6 Abos und 1 Abonnent
Artikel

Videokonferenzen: Das Ende von echter Nähe

Die Musikerin Yvonne King wird 1965 an einem Picturephone interviewt. © Archives/​Walt Disney Television/​Getty Images

Früher war in Zukunft alles ganz einfach. "Auf den Schirm!", rief Captain Kirk auf der Kommandobrücke des Raumschiffs Enterprise - und auf einem Riesenbildschirm erschien ein mehr oder weniger gut gelaunter Außerirdischer. Jetzt ist die Zukunft plötzlich da und sieht so aus: Wir starren auf einen kleinen Monitor, und dort redet einer seit einer Viertelstunde ohne Pause. Erst hat er von einem Online-Treffen mit seinen alten Schulkameraden erzählt. Dann hat er sich über Leute beschwert, die keine Maske tragen. Und immer wieder kommentiert er ein Konzert, das er parallel im Livestream verfolgt.


Sein Gesicht thront in der Mitte des Bildschirms. Unter ihm reihen sich fünf Fenster aneinander, sie sind so klein wie Briefmarken, darin: andere Gesichter. Ganz links klebt eine Freundin, die sowieso eher still ist und heute noch gar nichts gesagt hat. Im Fenster daneben rollt einer mit den Augen, in der Mitte scheint ein Freund etwas in ein Notizbuch zu zeichnen, und die zwei Augenpaare auf der rechten Seite sind zwar auf den Bildschirm gerichtet, aber niemand weiß, was sie dort sehen. Video-Calls sind seltsam - selbst mit Leuten, die man ewig kennt. Man sieht sie zwar, aber irgendwie wirken sie manchmal wie Außerirdische. Und wie sie einen wohl selbst wahrnehmen?


Wer zum ersten Mal an einer Videokonferenz teilnimmt, betritt meist eine in weiten Teilen unbekannte Welt. Nie zuvor ist eine Technologie so überfallartig in den Alltag so vieler Menschen eingedrungen. Jahrzehntelang erhielt sie vor allem Fernbeziehungen aufrecht, oder man skypte mit der Tochter, die im Ausland studierte. Das war die Zeit, in der die weltweiten Download-Zahlen des Video-Tools Zoom in Apples App Store vor sich hindümpelten. Im Frühjahr dieses Jahres sind sie dann explodiert - von knapp einer Million auf 36 Millionen. Als die Menschen mehr Zeit zu Hause verbrachten und die realen Kontakte weniger wurden, übernahm das Virtuelle. Und das ohne Vorwarnung oder Anleitung.


Die hätte es gebraucht. Denn in einem Video-Call ist wirklich alles anders als bei einem Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Normalerweise sitzt man gemeinsam an einem Tisch oder steht im Kreis beieinander, und allein das gibt Ordnung und Struktur. Es bedeutet etwas, ob Menschen näher beieinanderstehen oder Distanz wahren. Zu Freunden fühlt man sich hingezogen, die Lieblingskollegin lässt man dichter an sich heran als andere. Bei der Videokonferenz hingegen ist alles nah und intim. So dicht, wie die Gesichter am Laptop an das eigene heranrücken, sitzt man sonst nie zusammen, zumal sie einem auf dem Monitor auch noch alle gleichzeitig so nahe kommen. Es ist nicht für alle leicht, sich darauf einzustellen. "Manchen Menschen fällt es schwerer als anderen, sich einzubringen, wenn sie so viele Gesichter frontal vor sich haben", sagt Judith Holler. Die Psycholinguistin erforscht an der Radboud-Universität im niederländischen Nimwegen unter anderem das Sprechverhalten in Video-Calls. Dazu komme ein Paradoxon: Obwohl unsere Gesprächspartner nur Zentimeter von uns entfernt scheinen, befinden sie sich doch in einer anderen Umgebung als wir. Steht vielleicht noch eine weitere Person im Raum, die mithört, aber nicht zu sehen ist? Wir wissen es nicht. Das verunsichert viele Menschen.


Dazu kommt: Die anderen erscheinen zwar körperlich nah, aber man kann sich nicht mal eben hinüberbeugen, um sich jemandem zuzuwenden, der Sitznachbarin einen Gedanken zuzuflüstern oder einem Freund tröstend die Hand auf die Schulter zu legen. Der Körper wird also ein Stück weit seines Ausdrucks beraubt. Deshalb sagen vor allem Introvertierte bei Video-Calls oft gar nichts mehr, sondern beobachten das Geschehen nur noch. Das kann wirken, als seien sie abwesend, distanziert, unbeteiligt - und es führt nicht nur zu kleinen Missverständnissen: Begegnet man sich online zum ersten Mal, ist die Gefahr groß, dass man die gesamte Persönlichkeit des Gegenübers völlig falsch einschätzt. Die Kamera wirkt dann wie ein Zerrspiegel.


"Per Video ist Blickkontakt überhaupt nicht möglich."

Aber immerhin besser, als nur zu telefonieren, könnte man einwenden. Doch wir können einander zwar über die Kamera anschauen - aber etwas sehr Entscheidendes ist nicht da: "Blickkontakt ist sehr wichtig, um im persönlichen Austausch Nähe herzustellen", sagt Anne Böckler-Raettig, sie forscht an der Universität Hannover zu Blickverhalten und sozialem Verstehen. Sie sagt auch: "Per Video ist Blickkontakt überhaupt nicht möglich." Und sie hat recht: Schauen wir in einer Videokonferenz unserem Gesprächspartner in die Augen, sieht der, wie wir nach unten blicken - weil das Fenster mit seinem Gesicht unterhalb der Kamera liegt. Schauen wir hingegen direkt in die Kamera, schenken wir dem anderen zwar das angenehme Gefühl, angesehen zu werden - wir aber blicken nur in eine Linse wie in ein schwarzes Loch.


So geht eine der evolutionär wichtigsten Errungenschaften überhaupt verloren: in den Augen unserer Gegenüber zu lesen und direkt mit ihnen zu kommunizieren. "Blickkontakt trägt dazu bei, sich unmittelbar in den anderen einzufühlen", sagt Böckler-Raettig, und das sogar über Distanz: Stehen wir in einem Raum weit auseinander, gleichen wir das normalerweise durch mehr Blickkontakt aus. Umgekehrt schauen wir einander immer weniger in die Augen, je näher wir uns kommen - weil es irgendwann zu intim wird. Das haben der Sozialpsychologe Michael Argyle und die Psycholinguistin Janet Dean bereits Jahre vor Raumschiff Enterprise in ihrer Intimitäts-Gleichgewichts-Theorie beschrieben. Die Herausforderung bei Video-Calls: Wir sind einander weder räumlich nah, noch können wir die bestehende Entfernung durch intensiveren Blickkontakt ausgleichen. Jahrtausendelang erprobte Reaktionen laufen ins Leere.


Zum Glück hilft uns ein anderer evolutionärer Mechanismus: Anpassung. "Wir Menschen sind Meister darin, uns auf neue Anforderungen einzustellen", sagt Böckler-Raettig, "gerade in sozialen Situationen." Wir finden Wege, um das im Videokontakt Wegfallende auszugleichen. Die Psychologin beobachtet zum Beispiel, dass Menschen in Videogesprächen Emotionen viel schneller aussprechen, um so Nähe herzustellen: "Ich finde dich schön." - "Warum bist du heute so still?" - "Ich bin immer für dich da." Solche Sätze können Blick- oder Körperkontakt zumindest kurzfristig ersetzen. Das kommt natürlich jenen Menschen entgegen, denen es leichtfällt, Gefühle in Worten auszudrücken - andere wirken dagegen kühler, als sie eigentlich sind.


Die Psychologie erwarten spannende Zeiten

Regeln und Konventionen werden in dem neuen Medium derzeit erst ausgehandelt. Niemand kann heute sagen, was in Video-Calls in einigen Jahren als angemessen gelten wird und was nicht. Zum Beispiel: die Gesprächspartner in ihren Fensterchen minutenlang anzustarren, ohne dass sie das merken. Darf man das? "Wenn wir uns im selben Raum befänden, würden wir das nie machen", sagt Böckler-Raettig, "das wäre ein sozial völlig unangemessenes Verhalten." Noch mehr Futter für Psychologen wird in den kommenden Jahren eine neue Art der Selbstreflexion liefern. Viele Menschen starren nämlich vor allem sich selbst ausgiebig an und beobachten dabei die emotionalen Reaktionen des eigenen Gesichts – als würden sie bei einem persönlichen Gespräch die ganze Zeit einen Spiegel neben das Gesicht ihres Gegenübers halten.

"Wir werden in Video-Calls ständig damit konfrontiert, wie wir auf andere wirken", sagt Olaf Kramer, Professor für Rhetorik in Tübingen. Das könne vor allem schüchterne Menschen zusätzlich verunsichern. Andere würden abgelenkt: "Wenn ich einen Großteil der Aufmerksamkeit auf mich selbst und mein eigenes Bild richte, ist es für mich natürlich schwerer, mit den Gedanken beim Thema zu bleiben."


Man weiß nie, worauf sich die anderen Teilnehmer des Gesprächs gerade wirklich konzentrieren. Anne Böckler-Raettig sieht hier den größten Unterschied zur Kommunikation von Angesicht zu Angesicht: "Man ist einander innerlich weniger verpflichtet, der andere ist für mich während eines Video-Chats einfach ausschaltbar." Die Gesprächspartner sind keine wirklichen Partner mehr. Hier sollten in Zukunft angemessenere Gepflogenheiten entstehen: "Wir müssen einen Weg finden, eine neue Art von Verbindlichkeit herzustellen."


Dann können wir auch damit beginnen, neue Konventionen zu entwickeln. Wie man einen Sprechenden höflich unterbricht, ist zum Beispiel noch nicht ausgehandelt. Das hat auch mit der Technik zu tun: Im persönlichen Gespräch nehmen wir etwa das Einatmen einer Person wahr, wenn sie zum Sprechen ansetzt, und wenden uns ihr dann ganz automatisch zu. Online wird das Signal vielleicht durch das Mikrofon verschluckt. Auch das öffnet Raum für Missverständnisse: Es kann sein, dass der Kollege, der im Video-Call andere immer übergeht, bloß diese Signale nicht wahrnimmt. Oder eine Freundin fällt ständig den anderen ins Wort, eigentlich hat sie aber nur eine schlechte Internetverbindung, und ihre Beiträge kommen verzögert bei allen an.


Für manche stellen Video-Calls – und das damit meist verbundene Homeoffice – auch eine Chance dar: So kann einem jemand, der eigentlich zurückhaltend ist, auf dem Bildschirm viel engagierter vorkommen, weil er sich zu Hause, in seiner gewohnten Umgebung, eher etwas beizutragen traut als im Besprechungsraum oder im Vorlesungssaal. Und dass man nebenbei schnell (und unauffällig) etwas im Internet suchen kann, muss ja auch nicht heißen, dass man dadurch nur abgelenkt ist. "Diese zusätzlichen Informationen können ganz neue Impulse für das Gespräch liefern", sagt der Rhetorikexperte Olaf Kramer.


Nicht nur Nähe drücken Menschen in Videogesprächen auf neue Art und Weise aus. "Wir sind auch bei der Kommunikation selbst oft anpassungsfähig", sagt Judith Holler. Sie hat in ihrer Forschung herausgefunden, dass Konventionen aus persönlichen Gesprächen zurzeit darauf überprüft werden, ob sie auch im Digitalen ihren Zweck erfüllen – oder ob man etwas Neues braucht. Bringt es etwas, die Hand zu heben, wenn man etwas sagen möchte? Oder schreibt man das lieber in den Chat? Hilft es, eine Person immer direkt mit dem Namen anzusprechen? "Durch Corona sind wir alle miteinander ins Experimentierlabor geschmissen worden, um herauszufinden, welche Regeln eigentlich im Video-Setting gelten", sagt Olaf Kramer. Wir alle werden Erfahrungen sammeln und Schritt für Schritt feststellen, was besser und was schlechter funktioniert – und daraus werden dann Konventionen für den Umgang miteinander im Videokontext entstehen. So wie einst für den Brief oder für das Telefon.


Was sonst ganz intuitiv geschieht, wird zum bewussten Akt: Signale müssen analysiert und interpretiert werden. Was man sonst spürt, muss in Wörter gefasst werden. Menschen werden künftig bei der Kommunikation immer mehr mit ihrem eigenen Porträt und dem der anderen konfrontiert sein. Das kostet das Gehirn wie alles Unbekannte viel Energie. Daher kommt auch die Ermüdung, die sich bei Videokonferenzen sehr viel schneller einstellt als bei persönlichen Treffen. Es gibt sogar bereits einen Begriff dafür: Zoom-Fatigue. Die Psychologie erwarten spannende Zeiten – wie sie noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

Zum Original