Selina Thaler

Redakteurin: Der Standard // frei: Die Zeit, Zeit Campus, Wien

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Bröckelt das Image von Facebook und Co?

Unsplash/Patreek Katyal

Die Tech-Giganten gehören laut aktuellem Glassdoor-Ranking nicht mehr zu den beliebtesten US-Arbeitgebern

Sie bieten Gratismassagen und -essen oder kostenlose Shuttlebusse zum Arbeitsplatz. Manche haben ein eigenes Fitnessstudio, einen Friseur oder eine Wäscherei für ihre Mitarbeiter. Die Big Player unter den Tech-Firmen wie Google und Facebook sind bekannt für die Benefits, die ihre Mitarbeiter glücklich machen sollen.

Auch deshalb waren sie in den vergangenen Jahren für viele ein Wunscharbeitgeber. Doch dieses Bild fängt langsam an zu bröckeln, legen Erhebungen nahe. Die Autoren einer kürzlich veröffentlichten BCG-Studie schreiben, der gute Wille und die ungezügelte Begeisterung, die der Tech-Branche entgegengebracht worden seien, sänken. Und schenkt man einer aktuellen Auswertung von Glassdoor Glauben, gehören sie vielerorts nicht mehr zu den beliebtesten Arbeitgebern. Das Portal, wo Arbeitnehmer ihre Firma bewerten können, bringt jährlich ein Ranking der besten Arbeitgeber in neun Ländern heraus, darunter die USA und Deutschland.

Das US-Ergebnis 2020: Der Softwareanbieter Hubspot erreichte Platz eins, gefolgt von dem Unternehmensberater Bain & Company. Facebook sank auf den 23. Platz – das schlechteste Ergebnis, seit der Konzern 2011 den ersten Platz belegte. Facebooks Führung und die Work-Life-Balance wurden schlechter bewertet als in den Jahren zuvor. Da war Facebook sogar dreimal der Top-Konzern. Google bekam heuer den elften Platz, während es in den vergangenen acht Jahren in den Top Ten gelandet war und vor vier Jahren auf Platz eins. Anders in Großbritannien: Hier ergatterte Google aktuell den ersten Platz. Auch Apple rutschte ab: von Platz 71 auf Platz 84. Seit dem zwölfjährigen Bestehen waren Bain & Company, Google und Apple die Einzigen, die jährlich im Ranking vertreten waren. Amazon schaffte es nie in die Liste.

Frage der Kultur

Einzig ein Tech-Gigant wanderte hinauf: Microsoft wurde um 13 Plätze besser und erreichte Platz 21. In einem Forbes-Artikel wird das als Resultat der Konzernführung gewertet, die mehr Wert auf die Mitarbeiterzufriedenheit lege. Auch Glassdoor sagt in einer Aussendung, dass das Rausfallen von Google und Facebook mit der Unternehmenskultur zu tun habe. Das Ranking zeige einen Wandel zu einer Culture-first-Orientierung. Und: Die Top-Firmen repräsentierten gute Jobchancen, hohe Transparenz gegenüber den Mitarbeitern und sinnerfüllte Arbeit.

Wolfgang Elsik ist Professor für Personalmanagement an der Wirtschaftsuni Wien und war in den vergangenen Jahren an der Best-Recruiters-Studie beteiligt, einem wissenschaftlichen Arbeitgeberranking. Er vermutet, dass "möglicherweise verstärkt Leute in die Firmen kommen, die andere Erwartungen an den Job haben, etwa mehr Work-Life-Balance und weniger Überstunden wollen."

Bei Google protestierten Mitarbeiter im Vorjahr gegen den laut ihnen fehlbesetzten Ethikrat, und tausende demonstrierten gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, nachdem interne Fälle bekannt geworden waren. Auch Facebook steht wegen des Cambridge-Analytica-Skandals, ungeprüfter politischer Werbung und der geplanten Digitalwährung Libra unter Beschuss. CNBC schreibt, dass laut Recruitern zunehmend junge Absolventen Jobangebote von Facebook ablehnten.

Frage der Führung

Es könnte aber auch eine Frage der Führung sein. "Wenn Firmen älter werden, halten Strukturen Einzug, die man von anderen Firmen kennt, die als weniger sexy eingestuft werden", sagt Elsik. Es könne sein, dass es zu einem Entfremdungsprozess komme, wenn die Gründergeneration weg ist. Und die New York Postzitiert eine Glassdoor-Sprecherin, laut der das schlechte Abschneiden auf Wachstumsschmerzen und einer damit einhergehenden Verwässerung der Kultur zurückzuführen sei.

Bloomberg berichtet über Googles interne Mitarbeiterbefragung von 2019, der zufolge die Mitarbeiter zunehmend an der Führung und Vision ihres CEOs zweifeln. So gaben zwar 74 Prozent der befragten Mitarbeiter an, der Führung zu vertrauen, dass sie Google effektiv in die Zukunft führen könne. Allerdings hatten das im Vorjahr um 18 Prozentpunkte mehr gesagt. Auch die Entscheidungen und Strategien wurden negativer eingeschätzt als in den Jahren zuvor. Dennoch würden 86 Prozent Google als Arbeitgeber empfehlen.

Methode hinterfragen

Doch wie aussagekräftig sind die Ergebnisse eigentlich? Die konkrete Methode verrät Glassdor nicht. Das Ranking wird auf Basis freiwilliger Bewertungen der Mitarbeiter mittels eines Algorithmus erstellt. Das ergebe auch einen Bias: "Die Stichprobe ist nicht zufällig und repräsentativ", sagt Elsik. Denn: "Es ist schon eine Selektion, wer überhaupt bewertet. Ich vermute, dass sich vor allem Befürworter oder Kritiker die Mühe machen." Ebenso werden je nach Land ungleich viele Bewertungen herangezogen. Ein weiterer Kritikpunkt: Firmen könnten ihre Angestellten unter Druck setzen, sie zu bewerten. Laut Glassdoor würden tricksende Firmen ausgeschlossen werden.

Überhaupt unterscheiden sich die Firmen nur minimal. Die US-Mitarbeiterzufriedenheit rangiert im Schnitt bei 3,5 von fünf Sternen. Selbst Intel auf Platz 100 hat ein Rating von 4,3 Sternen. Der Sieger Hubspot bekam nur um 0,3 mehr. (Selina Thaler, 21.1.2019)

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