Selina Thaler

Redakteurin: Der Standard // frei: Die Zeit, Zeit Campus

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Berufseinstieg: Gehen Freundschaften zu Bruch?

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Beginnt man den ersten Job, werden Beziehungen auf die Probe gestellt: weniger Zeit, weniger Energie. Immer mehr Junge fühlen sich einsam

Freundschaften brauchen Zeit. 40 bis 60 Stunden benötigen wir, um eine unverbindliche Freundschaft aufzubauen, haben US-amerikanische Forscher herausgefunden. Nach 80 bis 100 Stunden entwickelt sich eine echte Freundschaft, richtig gut befreundet ist man nach rund 200 gemeinsam verbrachten Stunden. Das sind etwas mehr als acht Tage.

Vier Freunde haben die Österreicher im Durchschnitt. Eine Befragung des deutschen Meinungsforschungsinstituts kam zum Schluss, dass die Zahl der Freunde in den vergangenen fünf Jahren leicht abgenommen hat. Besonders negativ fällt diese Bilanz in der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen aus. Viele unserer Freunde lernen wir in diesem Alter kennen: in der Schule, der Ausbildung, im Studium. Naheliegend: Man verbringt viel Zeit miteinander und hat meist eine ähnlich getaktete Freizeit.

Die wird mit dem Eintritt ins Berufsleben weniger – und das kann auch Freundschaften verändern, sagt Sabine Flick. Sie ist Soziologin an der Uni Frankfurt und beschäftigt sich mit Freundschaften im Arbeitsleben. Flick sieht besonders die Art, wie wir heute arbeiten, als Grund für die Veränderung von Freundschaften: "Je mehr sich die Arbeit ins Privatleben ausdehnt, desto weniger Zeit bleibt für andere Kontakte."

Paarbeziehung wird wichtiger

Doch es zählt nicht nur die quantitative Zeit, sondern auch die qualitative: "Nach acht bis zehn Stunden Arbeit kostet es Kraft, nicht nur mit jenen, mit denen man zusammenwohnt, zu sprechen, sondern auch mit der besten Freundin zu telefonieren." Auch die Fähigkeit, sich auf neue Personen einzulassen, schwinde dadurch, sagt Flick. Die Folge: "Man orientiert sich stark an den Personen, die da sind – und das ist in vielen Fällen der Partner oder die Partnerin." Langjährige Freundschaften leiden also eher unter dem Berufseinstieg. "Das ist ein starker Bruch. Und eine Phase, wo sich zehn Jahre später zeigt, ob man noch befreundet ist", sagt die Soziologin. Denn in dieser Zeit erlebe man auch viele Krisen, Veränderungen, Entwicklungen – und wenn jemand mit Freunden sprechen will, diese aber nicht verfügbar sind, sei man enttäuscht. Im schlimmsten Fall geht die Freundschaft zu Bruch.

"Es ist aber nicht so, dass dann alle Freundschaften kaputtgehen", sagt Flick. Freundschaften hielten dann besonders gut, wenn die Personen in ähnlichen Situationen sind und Verständnis füreinander haben. "Wenn einer viel arbeitet und die andere mit einem Säugling daheim ist, ist das eine Herausforderung für eine Freundschaft."

Kollegen werden zu Freunden

Hinzu kommt, dass wir immer mehr Zeit mit Kollegen verbringen und diese auch häufig zu Freunden werden. Flicks Studien legen sogar nahe, dass Beschäftigte vermehrt "die klaren und übersichtlichen" Beziehungen am Arbeitsplatz suchten, während der "private Lebensbereich immer anstrengender erscheint". Jedoch ist die "Frollegin" oder der "Frollege" in der Regel nicht mit Freunden abseits der Arbeit zu vergleichen.

"Meine Untersuchungen zeigen, dass es heute in Freundschaften besonders wichtig ist, Geheimnisse zu teilen", erklärt die Soziologin. Doch das falle im Arbeitskontext, wo heutzutage ein großer Wettbewerb zwischen Kollegen bestünde, immer mehr weg; man erzähle sich vorwiegend Erfolgsgeschichten, anstatt beispielsweise zuzugeben, dass man einen Fehler gemacht hat oder ausgelaugt ist. Flick sieht in der geringen Qualität dieser Beziehung auch den Grund für die Zunahme psychischer Erkrankungen. Wer sich nicht mehr mit wahren Freunden über seine Sorgen und Ängste austauschen kann, wird unglücklich – oder fühlt sich sogar einsam.

Mehr fühlen sich einsam

Diese Entfremdung könne laut Sabine Flick eine Erklärung dafür sein, dass sich immer mehr Junge einsam fühlen, "obwohl sie faktisch nicht allein sind, sondern von vielen Leuten umgeben". Insbesondere Jugendliche, Ältere und psychisch Kranke seien zunehmend von Einsamkeit betroffen, sagte Günter Klug, Präsident von Pro mente Austria, der Gesellschaft für psychische und soziale Gesundheit, kürzlich zur Austria Presse Agentur. Er verwies dabei auf eine Langzeituntersuchung, laut der die Einsamkeit weltweit steige.

Je nach gemessener Intensität fühlen sich zwischen acht und 55 Prozent der Bevölkerung einsam. Wie viele Junge in Österreich unter dem Alleinsein leiden, ist mit Zahlen nicht zu belegen. Doch: Untersuchungen zufolge fühlen sich Kinder und Jugendliche an doppelt so vielen Tagen einsam als Erwachsene. Auch Befragungen dazu aus Deutschland kommen zu unterschiedlichen Zahlen – sie schwanken zwischen elf und 15 Prozent. Niemand gebe gerne zu, einsam zu sein, sagt Janosch Schobin. Der Soziologe befasst sich an der Uni Kassel mit Fragen zur Einsamkeit.

Doch es gibt noch andere Gründe für soziale Isolation. Viele ziehen fürs Studium oder den neuen Job in eine andere Stadt, lassen damit ihre Freunde und Familie in der Heimat zurück. Auch der von Flick angesprochene Mangel an Zeit, sich um den Freundeskreis zu kümmern, gehört da dazu. Oder wenn man sich am Arbeitsplatz unverstanden fühlt.

Manche meinen auch, dass wegen Smartphones und Social Media Freundschaften kaputtgehen und die Einsamkeit zunehme. Flick und Schobin sagen aber: Es gebe keine Zahlen, die das belegen. Höchstens veränderten sie Freundschaften, seien zugleich aber auch nützliche Medien, wenn man Freunde in anderen Ländern hat, sagt Flick.

Wie körperlicher Schmerz

Immer mal wieder allein zu sein gehöre zum Erwachsenwerden dazu, sagt Janosch Schobin. Wichtig ist allerdings: Nicht jeder, der allein ist, ist einsam. Das ist man erst, wenn man darunter leidet. Dann werden im Gehirn nämlich dieselben Regionen aktiviert, wie wenn man körperliche Schmerzen hat, zeigen medizinische Studien. Durch soziale Isolation sinkt die Lebenserwartung, und sie führt etwa zu Stress, Bluthochdruck, Erschöpfung, Schlafstörung oder Depressionen. In manchen Fällen hilft da nur Psychotherapie.

Eine gute Prävention: eine Gruppe von zehn bis 15 Freunden, Verwandten und Kollegen um sich zu haben, die man schätzt und denen man sich anvertrauen kann. (Selina Thaler, 29.6. 2019)


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