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Sie beteten, sie rannten, sie twitterten - so erlebten Abgeordnete den Sturm aufs Kapitol

Es ist gegen 14.30 Uhr Ortszeit in Washington, als der Abgeordnete Vincente Gonzalez beginnt, um sein Leben zu fürchten. Der Texaner Gonzalez ist einer jener Kongressabgeordneten, die sich im Sitzungssaal des Kapitols befinden, als ein Mob wütender Trump-Anhänger den Sitz des amerikanischen Kongresses stürmt. Türen aufbricht. Fenster einschlägt. Randaliert. Skandiert. Das ehrwürdigste Gebäude der amerikanischen Demokratie entweiht.

Er habe als erstes an seine Frau Lorena gedacht, schreibt Gonzalez ein paar Stunden später auf Twitter. Dann sei ihm voller Angst durch den Kopf geschossen: "Werde ich unversehrt nach Hause zurückkehren? Ist es so weit gekommen mit unserem Land?" Es sind Worte, aus denen deutlich wird: Gonzalez hat Sorge um sein Leben. Und um den Zustand seiner Nation. Unklar ist, was Gonzalez stärker den Angstschweiß hochtreibt.


Aus den Tweets, die Gonzalez und andere Kongressabgeordnete, die das Geschehen im Kapitol erleben, absetzen, lässt sich ablesen, wie ernst die Lage am Mittwoch war – und wie groß die Gefahr. Denn: Weder die Kongressabgeordneten noch das Sicherheitspersonal des Kapitols konnten abschätzen, wie weit die rund 2000 Trump-Anhänger bereit sein würden zu gehen.


"Die Lage ist ernst"

Aus allen Teilen des Landes waren die Protestler zusammenkommen, hatten sich schon Stunden zuvor vor dem Kapitol versammelt, um dagegen aufzubegehren, dass der Kongress und Abgeordnete wie Gonzalez das Wahlergebnis vom November und damit den Demokraten Joe Biden als nächsten Präsidenten anerkennen. Sie waren aufgepeitscht von Wahlverlierer Trump, der zuvor in einer Rede abermals den Vorwurf des Wahlbetrugs erneuert hatte.

Bereits um 14:17 Uhr twitterte die demokratische Abgeordnete Jackie Speier aus Kalifornien, dass die Lage vor dem Kapitol ernst sei und Sicherheitsleute deshalb Nancy Pelosi, die 80-jährige Sprecherin der Demokraten, aus dem Sitzungsaal geleitet hätten.

Nur etwa 15 Minuten später dann der Tweet einer weiteren demokratischen Kongressabgeordneten, Terri A. Sewell aus Alabama. Nun war es klar: "Es gab einen Einbruch ins Capitol. Wir sind im Sitzungssaal eingeschlossen, bis uns die Polizei erlaubt, ihn zu verlassen", so die Demokratin.


Sie rechnen mit dem Schlimmsten

Vincente Gonzalez, das Kongressmitglied aus Texas, machte es konkreter: "Nancy Pelosi wurde rausgebracht, wir wurden im Saal eingeschlossen. Als Schüsse zu hören waren, wurden wir Abgeordnete im Saal aufgefordert, uns flach auf den Boden zu legen." Es erscheint den Volksvertretern in diesen Minuten so, als rechneten die Sicherheitsbeamten des Kongresses mit dem Schlimmsten.

Auch der demokratische Abgeordnete Jim Himes aus Conneticut befand sich im abgeriegelten Saal, während die Eindringlinge das Kapitol stürmten. Auf Twitter teilte der Abgeordnete Bildschrirmfotos seines Handys von Warn-SMS, die er und andere Abgeordnete bekommen hatten, mit der Aufforderung, von den Fenstern fernzubleiben und sich im Büro zu verbarrikadieren, sofern man sich außerhalb des Sitzungssaals befände.


Bereits um 14:33 twitterte Himes: "Wir werden angewiesen, uns hinter unseren Sitzen zu verstecken, aber es gibt kein dahinter.”

Was dann passierte, hört sich an wie eine Szene aus einem Katastrophenfilm. Polizisten schlossen die Türen und wiesen die Abgeordneten im Plenum an, die Schutzanzüge mit den Atemmasken unter ihren Sitzen hervorzuholen - weil die Beamten nebenan, unter der Kuppel des Kapitals, Tränengas gegen die Eindringlinge einsetzten. Auch Journalisten im darüberliegenden Presseraum bekamen Gasmasken.

"Wir hatten Schwierigkeiten, die Box mit den Schutzanzügen zu öffnen", erzählte die republikanische Abgeordnete Vicky Hartzler aus Missouri später dem rechten TV-Sender Fox News. "Wir bekamen sie nicht aus der Verpackung." Auch republikanische Abgeordnete wie Hartzler fürchteten sich. "Es war beängstigend", so Hartzler. 


Die Geistliche will beten, aber niemand hört ihm zu

Auf dem Podium erschien dann die Geistliche des Parlaments, sie begann ein Gebet, aber sie drang damit kaum durch. Specherin Pelosi und Chuck Schumer, der Fraktionsführer der Demokraten veröffentlichten etwa zeitgleich auf Twitter ein Statement, in dem sie den noch amtierenden Präsidenten Trump dazu aufforderten, die gewaltbereiten Demonstranten zurückzurufen.

Die Eindringlinge schafften es derweil bis an die Tür, sie hämmerten dagegen. Anschließend, das berichtet die "New York Times", schoben die Sicherheitsbeamten des Kapitols eine hölzerne Truhe von innen vor den Zugang zum Saal, um den Demonstrierenden den Zutritt zu versperren. Sicherheitsleute zogen ihre Waffen und richteten sie auf die Tür.


Tom O'Halleran, ein Kongressabgeordenter aus Arizona, twitterte um 15:35 Uhr: "Dies ist ein dunkler Tag in der Geschichte Amerikas."
Kurz darauf begann die Evakuierung der Kongressabgeordneten. Sie wurden von bewaffneten Beamten durch das Labyrinth aus Gängen und Treppen nach unten in einen sicheren Teil des Kapitols geführt während oben die Trump-Anhänger den Saal stürmten. Es war ein sehr amerikanischer Moment: Während die Republikaner dort angekommen niederknieten, um zu beten, hingen die Demokraten an ihren Smartphones und twitterten.

Die Kongressabgeordente aus Arizona Ann Kirkpatrick machte Trump direkt für den Angriff verantwortlich. Um 16 Uhr schriebsie: "Machen wir uns keine Illusion: Der heutige Angriff wurde seit vier Jahren vom abgewählten Präsidenten angestiftet, angefacht. Dieser feige Angriff ist nicht neu – nur sichtbarer als sonst."

Andere sprachen sogar von einem Putsch, so wie Barbara Lee, eine afroamerikanische Abgeordnete der Demokraten aus Kalifornien: "Donald Trump ist der einzige, der für diesen versuchten Putsch verantwortlich ist."


Ein Anschlag auf die Demokratie

Sie gehört auch zu denjenigen, die nun fordern, dass Trump noch vor der Amtseinführung Bidens von seinem Präsidentenamt enthoben werden müsse.

Einig sind sich alle Mitglieder der Demokraten darin: Was sie erlebt haben, war ein Anschlag auf die Demokratie, angefacht von einem abgewählten Präsidenten, der sich an seine Macht und das Amt klammert, und mit seinem Märchen vom geklauten Wahlsieg dafür gesorgt hat, dass seine Anhänger das Vertrauen in gewählte Volksvertreter verloren haben. Der Abgeordnete Ruben Gallego schrieb:

"Heute haben nationale Terroristen – angestiftet von einem Präsidenten, der den Bezug zur Realität verloren hat – die Regierung und gewählte Vertreter des amerikanischen Volks angegriffen."


Und Trump, der Anstifter? Verschanzte sich im Weißen Haus. Und schwieg.


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