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Warum auf der schnellen Bahnstrecke Erfurt-Halle nur ICE und jetzt Flixtrain fahren

Ein ICE der Deutschen Bahn auf der Neubaustrecke Erfurt-Halle/Leipzig bei Buttstädt im Kreis Sömmerda in Thüringen. Bildrechte: Deutsche Bahn AG

Vier Jahre lang hatten die Lokführer der ICE-Züge der Deutschen Bahn die Neubaustrecke zwischen Erfurt und Halle für sich allein. Kein anderes Eisenbahnunternehmen hat die Trasse planmäßig genutzt, die zu den Prestigestrecken der Deutschen Bahn gehört und für 300 km/h ausgelegt ist. Die einzigen anderen Fahrzeuge auf der Strecke waren die gemieteten blauen Dieselloks der Eisenbahngesellschaft Press aus Sachsen, mit denen die Bahn liegengebliebene ICE von der Strecke schleppt, sowie Wartungs- und Instandhaltungszüge.


Quietschgrün statt nur weiß


Mit dem Fahrplanwechsel am heutigen Sonntag ändert sich das, wird der Verkehr auf der Strecke bunter: Quietschgrüne, lokbespannte Züge schieben sich zwischen die weißen ICE-Platzhirsche mit ihren aerodynamisch optimierten Triebköpfen, auffällig beklebt mit dem Markennamen Flixtrain. Flixtrain - das ist der Bruder der Fernbusmarke Flixbus auf der Schiene. Vom Fahrplanwechsel an lässt Flixmobility, das Unternehmen hinter den beiden Verkehrsmarken, seine Züge zwischen Berlin und Stuttgart nicht mehr durch Niedersachsen rollen, sondern durch Thüringen. Zwei Verbindungen pro Tag werden je Richtung von Donnerstag bis Montag angeboten. Diese Züge halten in Thüringen in Eisenach, Gotha und Erfurt. Dienstags und mittwochs gibt es nur eine Verbindung in jede Richtung, die in Thüringen obendrein nur in Erfurt hält.


Spezielles Zugsicherungssystem vorgeschrieben


Dass Flixtrain der erste und laut Deutscher Bahn einzige weitere Nutzer der schnellen Strecke ist, hängt an einem ganzen Strauß von Gründen. Die dominierende Blume in diesem Strauß ist das Zugsicherungssystem: Auf freier Strecke zwischen Leipzig/Halle, Erfurt und Ebensfeld gibt es keine ortsfesten Signale mehr. Stattdessen werden zwischen Zug, Streckensensoren und den elektronischen Stellwerken Daten über das Mobilfunknetz der Bahn ausgetauscht.


ETCS oder European Train Control System nennt sich diese Technik. Triebzüge oder Loks, die auf derartig gesicherten Strecken fahren sollen, müssen die ETCS-Signale senden, empfangen und verarbeiten können.


Das System hat sich bewährt, die peinliche Panne beim Betriebsbeginn des Südabschnitts der Neubaustrecke von Erfurt nach Ebensfeld 2017 hat sich nie wiederholt. Doch steckt der Teufel im Detail: Seinem Namensanspruch, ein europaweit gültiges System zu sein, wird ETCS nicht gerecht. Es existieren diverse Länder- und Software-Varianten. Hinzu kommt, dass es im deutschen Bahnnetz so gut wie keine weiteren Abschnitte mit ETCS gibt.


Kilometerkosten kein Argument gegen die Neubaustrecke


Die Kilometerkosten sind kein Argument mehr gegen die Strecke, im Gegenteil: Seit einer Preisreform 2018 sind Neubaustrecken nicht mehr teurer als Altstrecken. Bahnbetreiber kommen etwa zwischen Halle und Erfurt auf der Neubaustrecke günstiger weg als auf der alten Strecke über Weimar, Naumburg und Weißenfels - weil die länger ist. Dass Güterbahnen um die Strecke bisher dennoch einen Bogen machen, dürfte am ETCS liegen: Nicht nur werden Lokomotiven gebraucht, die mit Sende- und Empfangsanlagen ausgerüstet sind und die Signale verarbeiten können. Lokführer müssen für das System ausgebildet sein, die ETCS-Ausrüstung der Lok muss von Fachpersonal gewartet werden. Diesen Aufwand wegen einer winzigen ETCS-Insel im großen Bahnnetz zu treiben, haben die Güterbahnen bisher gescheut. Nach Angaben der Deutschen Bahn hat bisher keine von ihnen wegen der Nutzung der Strecke angefragt.


Topografie als zusätzliches Hindernis


Auf dem Südabschnitt der Strecke kommt die Topografie als zusätzliches Hindernis für Güterzüge hinzu: Trotz zahlreicher Brücken und Tunnel müssen die Züge Steigungen überwinden, um über den Thüringer Wald zu kommen. Das limitiert das zulässige Gewicht eines Zuges, weil dessen Lok an jeder Stelle einer Strecke in der Lage sein muss, nach einem Stopp wieder anzufahren. Für Güterbahnen gilt aber: Je länger und schwerer ein Zug ist, desto profitabler. Dass der Streckenabschnitt generell zu steil für Güterzüge sei, hat die Bahn AG jedenfalls schon 2016 dementiert. Inzwischen bessert sie sogar nach, um Erfurt-Ebensfeld attraktiver für Güterbahnen zu machen: Vorgesehene Stopp-Stellen werden so versetzt, dass schwerere Güterzüge dort keine Anfahr-Probleme haben würden.


Knifflig: Der Nahverkehr


Von Nahverkehrszügen wird die Neubaustrecke nur auf einem Teilabschnitt im Süden befahren: Die Deutsche-Bahn-Tochter DB Regio fährt mit dem Regionalexpress von Nürnberg nach Sonneberg alle zwei Stunden auf einigen Kilometern auf der Schnellstrecke. Jüngst haben Bayern und Thüringen eine Regionalexpress-Linie Erfurt-Nürnberg ausgeschrieben. Zum Zuge soll der Gewinner aber nur für den Fall kommen, dass die Bahn ihre ICE-Züge nicht häufiger als bisher in Coburg in Oberfranken halten lässt. In der Kleinstadt können viele Südthüringer ohne aufwendige Anreise umsteigen.


Die Ausschreibung macht zudem das Dilemma der Neubaustrecke deutlich: Sie verbindet die Ballungszentren und lässt die kleineren Städte links liegen. Fährt ein ICE in Halle los in Richtung München, passiert er bis Ebensfeld genau einen Personenbahnhof - Erfurt. Ein ICE auf der Fahrt nach Süden via Leipzig kommt immerhin zusätzlich an den Bahnhöfen Leipzig Messe, Leipzig/Halle Flughafen und Gröbers im Saalekreis in Sachsen-Anhalt vorbei. Als die Ausschreibung für einen RE Erfurt-Nürnberg bekannt wurde, meldete sich umgehend der Ilm-Kreis und forderte den Bau eines Regionalbahnhofes bei Ilmenau. 


Für den Streckenabschnitt Erfurt-Halle/Leipzig sind Regionalzugverbindungen bisher noch nicht einmal öffentlich ernsthaft diskutiert worden. Schwer vorstellbar, dass die Länder als Besteller und Finanzier des Bahn-Nahverkehrs ihre Mittel dafür investieren, der Deutschen Bahn und jetzt Flixtrain Konkurrenz zu machen.


Warum ein Flughafenexpress nach Leipzig sinnvoll wäre


Eine Verbindung gibt es allerdings, die ebenso finanzierbar wie sinnvoll wäre: Einen Flughafenexpress von Thüringen bis zum Flughafen Leipzig-Halle und weiter zur Messe und zum Hauptbahnhof. Bisher rauschen die ICE der Deutschen Bahn nämlich am größten mitteldeutschen Flughafen ebenso vorbei wie am Leipziger Messegelände, wo es auch Thüringer zuweilen hinzieht.


Thüringen könnte seine Subventionen für den mäßig ausgelasteten Flughafen Erfurt-Weimar umlenken in einen solchen Flughafenexpress. Doch die Politik im Freistaat scheut sich davor, dem einzigen internationalen Flughafen Thüringens den Geldhahn zuzudrehen - zumal es das Ende des kommerziellen Passagierflugbetriebs bedeuten dürfte. Ende 2018 sicherte die rot-rot-grüne Landesregierung dem Flughafen eine Millionenförderung bis 2023 zu. Im Landtagswahlkampf sprachen sich allein die Grünen dafür aus, dass der Staat den Flughafen nicht weiter finanziell päppelt.


Bleiben also die Flixtrains übrig als bis auf Weiteres weitgehend einziger Farbtupfer neben den weißen ICE-Triebzügen der Bahn auf der Neubaustrecke. Flixmobility hat für sein neues Angebot ETCS-fähige Loks vom Typ Siemens Vectron angemietet, die Waggons stellt das in Tschechien beheimate Verkehrsunternehmen Leo Express. Welche Waggons zum Einsatz kommen, wollte Flixmobility vorab nicht verraten - andere Flixtrains sind mit alten Intercity-Wagen der Deutschen Bahn unterwegs.



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