Selina Thaler

Redakteurin: Der Standard // frei: Die Zeit, Zeit Campus

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Forscherin: "Nicht jeder Job ist sinnstiftend"

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Wann gibt ein Job unserem Leben einen Sinn? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Psychologin Tatjana Schnell an der Universität Innsbruck


Angenommen, Sie hätten finanziell ausgesorgt: Würden Sie weiterhin arbeiten? Würden Sie in demselben Job bleiben oder einen anderen Beruf ausüben?

Viele Menschen arbeiten nur, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren, und nicht, um sich dabei auch selbst zu verwirklichen. Dabei dürften die meisten zumindest bei einer Tätigkeit Freude oder Sinn empfinden. Unterschiedliche Umfragen zeigen nämlich, dass die meisten, wenn sie ein bedingungsloses Grundeinkommen erhielten, trotzdem arbeiten würden. Einige würden aber eine andere Tätigkeit ausüben. Das legt nahe: Wer sich keine finanziellen Sorgen machen muss, würde eher einer Arbeit nachgehen, die er oder sie als sinnstiftend erachtet.

Überhaupt wollen immer mehr Menschen einen Job mit Sinn, zeigen Umfragen. Rund 87 Prozent der Österreicher ist es wichtig, dass ihre Arbeit sinnvoll ist, ergab die Befragung "Kompass Neue Arbeitswelt" von Marketagent.com im Auftrag der Jobplattform Xing. Und immerhin erleben etwa 89 Prozent der 1001 befragten Erwerbstätigen ihre Arbeit als sinnvoll.

Eine elitäre Forderung?

Tatjana Schnell ist assoziierte Professorin am Institut für Psychologie an der Uni Innsbruck. Dort befasst sie sich mit empirischer Sinnforschung. Dass die Arbeit unserem Leben Sinn geben soll, sei ein neueres Phänomen, das laut der Psychologin in den vergangenen Jahren zugenommen habe.

Eine mögliche Ursache könnte sein, dass sich in den letzten 20 Jahren die Berufswelt durch die Digitalisierung, aber auch durch die Finanzkrise, stark verändert habe. "Es wird mehr Effizienz verlangt, wir müssen viel leisten und sollen uns oft persönlich einbringen. Das geht einher mit immer mehr Burnout-Betroffenen." Wer so viel Energie und Zeit in seinen Beruf stecke, frage sich, wo der Sinn in seiner Arbeit liege – vor allem, wenn erwartet werde, dass er sich mit dem Arbeitgeber identifiziert.

Eine elitäre Forderung? Nicht unbedingt, findet Schnell: "Die Sinnfrage stellt sich in Ländern mit einem geringeren Wohlstand viel seltener. Dort ist es noch offensichtlich, warum oder für wen etwas getan wird. Diese Bedeutung ist bei uns verlorengegangen, daher suchen wir den Sinn. Das hat aber nichts mit Luxus zu tun."

Jede Arbeit kann sinnvoll sein

In der Forschung wird zwischen sinnstiftenden und sinnvollen Jobs unterschieden. Sinnvoll sei prinzipiell jeder Beruf, wenn vier Merkmale zutreffen, sagt Schnell. Erstens sollte man merken, dass "die Arbeit eine Bedeutung oder einen Nutzen für andere hat, nicht umsonst ist". Das sei auch der eigentliche Sinn von Arbeit. Zweitens sollte der Job zu den eigenen Fähigkeiten und zur Person sowie den persönlichen Zielen im Leben passen. Drittens sei es wichtig, dass man hinter dem stehen könne, was der Arbeitgeber wolle und welche Werte er vermittle. Und viertens sollte die Zugehörigkeit im Team stimmen und man sich nicht als austauschbare Nummer in der Belegschaft fühlen.

"Diese Faktoren sind nicht besonders schwer zu erfüllen – außer das Unternehmen ist nur auf Profit getrimmt." Denn: Je mehr das Geld im Vordergrund stehe, desto weniger wüssten die Mitarbeiter, wofür sie arbeiten – der Sinn falle weg. Schnell verdeutlicht das anhand der Krankenpfleger: "Die wollen ja Kranke pflegen. Wenn sie das aber im Akkord tun müssen und sich nicht mehr auf die Person einlassen können, tritt die Patientenbeziehung in den Hintergrund. Der Sinn fällt weg, auch wenn man noch so viele Leute pro Tag pflegt und der Chef zufrieden ist."

Mehr Sinn, weniger Geld

Die Pfleger könnten ihre Arbeit aber nicht nur als sinnvoll, sondern auch als sinnstiftend empfinden: nämlich wenn sie einen großen Spielraum haben, um ihre Tätigkeiten selbst zu gestalten, und ihre persönlichen Werte ausleben können. "Jene Berufe, die Sinn stiften, ermöglichen es einem, sich selbst zu verwirklichen. Da sind Lebensbedeutungen wie Individualität, Freiheit, Kreativität, Wissen, Leistung und Macht ausschlaggebend", sagt die Psychologin. Wer an der Kassa sitze oder Buchhaltung mache, habe das nicht, sondern müsse in der Regel klar definierte Tätigkeiten ausführen. "Die Kassiererin kann sehr wohl einen sinnvollen Job haben. Aber sie sagt wahrscheinlich nicht, dass er ihrem Leben einen Sinn gibt." Das legt nahe: "Nicht jeder Job kann Sinn stiften, und das sollten wir auch nicht erwarten."

Vor allem könne die Arbeit etwa für Führungskräfte, Kreativberufler oder Lehrer sinnstiftend sein – aber auch für Handwerker. Und gerade die Jungen der Generationen Y und Z würden Sinn suchen, sagt Schnell. Wobei die Hälfte der nach 1980 Geborenen nicht so denkt: "Die sogenannten existenziell Indifferenten sehen in ihrem Leben keinen Sinn, sind deshalb aber in keiner Krise. Sie denken, dass andere über sie bestimmen oder alles Zufall ist." Sie suchten daher keinen Beruf, der zu ihnen passt, könnten oft nicht erfahren, wo der Nutzen ihrer Arbeit liegt.

Je mehr Sinn, desto weniger krank

In einer Umfrage der Boston Consulting Group von 2018 sei unter den Millennials, die angaben, Sinn im Job zu suchen, der Anteil der Frauen höher als der der Männer gewesen. Dafür würden die Sinnsucher allgemein ihren Beruf nicht vor ihr Privatleben stellen wollen. Beim Geld würden aber die meisten Abstriche machen: So ergab eine Befragung der Coaching-Plattform BetterUp, dass mehr als neun von zehn Arbeitnehmern zugunsten eines sinnstiftenden Jobs im Schnitt auf 23 Prozent ihres Gehalts verzichten würden. Das ist für Schnell auch eine Gefahr: "Viele beuten sich selbst aus, und manche Arbeitgeber nutzen das sogar aus. Sie zahlen weniger Gehalt, weil die Leute ja stattdessen den Sinn im Beruf bekämen."

Die Vorteile überwiegen aber: Wer in seiner Arbeit Sinn findet, ist erwiesenermaßen motivierter, leistungsfähiger, zufriedener und engagierter. "Er fährt morgens gerne in die Arbeit, will sich anstrengen, ist bereit, die Extrameile zu gehen – auch ohne äußere Anreize", sagt Schnell. Und die Arbeitnehmer sind gesünder: Je mehr Sinn sie im Job empfinden, desto weniger sind sie krank. Das fanden deutsche Forscher für den Fehlzeiten-Report 2018 heraus. Die Befragten, die ihre Arbeit als wenig sinnhaft erachteten, fehlten mit 19,6 Tagen doppelt so häufig wie ihre sinnerfüllten Kollegen.

Grundeinkommen

Was können Arbeitgeber also tun, damit ihre Angestellten mehr Sinn empfinden? "Ein Arbeitsklima schaffen, in dem Menschen wertgeschätzt und gelobt werden, wo offen kommuniziert wird – auch über Probleme – und die Angestellten mitbestimmen können." Das spreche dafür, "starre hierarchische Strukturen aufzubrechen". Und Führungskräfte sollten die Unternehmensziele auch tatsächlich leben und selbst Sinn sehen in dem, was sie tun. "Studien zeigen: Ist das nicht so, führt das bei den Mitarbeitern zu Zynismus und Sinnverlust."

Der Sinn im Job und der Beruf an sich sollten aber nicht überhöht werden, wie es vielfach der Fall sei, sagt Schnell. "Wir identifizieren uns zu sehr über die monetäre Arbeit und nicht auch über Dinge, die wir sonst noch machen, wie politisches Engagement, Einsatz für die Natur, die Pflege von Angehörigen." Das liege laut der Psychologin daran, dass diese Tätigkeiten "nicht allgemein als bezahlenswert erachtet werden – dabei sind sie durchaus sinnvoll".

Daher befürwortet Schnell die Idee eines Grundeinkommens. Dann würden viele Menschen nicht mehr "irgendwas" tun, um zu überleben, sondern sinnstiftenden Leidenschaften nachgehen. "Sie wären gesünder und zufriedener, weil sie wissen, etwas nicht tun zu müssen." (Selina Thaler, 13.7.2019)

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