie für das Gemeinwohl tun. "Das ist wichtig für die Firmenkultur und künftige Mitarbeiter – besonders wenn es authentisch ist", sagt Wittmann. Ihr Arbeitgeber will auch helfen: Seit April können Firmen systemrelevante Berufe, etwa im Gesundheitswesen, Handel oder in der Medizintechnik, kostenlos auf Linkedin inserieren. Diese Jobs seien dort schon vor der Krise ausgeschrieben worden, allerdings nutzten etwa Krankenhäuser digitale Tools bislang eher selten. "Im Healthcarebereich gab es eine Zunahme."

Lernvideos und Videobewerbung

Ansonsten verschiebe sich das Angebot zugunsten jener Branchen, die derzeit eine erhöhte Nachfrage hätten, etwa zur IT-Branche oder zum öffentlichen Dienst, im Tourismus sinken die Inserate, sagt Wittmann. Und Erhebungen würden nahelegen, dass mehr Stellen mit Homeoffice-Option oder reine Remote-Jobs inseriert werden. "Das spricht andere Talente an, etwa Personen, die für den Job nicht umziehen oder pendeln wollen", sagt die Country-Managerin.

Außerdem will Linkedin mit Gratis-Lernvideos bei seinen Nutzern einen "Mehrwert schaffen". Das käme gut an: Die Videos seien im April dreimal so häufig gestreamt worden wie im Februar, weiß Wittmann. Das mag auch an den Inhalten liegen: Tipps und Tricks zu Videokonferenzen, Zeitmanagement im Homeoffice oder Anleitungen zum virtuellen Bewerbungsgespräch.

Damit Letzteres gelingt, hat Linkedin die Implementierung eines Videobewerbungstools vorgezogen. Bewerber können sich per Video bei einer Firma vorstellen, eine – bisher nur englischsprachige – künstliche Intelligenz prüft auf Fehler und gibt Feedback. "Künftig wird eine gute digitale Präsenz von Bewerbern und Firmen ein absolutes Basiselement im Recruiting", glaubt Wittmann.

Führungsaufgaben im Homeoffice

Auch wenn der Einstellungsprozess vielerorts auf Eis liegt, tue sich im Hintergrund etwas: "Die Personaler widmen sich strategischen Projekten, viele legen Talentepools für die nächsten zwei bis drei Jahre an." Und sie fragten sich, welche Skills die Führungskräfte von morgen mitbringen sollten. "Die Digitalisierung und Homeoffice werden sich rascher durchsetzen, das benötigt Chefs, die ein Team remote führen können und das Zeitmanagement für alle im Auge haben, etwa keine ständige Erreichbarkeit erwarten und auf Pausen achten."

Ebenso sei es aktuell wichtig, dass sich die Mitarbeitenden trotz Homeoffice mit der Firma identifizieren, ihrem Team zugehörig fühlen: "Sonst steigt das Risiko, dass sie kündigen." Und Führungskräfte sollten neben Arbeitsinhalten auch auf das Wohlbefinden der Mitarbeiter achten.

Auch Wittmann berücksichtige das. Denn derzeit sind alle Linkedin-Angestellten im DACH-Raum im Homeoffice. Bereits vor der Krise konnte man je nach Tätigkeit ein bis zwei Tage zu Hause arbeiten. Wie das künftig aussieht, werde gerade überlegt. Aber eines sei klar: "Homeoffice fünf Tage jede Woche ist vermutlich nicht für jeden attraktiv. Es wird sich wohl in der Mitte einpendeln." (set, 10.6.2020)

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