Selina Thaler

Redakteurin: Der Standard // frei: Die Zeit, Zeit Campus, Wien

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Isolation: Was wir von Astronauten lernen können

Unsplash/Nasa

Auf engem Raum, in einem streng getakteten Alltag und ohne frische Luft zu schnappen: Wie hält man es Monate im Weltraum und mit der Crew aus?

Acht Tage war Franz Viehböck im All. Er ist der bislang einzige Österreicher, der im Weltraum war. Am 2. Oktober 1991 hob die Rakete von der Startrampe in Kasachstan zur russischen Raumstation Mir ab. Zwei Tage dauerte der Flug, 48 Stunden in einer engen Kapsel mit zwei anderen Kosmonauten. Es folgte eine weitere Woche mit einer Crew, kaum Rückzugsmöglichkeiten und ohne ins Freie zu können.

Astronautinnen und Astronauten trainieren Wochen, um mit der Isolation und auf engem Raum mit ihren Kollegen gut zurechtzukommen. Sie müssen in ungewöhnlichen Situationen stressresistent reagieren, Konflikte wären gefährlich, bei ihrer Mission sind alle voneinander abhängig. Was kann man also in Zeiten der Selbstisolation und Quarantäne von ihnen lernen?

Die Grundvoraussetzung seien Respekt, Empathie, einander zu helfen, gut zuzuhören und klar zu kommunizieren, sagt Franz Viehböck, heute Vorstand der Berndorf AG. Das bestätigt auch die Weltraumpsychologin Alexandra Hofmann, Leiterin des Bereichs Human Factors beim Österreichischen Weltraum-Forum (ÖWF). Das ÖWF betreibt sogenannte Analogforschung: Dafür lebten etwa Analog-Astronauten einen Monat im Oman unter marsähnlichen Bedingungen und führten Experimente durch, um künftige Marsmissionen bestmöglich vorzubereiten.

Tagebuch gegen negative Gedanken

Für Astronauten, aber auch Menschen in Isolation sei es wichtig, die eigenen Bedürfnisse und die der anderen zu kennen. "Wenn sich Umstände ändern, geraten Menschen in Stress. Besonders wenn sie nicht wissen, was ihnen gerade fehlt." Deshalb sollte man sich fragen: Was geht mir derzeit am meisten ab – und wie kann ich es ersetzen, damit es mir gutgeht? Und was brauchen meine Mitbewohner, die gerade im Homeoffice arbeiten?

Wer das beachte, reduziere Konflikte. Gerade in Krisensituationen ohne Fluchtoption lade sich die Situation schneller auf, sagt Hofmann. Manche Astronauten schreiben Tagebuch, um negative Gedanken zu sortieren und dann anzusprechen. Oder um sich auf die positiven Dinge in der Isolation zu besinnen. Gröbere Konflikte gab es in Viehböcks Team nicht, erinnert er sich. Im Gegenteil, es sei "immer der Schmäh gelaufen". So konnte man auch "jemanden, der einen Hänger hatte, mitreißen und aufbauen". Gute Stimmung sei für die Arbeit in der Raumstation wie zu Hause essenziell. "Wenn alle nur Trübsal blasen, kommt der kollektive Weltuntergang", sagt Viehböck.

"Kurz nach der Hälfte der Mission kommt es am meisten zu Konflikten", sagt Hofmann. Dann wird den Astronauten bewusst, dass sie noch gleich viel Zeit vor sich haben. "Da entsteht oft Alltagstrott. Gegen Ende reißen sie sich noch einmal zusammen." Personen, die keine konkrete Aussicht auf ein Ende der Isolation haben, helfe es, für die Zeit danach etwas Schönes zu planen, auf das man sich freut, eine Perspektive zu schaffen. Und Akzeptanz zu üben: "Astronauten nehmen oft unangenehme Situationen in Kauf, weil sie wissen, sie können sie nicht ändern und die Energie besser nutzen, als Widerstand zu leisten."

Gutes Essen hebt die Stimmung

Zu Stresssituationen könne in manchen Teams das Essen führen, sagt die Weltraumpsychologin: "Je besser das Essen, desto gechillter die Crew." Der Boom von Brotback- und Kochfotos auf Instagram scheint dieses Bedürfnis isolierter Menschen zu bestätigen. Essen sei auch etwas Soziales, das den Zusammenhalt stärke, sagt Ex-Astronaut Viehböck. Genau wie Rituale: Seit Jahren weckt die Mission-Control der Nasa ihre Crew im All mit einem Morning-Song. "Man kann seinen Freunden täglich ein Lied zum Aufwachen schicken und dazu in der Küche tanzen", sagt Hofmann.

Auch der restliche Tag sollte bestmöglich strukturiert werden. Routine gebe ein Gerüst, um sich nicht im ewigen Gleich der Tage zu verlieren, sagt Viehböck. "Wir erhielten jeden Tag einen Stundenplan, alles war minutiös geplant." Die immergleiche Weckzeit, dann Morgentoilette, Frühstück, Arbeit, Mittagessen, Arbeit, Freizeit, ein bis zwei Stunden Sport, Abendessen, regelmäßige Schlafenszeit.

Eine aufgeräumte Wohnung und ein ordentlicher Arbeitsplatz seien ebenfalls wichtig, findet Viehböck. Und man solle auch Dinge, die einem guttun, fix einplanen. Auf der Austromir lasen sie Bücher, hörten Musik oder spielten. Wollte er allein sein, sei er in ein anderes Modul geschwebt: "Aus einer Luke habe ich in diesem tiefen Schwarz des Weltalls auf die Erde geschaut – ein unwahrscheinliches Gefühl."

Während man in der Raumstation auch mal zur Decke schweben kann, um allein zu sein, empfiehlt Hofmann auf der Erde dafür einen Raumplan: "Werden Zimmer gemeinsam genutzt, kann man vereinbaren, dass eine Person etwa von zwölf bis 14 Uhr ins Wohnzimmer darf." Wer alleine wohnt und eher Nähe als Abgrenzung sucht, sollte mit Freunden per Video telefonieren. Das legen auch Forschungen nahe: Isolation beeinflusst nämlich nicht nur die psychische Gesundheit, sondern auch unser Immunsystem.

Gehirn bei Laune halten

Ebenso positiv wirkt sich die Natur auf das Gemüt aus. Der ehemalige US-Astronaut Scott Kelly war knapp ein Jahr auf der internationalen Raumstation ISS. In der New York Times schreibt er, dass er am meisten vermisste, in der Natur zu spazieren, die Sonne im Gesicht zu spüren.

"Sensorische Deprivation" nennt Psychologin Hofmann diese Folge der Isolation. Unsere Sinne nehmen im Alltag viele Dinge wahr: Temperaturunterschiede, Wind, Lärm, Oberflächen, die Haut anderer Menschen. "Das Hirn ist es gewohnt, viele Informationen zu verarbeiten, es bleibt dadurch wach." Fallen diese Reize weg, kann das dazu führen, dass es sich langweilt. Die Folge: Die Menschen stumpfen ab, ihre Stimmung trübt sich. "Wir müssen auch unser Hirn bei Laune halten." Etwa indem man sich Tulpen kauft und daran riecht. Oder regelmäßige Spaziergänge macht, wie Viehböck mit seinem Hund: "Ich genieße die Natur, die Farben, Gerüche. Das beruhigt und baut mich auf."

Schließlich helfe Astronautinnen und Astronauten auch, ein höheres Ziel zu haben, um mit der Situation klarzukommen, sagt Hofmann. Umgelegt auf unser aktuelles Leben könnte das so lauten: "Man kann sich vorstellen, dass man Astronautin ist, mit der Mission, die Verbreitung des Virus auf der Erde zu bekämpfen." (Selina Thaler, 9.4.2020)

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