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„Hotel Matze": Was sich von Podcaster Matze Hielscher und seinen Gästen lernen lässt

Düsseldorf Im Netz gibt es ein Bild von Matze Hielscher, auf dem er in einer Abstellkammer sitzt. Im Regal links stehen Aktenordner, darunter aussortierte Wäsche und ein Standstaubsauger. Rechts eine Leopardenfell-gemusterte Decke. Hielscher sitzt auf einem Hocker, vor ihm auf einer Trittleiter sein aufgeklappter Laptop, an den er mit Kopfhörern angestöpselt ist. Dahinter lugt Hielschers nacktes Knie hervor. Hat er überhaupt eine Hose an?

Kaum einer würde wohl auf die Idee kommen, dass es sich bei dem Mann um einen erfolgreichen Unternehmer handelt. „Ich wollte im Homeoffice weiter meinen Podcast machen. Also bin ich zwischenzeitlich in die Besenkammer geflüchtet - der einzig dafür geeignete Ort", erzählt Hielscher.

Der 40-Jährige ist Co-Gründer und einer der beiden Geschäftsführer der Digitalagentur „Mit Vergnügen". Die gibt gleichnamige Stadtmagazine heraus, produziert Content-Marketing-Formate - also als Unterhaltungsangebote getarnte Werbung - und entwickelt und produziert Podcast-Formate. Zu den Kunden zählen etwa die Telekom, die Dating-App Tinder oder der Streamingdienst Netflix.

Heute gehört zu „Mit Vergnügen" ein ganzes Universum von Podcasts: ein „Beziehungsrat"-Podcast" beispielsweise, „Familienrat" mit Ex-TV-„Supernanny" Katja Saalfrank oder Hielschers eigenes Format „Hotel Matze", in dem er Politiker, Unternehmer und Kreative mit viel Zeit und Ruhe interviewt. Die Grünen-Chefs Annalena Baerbock und Robert Habeck, Sternekoch Tim Raue oder Flixbus-Gründer Daniel Krauss waren schon zu Gast.

Ein gutes und flexibles Geschäftsmodell, das „die Dynamik der digitalen Welt, in der sich permanent alles verändert, zum Teil seiner Unternehmens-DNA machte", sagt Markus Kleiner, Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der SRH Berlin.

Mit „Die Schule meines Lebens" kommt nun das Buch mit den besten Interviewpassagen aus seinen Podcasts. In jedem Buchkapitel widmet er sich einzelnen Podcast-Gästen und deren jeweiligem Credo.

Es ist eine Abwechslung zu den anderen Unternehmer-Büchern, in denen Deutschlands Abstieg vorausgesagt und das Land als schon bald wirtschaftlich und technologisch abgehängt beschrieben wird. Liest man Hielschers Buch, dann gewinnt man den Eindruck, Deutschland ist kein stillstehendes, sondern ein gelassenes Land der Dichter, Denker, Kreativen, Selbstverwirklicher und Stoiker. Das ist das Positive.

Die Interviewauszüge aus dem Podcast wirken aber als Sammelband zusammengestückelt. Hielscher wirft den Kern seiner Podcasts mit dem Buch über Bord - ausgeruhte und lang vorbereitete zweistündige Interviews zu führen.

Atmosphäre geht verloren

Für die Podcast-Aufnahme trifft sich Hielscher zu Beginn der Corona-Pandemie mit Wolfgang Joop auf dessen Familiensitz in Potsdam. Im Hintergrund zwitschern die Vögel, das Teeservice klappert, und Joops Hund bellt. Ein gutes Beispiel für die Kunstfertigkeit von Matze. Die Gespräche in seinen Podcasts klingen auf wundersame Weise immer sehr intim, das mag an Hielschers Stimmlage liegen oder an seiner bedachten Art zu reden.

Das alles geht leider im Buch verloren. Die einzelnen Kapitel ergänzt Hielscher immerhin durch erklärende Passagen. So erfährt man beispielsweise, dass das Interview mit Wolfgang Joop mehrmals abgesagt wurde. Teils aus absurden Gründen, zum Beispiel, weil der Pool abgelaufen sei. Das ist jedoch kein Ersatz dafür, dass durch den Medientransfer von Audio zu Schrift die Atmosphäre aus den Podcasts verloren geht.

Hielscher ist für viele Podcast-Produzenten ein Vorbild. Er gilt als besonders einfühlsamer Interviewer. „Einhorn"-Gründer Philip Siefer, dessen Firma unter anderem vegane Kondome produziert: Hielscher habe ihm „entlockt, dass ich unter Panikattacken leide", so Siefer. „Ich habe ihn kennengelernt als jemanden, dem man seine Geheimnisse anvertrauen kann, ohne sich dabei klein fühlen zu müssen. Wenn man mit ihm in einem Raum ist, hat man das Gefühl, man selbst sein zu können."

SPD-Politiker Heiko Maas war gleich zweimal da. Anfang dieses Jahres als Außenminister und zuvor als Bundesjustizminister. In letztgenannter Position soll er Hielscher das längste Interview seiner Amtszeit gegeben haben. Politiker müssen sich anders als bei echten Politik-Talk-Formaten keine Sorge machen, dass ihnen kritische Fragen gestellt werden oder sie gar unterbrochen werden.

Weil Hielscher kein Journalist ist. Deshalb muss er sich auch nicht um Ausgewogenheit kümmern. Politiker, die einem anderen politischen Spektrum angehören als dem links-grünen, sucht man vergeblich auf der bisherigen Gästeliste.

Ein Kritikpunkt zum Buch: Hilfreich wäre gewesen, den einzelnen Buchkapiteln über die Podcast-Gäste Infokästen mit Kurzbiografien der von ihm Befragten voranzustellen - dann müsste man nicht in jedes Kapitel hineinlesen. Zumal Hielscher das Buch nach eigenen Angaben so angelegt hat, dass man es nicht am Stück oder chronologisch lesen muss, sondern als „eine Art Ratgeber, den man permanent heranziehen kann".

Keine Gewinnmaximierung

Der Firmenname „Mit Vergnügen" kommt übrigens nicht von ungefähr. So hießen die Feten, die Hielscher und sein Partner von 2010 an in Berlin organisierten. Aus einem SMS-Verteiler entwickelte sich ein Web-Blog. Der war schon bald so angesagt, dass externe Autoren dafür schreiben wollten. Nicht nur über Partys, sondern auch über Kulturveranstaltungen.

So wuchs das Ganze zum digitalen Stadtmagazin heran. In der Zwischenzeit hat „Mit Vergnügen" Ableger für München, Hamburg und Köln. Und mit „Reisevergnügen" einen digitalen Reiseführer.

Den Plan, gedruckte Stadtmagazine ins Netz zu retten, habe er nie verfolgt, erklärt Hielscher. Das war eher ein Nebeneffekt. Ebenso ungeplant wurde aus „Mit Vergnügen" eine Podcast-Produktionsfirma. Zwei Bekannte hätten Hielscher gefragt, „ob sie ihren Podcast ,Beste Freundinnen', in dem sie über Liebe und Beziehungen sprachen, über unserer Seite verteilen könnten".

Hielscher selbst steht für einen neuen Unternehmertypus, der andere Ziele verfolgt als Gewinnmaximierung. Er sagt: „Vor der Coronakrise ging es häufig nur darum: Wo können wir noch wachsen? Jetzt lautet die Frage eher: Wo haben wir noch Überlebenschancen?" Das lässt umdenken, ist er überzeugt. Bei ihm habe dies schon früher eingesetzt.

Schon vor der Krise habe er nicht mehr vorgehabt, mit seiner Firma und ihren 30 Mitarbeitern zu expandieren. „Je größer du wirst, desto mehr Verantwortung hast du und desto weniger machst du das, weshalb du ursprünglich mal angefangen hattest mit der Selbstständigkeit."

Auch Chef-Sein stellt er sich anders vor als die meisten. „Ich bin nicht Chef geworden, um Menschen zu managen. Mein Ziel ist es, mich als Chef rauszunehmen, das Unternehmen von mir unabhängig zu machen." Aus „Mit Vergnügen" soll ein sich selbst verwaltendes Unternehmen werden. Deshalb sind die Arbeitsbedingungen dort schon immer auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter zugeschnitten: auf Wunsch Vier-Tage Woche und natürlich ein Recht auf Homeoffice.

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