Selina Thaler

Redakteurin: Der Standard // frei: Die Zeit, Zeit Campus, Wien

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Was können wir nach Corona besser machen?

Unsplash/John Salvino

Die Corona-Krise bringt alte Gefüge ins Wanken. Was aber folgt danach? Ideen für einen Wiederaufbau, der über eine simple Restauration hinausgeht


Der Gedanke hat offenbar für viele etwas Tröstliches an sich. Die Geschäfte waren kaum geschlossen, die ersten Arbeitnehmer eben entlassen, da hoben bereits Stimmen an, die in der Misere Gutes zu entdecken glaubten. Eine Krise, so ist zu vernehmen, berge stets auch eine Chance. 

Nicht jede Theorie, die da ausgebreitet wird, lässt sich allgemeingültig auf die Praxis umlegen. Ins Loblied auf die Entschleunigung etwa wird nur derjenige einstimmen, dem keine lärmenden Kinder die sedierte Homeoffice-Idylle durchkreuzen. Der Entspannungswert von Muße und Beschaulichkeit hält sich überdies in Grenzen, wenn Job und LebensStandard auf dem Spiel stehen.

Ausbaufähig in Sachen Schlüssigkeit ist auch die These Thomas Pikettys, wonach die Corona-Krise eine heilsame Bewusstseinsänderung auslösen könnte. Den Regierungen sei ihre Macht zur Regulierung vor Augen geführt worden, befindet der Starökonom. Vor kurzem sei es noch undenkbar gewesen, der Wirtschaft Zügel anzulegen: "Und jetzt, ganz plötzlich, wegen einer Gesundheitskrise, blockieren wir Flüge und schicken Leute nach Hause." Stimmt – aber vielleicht ist die Brachialmethode auch nicht der Weisheit letzter Schluss, wenn der Preis dafür Massenarbeitslosigkeit ist.

Oder der Befund der neuen Solidarität: Da wird ein Ergebnis verkündet, ehe das Experiment beendet ist. Auch die Flüchtlingswelle von 2015 erweckte anfangs viel Gemeinschaftsgefühl, inklusive feuchter Augen einer Innenministerin. Am Ende stand der Vormarsch der Rechtspopulisten.

Steckt hinter den Visionen von einer besseren Welt dank und nach Corona also nur die romantisierende Sinnsuche privilegierter Intellektueller, die sich an ihrem "idyllischen Schreibtischglück" (der Soziologe Armin Nassehi im STANDARD) ergötzen? Auch dieses Urteil ist nicht universell anwendbar. Man muss sich die Krise nicht schönreden, um für die Zeit danach Ambitionierteres im Auge zu haben als mehr vom ewig Selben. Arbeitswelt, Schulen, Altenpflege, Wirtschaftsgefüge: Warum nicht die alten Systeme, die nun gebeutelt werden, nach der Krise mit neuem, besserem Leben erfüllen? Es könnte sich lohnen, die Ungunst der Stunde zu nützen. (Gerald John, 4.4.2020)




Faire Abgeltung von Arbeit, auf die wir nicht verzichten können

In der Krise wird sichtbar, wer die Gesellschaft am Laufen hält. Diese systemrelevanten Berufe gehen über das Pflegepersonal, die Supermarktangestellten und Polizisten hinaus. Auch Informatikerinnen, Müllentsorger, Zusteller, Öffi-Lenkerinnen, Energieversorger oder Erzieherinnen zählen dazu. Und es sind vor allem Frauen. Ihr Anteil liegt in systemrelevanten Jobs bei knapp 75 Prozent. Das zeigten Forscherinnen in einer kürzlich erschienenen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Frauen arbeiten großteils in jenen Jobs, die unterdurchschnittlich bezahlt und wenig angesehen sind. Überhaupt haben die notwendigen Berufe ein deutlicher geringeres Prestige als aktuell verzichtbare, ergab die DIW-Studie. Auch die Arbeitsbedingungen sind in diesen Jobs tendenziell schlecht: Personalmangel, Schichtdienste Überstunden, psychische, physische Belastung – und meist geringer Lohn.

Die DIW-Studie zeigt: Der Großteil der systemrelevanten Beschäftigten wird unterdurchschnittlich bezahlt, insgesamt um sieben Prozent weniger als der Schnitt. Und Männer verdienen in den meisten dieser Jobs mehr als Frauen.

Was kann man also tun, um die Situation in und nach der Krise zu verbessern? In der Debatte wird immer wieder ein bedingungsloses Grundeinkommen, kurz BGE, vorgeschlagen. Auch Barbara Blaha, Politikwissenschafterin und Leiterindes linken Thinktanks Momentum Institut, kann sich vorstellen, dass es irgendwann ein solches monatliches "Geldgeschenk" geben könnte. Das sei aber nur dann sinnvoll, wenn nicht zugleich der Sozialstaat abgebaut werde.

Erhöhung der Mindestsicherung

Das sei eine komplexe und langwierige Debatte, sagt sie. In der Corona-Krise sieht Blaha eher die Gelegenheit, eine grundsätzliche Debatte über den Wert der Arbeit anzustoßen. Blaha: "Gerade jetzt zeigt sich, dass Löhne eben nicht von Angebot und Nachfrage bestimmt werden." Sie plädiert für eine Erhöhung der Mindestsicherung und des Arbeitslosengelds: "Dann haben Menschen in schlecht entlohnten Jobs eine bessere Verhandlungsbasis." Sie können höheren Lohn fordern und sind abgesichert.

Dass Arbeitnehmer nach der Krise eine größere politische Verhandlungsmacht haben werden, glaubt auch die Ökonomin Monika Köppl-Turyna vom liberalen Thinktank Agenda Austria. Aber auch sie sieht nicht unbedingt die Zeit reif für ein bedingungsloses Grundeinkommen. "Der Sozialstaat würde dadurch auf den Kopf gestellt", warnt sie. Nach der Krise könne man – auch wegen des demografischen Wandels – über eine Reform diskutieren, aber in der Krise, die alle Branchen treffe, "wirken Arbeitslosengeld, Mindestsicherung, Notstandshilfe und Kurzarbeit genauso".

Außerdem wäre die Einführung teuer. Würden die derzeitigen Geldleistungen plus Pensionen durch ein Grundeinkommen ersetzt, bekäme jeder Erwachsene rund 700 Euro monatlich, Kinder etwa die Hälfte – deutlich weniger als die bisherige Mindestsicherung. Um auf dieses Niveau zu kommen, bräuchte es 43 Milliarden Euro mehr, als heute ausgegeben werden, sagt die Ökonomin. (Selina Thaler, Aloysius Widmann)



Mehr Schwung für die digitale Schule

All die Erwartungen, die an das Bildungssystem herangetragen werden, haben eine Gemeinsamkeit: den Wunsch nach Individualisierung der Lehre. Jeder will, dass das eigene Kind bestmöglich gefördert, aber bitte nicht überfordert wird. Doch war das im Schulalltag der Vor-Corona-Zeit gelebte Realität? An manchen Standorten vielleicht, bei den Wunderwuzzis unter den Lehrkräften. Die breite Masse der Kinder muss mehr oder weniger funktionieren. Und wer das bis zum Ende der Volksschule nicht ausreichend bewerkstelligt, der biegt eben ab – in Richtung Neue Mittelschule.

Seit Anfang März ist der Wunsch nach Individualisierung plötzlich überraschend schnell mit Leben erfüllt worden. Wenn Distance-Learning funktionieren kann, dann nur so. Über E-Mails, Whatsapp, Videochats oder auch übers Telefon halten Pädagoginnen und Pädagogen so gut wie möglich Kontakt. Sie bekommen Einblick in die Wohnsituation der Kinder – und womöglich auch die Eltern einmal zu sehen. Das funktioniert auch in die andere Richtung: Wer konnte vorher mit Sicherheit sagen, ob der Lehrer auch ein Leben außerhalb der Schule hat?

Weil sich zwar die Umstände, nicht aber die Voraussetzungen geändert haben, zeigt sich leider auch: Bei einigen Kindern funktioniert das neue Lernen überhaupt nicht. Sie sind für die Schulen nicht mehr erreichbar, der Kontakt hat mit dem letzten Schultag geendet. Ihr Lernerfolg stand auch davor in direkter Relation zur individuellen Zuwendung durch die Lehrkräfte. Unterstützung von zu Hause – worauf das heimische Bildungssystem von jeher baut – gibt es nicht. Das fällt jetzt nur besonders deutlich auf. Die Schlussfolgerung?

Ambitioniertes Programm

Hier wird als Lösungsansatz oftmals die gemeinsame Schule der Sechs- bis 14-Jährigen genannt. Und man kann sofort folgern: Mit der ÖVP wird es die nicht geben. Was Bildungsminister Heinz Faßmann offenbar anbieten möchte, sind Förderprogramme, auch im Sommer.

Eine Lehre aus der derzeitigen Situation ist: Die Digitalisierung im Schulbereich ist zu langsam fortgeschritten. Hier kann man sich auf ein ambitionierteres Programm in der Zukunft einstellen.

Was die "Corona-Ferien" noch ans Tageslicht befördern: Diejenigen, die immer brav funktionieren, tun das auch weiterhin, unterbezahlt und mit der allgemeinen Erwartungshaltung, dass das sowieso selbstverständlich ist – die Elementarpädagoginnen, die absolute Mehrheit davon Frauen.

Und noch ein in der Theorie stets gepriesener "common ground" bekommt reale Züge: die Bedeutung der Klassengemeinschaft. Wenn davon nicht nur eine Floskel übrig bleiben soll, wäre es an der Zeit, soziales Lernen nicht als Nebenher zu verstehen. Dann dürfen wir in Österreich vielleicht sogar das Unmögliche wagen und an eine verschränkte Ganztagsschule denken. (Peter Mayr, Karin Riss)


Nicht immer nur auf die billige Tour

Die Retterinnen kamen, engelsgleich, durch die Luft. Weil der Landweg über Ungarn versperrt ist, ließen Niederösterreichs Landesregierung und Wirtschaftskammer 231 Frauen aus Rumänien und Bulgarien einfliegen – als Vorsorge gegen einen Engpass bei der fast nur von Osteuropäerinnen geleisteten 24-Stunden-Betreuung.

Deckt die Corona-Krise also auf, dass Österreichs Altenpflege auf brüchigem Fundament steht? Vor Übertreibung sei gewarnt. Erstens war ein derartiges Ereignis wohl auch für den umsichtigsten Planer kaum vorauszusehen, zweitens kollabiert wegen Nachschubproblemen bei der Rund-um-die-Uhr-Betreuung nicht gleich das ganze System. Lediglich sieben Prozent der Pflegegeldbezieher nehmen diese Variante in Anspruch.

Doch symptomatisch für die heimische Praxis ist das Konstrukt allemal. Sosehr Politiker vor der wachsenden Schar der Alten ihren Einsatz für die Pflege auch beteuern – im Zweifelsfall versuchte der Staat immer gerne, sich auf die billigste Tour durchzulavieren.

Etwa 50 bis 60 Euro netto, mitunter auch weniger, bekommen die nur formal selbstständigen Frauen typischerweise für einen Tag Dienst unter permanenter Bereitschaft. Da zu diesen Konditionen kaum Einheimische zu bekommen sind, "hat sich Österreich in eine riesenhafte Abhängigkeit begeben", sagt der Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer. Schon vor Corona habe diese staatlich geförderte "Scheinlösung" ein Ablaufdatum gehabt – und zwar für jenen Zeitpunkt, zu dem der Osten so stark aufgeholt hat, dass Frauen zu Hause bessere Jobs finden.

Noch billiger geben es jene Kräfte, die immer noch das Modell erster Wahl sind. Rund 40 Prozent der Pflegegeldbezieher werden ausschließlich von Angehörigen gepflegt. Vordergründig spart sich der Staat dadurch Geld für professionelle Dienste, volkswirtschaftlich aber glänzt die Bilanz weniger: Viele gut und teuer ausgebildete Frauen werden an der Entfaltung am Arbeitsmarkt gehindert.

Höhere Bezahlung

Auch diese Lösung hat ein Ablaufdatum. Immer mehr Frauen stehen voll im Beruf, immer weniger Kinder wohnen nahe den Eltern. Im Verein mit der Alterung der Gesellschaft führt das zu drückendem Personalmangel: Laut Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) braucht es bis 2050 rund 79.000 zusätzliche Kräfte.

Soll Pflegebedürftigkeit nicht vollends privates Risiko werden, muss der Staat also investieren – in maßgeschneiderte und besser entlohnte Dienstleistungen abseits des klassischen Heims. Derzeit rangiert die Branche weit unten im Einkommensranking. Höhere Bezahlung, sagt Wifo-Expertin Ulrike Famira-Mühlberger, könne ein Puzzlestein für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Pflegebereich sein.

Das ist aber nicht der einzige Ansatzpunkt. Laut Rechnung Pichlbauers gibt es 30.000 regis trierte Pflegekräfte, die nicht im öffentlichen Bereich zu finden sind. Warum, erklärt er sich so: Weil Prävention vernachlässigt werde, produziere das System unnötig viele Pflegepatienten. Diese würden oft erst einmal privat versorgt, weshalb den professionellen Kräften hauptsächlich schwere Fälle ohne viele Erfolgserlebnisse blieben, und das bei knappem Zeitregime. Das zermürbe die Leute.

Eine Abkehr von der durchgetakteten "Ökonomisierung" fordert Volkshilfe-Chef Erich Fenninger. Wenn nach dem Setzen der Spritze keine Zeit für eine paar Worte bleibt, frustriere das Pflegerinnen ebenso wie Patienten – "und führt zum Ausstieg aus diesem an sich wunderschönen Beruf". (Gerald John)



Die Globalisierung wird sich wandeln

Donald Trumps Worte scheinen sich zu bewahrheiten. Freilich anders, als er es vermutet hat. "Die Zukunft gehört den Patrioten", sagte der US-Präsident im September vor der Uno-Generalversammlung in New York – nicht den Globalisten.

Die Corona-Krise ist noch nicht vorbei, doch unter jenen, die sich schon über die Zeit danach Gedanken machen, reift die Überzeugung, dass die Globalisierung in der Post-Corona-Welt eine Vollbremsung hinlegen könnte.

Da sind auf der einen Seite die alten Globalisierungsgegner, die nun Oberwasser verspüren. Trumps Berater in Handelsfragen, Peter Navarro, sagte unlängst auf Fox News: Die Krise zeige deutlich, dass zu viel in China produziert werde. "Wir müssen das zurückholen."

Zugleich erwarten auch seriöse Beobachter einen Wandel: Beata Javorcik, die Chefökonomin der Osteuropabank EBRD, meint in einem aktuellen Beitrag in der Financial Times, dass die Zeit vorbei sei, in der Lieferketten nur nach Gesichtspunkten von Effizienz und Profit gestaltet werden. Neben Kosten werde es künftig vor allem darum gehen, wie krisenfest die globalen Handelsrouten sind.

Das Beispiel der Ökonomin dazu lautet so: Aktuell importiert Italien 60 Prozent seiner Blutverdünnermedikamente aus China. Japan führt 60 Prozent der Antibiotika aus China ein. In Italien und Deutschland kommen 40 Prozent der Antibiotika-Importe aus der Volksrepublik. Durch die Produktionsstopps in chinesischen Werken ist es in der Tat zu Lieferproblemen gekommen, über die auch in Österreichs Apotheken bereits im Februar geklagt wurde. Dazu kam, dass nicht nur die Hersteller stillstanden, auch die Lieferwege waren beeinträchtigt: Den Hafen von Schanghai, einen der größten Container-Hubs der Welt, verließ im Februar um 20 Prozent weniger Fracht als vor einem Jahr.

Der Einbruch ist Fakt, schwerer zu beantworten ist die Frage, wie genau sich die Globalisierung ändern wird. Regierungen in Europa rufen bereits dazu auf, die Produktion von Medikamenten aus China, aber auch Indien wieder zurückzuholen. Die Krise zeigt, dass die Abhängigkeit von diesen Ländern "schnell korrigiert werden muss", sagt etwa Österreichs Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck. Wo Unternehmen produzieren, entscheiden diese in einer liberalen Wirtschaftsordnung selbst. Die Worte der Ministerin deuten also auf mehr Staatsdirigismus hin.

Weniger Vernetzung?

Die Ökonomin Javorcik von der Osteuropabank EBRD glaubt, dass es zu einer Verschiebung der Produktion europäischer Konzerne kommt. Devise: weg aus Asien und hin nach Osteuropa, in die Ukraine und nach Weißrussland etwa. Beide Länder sind nah und bieten günstige Arbeitskräfte.

"Alle großen Volkswirtschaften werden darüber nachdenken, wie sie ihre Produktion regional näher organisieren können, nachdem man nun das Risiko durch Epidemien gesehen hat", sagt auch der Ökonom Harald Oberhofer von der Wirtschaftsuniversität Wien.

Ansätze zu dieser Entwicklung waren schon früher erkennbar. Der Welthandel besteht aus zwei Bereichen: Einmal ist das die Lieferung von fertigen Industriegütern. Der andere Teil entfällt auf den Austausch von Komponenten oder Software, die für ein Produkt gebraucht werden. Beispiel Smartphone: 2500 Zulieferer aus fast einem Dutzend Länder sind derzeit nötig, damit ein Samsung-Telefon in Vietnam fertiggebaut werden kann, so die Weltbank.

In den 1970er-Jahren entfielen nur 37 Prozent des globalen Warenaustauschs auf diesen Handel mit Zwischenprodukten. 2008 lag dieser Wert schon bei über 50 Prozent. Diese Entwicklung hatte eine Ursache: Regional wie global sind die Märkte zusammengerückt.

In den vergangenen Jahren hat sich diese Dynamik eingebremst, die Vernetzung ist zurückgegangen. Wie ein Weltbankbericht gezeigt hat, waren dafür protektionistische Tendenzen in Industrieländern verantwortlich – Stichwort Trump und Brexit. Die Vermutung mancher Ökonomen ist, dass das neuartige Coronavirus diese vorhandene Globalisierungsermüdung verstärken wird.

Motor für den Wohlstand

Was viele freuen wird, birgt für kleinere, offene Volkswirtschaften viel Risikopotenzial. Österreich exportiert Waren und Dienstleistungen im Wert von 210 Milliarden Euro ins Ausland. Das entspricht 54 Prozent der Wirtschaftsleistung. Dass die Hälfte unseres Wohlstandes von Ausfuhren abhängig ist, wie das die Industrie behauptet, gilt unter Ökonomen zwar als übertrieben. Ein Teil der exportierten Waren kann nur verarbeitet werden, weil davor Einzelteile eingeführt wurden. Das muss berücksichtigt werden. "Unbestreitbar ist, dass der Wohlstand Österreichs stark vom grenzüberschreitenden Handel abhängt. Ohne diesen lässt sich unser LebensStandard nicht halten", sagt der Ökonom Oberhofer. Wer zum Angriff auf die Globalisierung bläst, muss diesen Teil der Rechnung mitbedenken. Und: Ein Teil der Rohstoffe für unser Leben fehlt in Österreich komplett.

Aber wäre es möglich, dass sich die großen Wirtschaftsräume wie die EU und die USA abkapseln? Das schon eher, sagt Oberhofer. Aber auch hier gilt: Nicht alle nötigen Rohstoffe für die Produktion kommen vor, wie etwa seltene Erden, die zum Beispiel für Smartphones gebraucht werden.

Die andere Frage lautet, ob Abschottung überhaupt wünschenswert ist. Ökonomen sind sich meist einig: Freihandel vermehrt den Wohlstand der Nationen. Der Ökonom David Ricardo (1772– 1823) beschrieb das so: Wenn sich zwei Länder auf die Herstellung bestimmter Güter spezialisieren, etwa Wein und Tücher, können sie die Waren kostengünstiger herstellen. Daher ist es für beide Länder von Vorteil, miteinander zu handeln, sogar wenn jeder Staat auch für sich Wein und Tücher produzieren kann. Vielleicht bietet der Shutdown Zeit, alte Klassiker wieder hervorzuholen. (András Szigetvari, 4.4.2020)

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