Sebastian Goddemeier

Freier Autor und Journalist, Berlin

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Artikel

Ich war als schwuler Mann auf der Erotikmesse Venus

Live-Cam-Sex, masturbierende Frauen, Oralsex auf der Bühne. Aus Lautsprechern dröhnt "Don't Cha" von den Pussycat Dolls. Ich kämpfe mich durch Messehalle 20. Gaffer, Kameras, erigierte Penisse. Wir sind auf der Venus in Berlin, der größten Erotikmesse Deutschlands. Europas. Vielleicht sogar der ganzen Welt!

Zwischen all dem Fleisch, all den nackten Frauen, bin ich ein Vegetarier. Denn: Ich bin schwul. Ich bin so schwul, dass ich noch nie Sex mit einer Frau hatte, höchstens mal rumgemacht oder gefummelt. Damals, als ich 13 oder 14 war und der Druck der heterosexuellen Gesellschaft auf mir lastete und ich mir einreden wollte: Ich bin hetero!

Nun möchte ich zwei Dinge verstehen: Was ist so faszinierend für Heteros an dieser Inszenierung? Und wie viel Homosexualität ist in der Venus verborgen?

Halle 20, vorbei an einer Box, in der gerade eine Live-Hardcore-Sex-Show gezeigt wird. Vorbei an Dessous-Ausstellern, an Sextoys, an ganz vielen gemachten Brüsten, die aufrechter stehen als Sahra Wagenknecht auf Presseveranstaltungen. Überall sammeln sich Schaulustige, hauptsächlich Männer. Sie gaffen, machen Fotos, drehen Videos. Alles wirkt wie in einem Film. Was ich bisher nur aus Pornos kannte, findet live vor meinen Augen statt. Ich kann es nicht begreifen - werde alsbald jedoch aus meinen Gedanken gerissen.

Halle 21. Bumm. Bumm. Bumm. Die Pussycat Dolls aus Halle 20 haben wir hinter uns gelassen, hier läuft Destiny's Child: "I'm a survivor, I'm not gon' give up" plärrt es aus den Boxen. Auf einer Bühne, die an das Bühnenbild von Christina Aguileras " Stripped"-Tour aus dem Jahr 2003 erinnert, mit großen Ventilatoren im Hintergrund, tanzt eine Stripperin. Sie weiß, wie sie sich bewegen muss, setzt sich auf einen Stuhl. Und. Spreizt. Die. Beine.

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Verdammte Scheiße, die erste Vagina, die ich bei weit gespreizten Beinen in meinem Leben sehe. Also live, nicht im Film. Ich bin fasziniert und perplex. Die Männer vor der Bühne erregt. Sie kommen näher. Wollen bessere Fotos, bessere Videos bekommen. Vielleicht um sich später darauf einen runterzuholen, ich weiß es nicht und traue mich nicht zu fragen.

Halle 21b, die Ladies Area. Wegen dieser bin ich eigentlich gekommen. Genauer gesagt: Wegen der Mens Strip Show! Männer, die sich für Geld ausziehen, mit ihren Astral-Körpern angeben, sich im Takt bewegen und alle Frauen glücklich machen - und eben auch mich. Wie das mit den Erwartungen jedoch oft ist, wird man enttäuscht.

Milchglasscheiben, auf denen alle paar Meter ein oberkörperfreier Mann abgedruckt ist, trennen mich vom Objekt der Begierde: den Strippern. Eine Art Kasten, ein abgetrennter Raum in Halle 21b, das ist die eigentliche Ladies Area. Ungefähr so groß oder klein wie ein Studentenapartment in München. Soll heißen: winzig klein, fast nicht existent.

Durch die Scheiben sehe ich Frauen, die sich gegen Milchglas lehnen. Es ist 12:35 Uhr. Mittags. Die Show soll vor fünf Minuten angefangen haben. Die Damen an den Scheiben wippen im Takt. Ich sehe Haargummis und blonde und braune Haare, aber die strippenden Männer sehe ich nicht. "Nur Frauen", sagt der gut aussehende, etwas zu gebräunte, etwas zu glatte und ebenfalls breit gebaute Typ am Eingang. Als schwuler Mann wird mir hier der Eintritt verwehrt. Kurz überlege ich, ob ich die Veranstaltung einfach stürme, so nach dem Motto: gleiche Rechte für die Schwulen!

Aber ich nehme Abstand, trete ein paar Schritte zurück, um zumindest irgendetwas sehen zu können, spähe an dem Doorman vorbei. Hinter ihm befindet sich kein Vorhang, keine Tür. Ich bekomme endlich einen kleinen Einblick: Ein muskelbepackter Mann in Polizeiuniform wirbelt über die Bühne. Ich sehe eine Frau. Und dann sehe ich Schwarz.

Zwei weitere braungebrannte muskulöse Typen bringen einen schwarzen Samtvorhang im Türrahmen an. Damit keiner reinschauen kann. Damit niemand einen Mann sieht, der sich auszieht und seine Muskeln zeigt. Vielleicht wird ein Hintern oder ein Penis zu sehen sein. Mehr nicht, denke ich. Kein Sex auf der Bühne. Für eine Veranstaltung, die derart mit Ficken, Erotik und Sex wirbt, ist das sehr prüde. Und auch ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Männer gelten immer noch als starkes Geschlecht, als die Beschützer, die Aktiven - die Ficker eben. Männer nehmen, Frauen geben. Ein Mann, der also zum Lustobjekt wird und sich auszieht, sich verletzlich macht, passt in dieses Bild nicht rein.

So werden übrigens oft auch Schwule gesehen: Männer dürfen nicht passiv beim Sex sein, basta! Dafür sind es die Frauen auf der Venus, die ihre Beine spreizen, ihre Geschlechtsteile zeigen, sich auf Bühnen und vor Kameras befriedigen. Nackte Männer werden hinter Vorhängen versteckt. Die Männlichkeit, das starke Geschlecht, ist an diesem Ort sehr zerbrechlich. Denn ein nacktes Männchen scheint die anderen Männchen verschrecken zu können. Es sind die Frauen, die hier die Eier haben.

Weg von der Ladies Area. Hin zu den Cam Girls. Die Domina Donna ist eine von ihnen. Im Lack-Outfit, das den Blick auf ihre Riesenbrüste freigibt, sitzt sie hinter einem Tisch und schreibt Autogramme. Sie ist das sechste Mal auf der Venus. "Die Messe hat sich verändert", sagt sie. Es sei alles kommerzieller geworden, es ginge mehr um den Verkauf von Produkten als um die Erotik an sich. Das findet sie schade, sagt sie und schreibt mir ein Autogramm.

Unter all den Frauen, die Autogramme geben und sich per Live-Cam präsentieren, befindet sich ein Mann: Jason Steel. Er bedient Live-Cams und Pornos. "Auch schwul?", will ich wissen. "Mir schauen live hauptsächlich Männer zu. Gay-Pornos würde ich aber nicht drehen." Das fände er unauthentisch, auch wenn es dank Hilfsmittel möglich wäre. Vor der Kamera hat er einfach lieber Sex mit Frauen. Heute, auf der Venus, zeigt er sich im Gladiatoren-Kostüm. Er verkleidet sich auch vor der Kamera: als Bauarbeiter, als Polizist, als Cäsar oder als Weihnachtsmann.

Zwei halbnackte Adonisse ziehen an mir vorbei. Stripper, denke ich. Alarmsirenen in meinem Kopf. Ich sehe doch noch richtige Stripper! Ich renne los. "Hey ihr, seid ihr Stripper?", frage ich plump. "Ne, wir sind Promoter", lächelt es etwas zu selbstsicher zurück von dem Mann mit den Muskeln. Die Bräune muss ich wohl nicht mehr erwähnen, versteht sich von selbst.

Halbnackte Promoter, die selbstsicher ihre durchtrainierten Körper präsentieren und dumm drein grinsend durch die Gegend stolzieren und Flyer verteilen, die sind OK. Tanzende, strippende Männer zu irgendeiner Gay-Hymne hingegen nicht. Ich bin enttäuscht.

Auf dem Weg durch die Hallen sehe ich so viele Vaginen wie noch nie in meinem Leben zuvor. Ein Cam Girl befriedigt sich mit zwei Dildos vaginal und anal. Nebenan, im Hardcore-Raum, vor dem eine Schlange steht, leckt ein Besucher eine Frau auf der Bühne. Ich sehe seinen Kopf zwischen ihren Beinen. Alle sind begeistert. Ich bin mir nicht sicher, was ich von dieser Veranstaltung halten soll. Ich suche immer noch nach Homo-Erotik. Ich habe zwar schon Frauen gesehen, die sich küssen - aber wo sind die Typen?

Ein Pornostand, vier Tische mit BDSM-DVDs. Eine für 15 Euro. Die Frage, wer in Zeiten von Pornhub und Co. noch DVDs kauft, wird hier direkt beantwortet: ältere Generationen. Genauer gesagt: weiße Männer mit weißen Haaren. Zwischen ihnen stehe ich. "Gibt's hier nur Heten-Pornos?", frage ich den Verkäufer. "Nein, wir haben auch bisschen gay", sagt er in gebrochenem Deutsch. Er greift, ohne nachzusehen, zwischen die zahllosen DVDs und zieht ein paar Hüllen hervor. "Das sind alle, die wir haben." Fünf Gay-Pornos. Das ist alles.

Als ich die Messe verlasse, fällt mir auf, wie gay die Venus dann doch ist, allerdings auf indirekte Weise. Sie war für mich eine Art Klassentreffen. Eine Zusammenkunft meiner Kindheitsidole. Als ich die Messehalle betrat, hallte "Don't Cha" von den Pussycat Dolls durch den Raum, weiter hinten wurden Hits von Kesha und Destiny's Child gespielt. Alles Ikonen für schwule Männer. Dann noch die Fetischwaren-Stände, die jeder Drag Queen das Herz aufgehen lassen würden. Auch die Frauen erinnerten in ihren roten Lackoutfits, mit den aufgespritzten Lippen und den sehr geschminkten Gesichtern an Christina Aguilera, Kader Loth, Kim Gloss. Ganz zu schweigen von den sehr gezupften, sehr gebräunten, sehr muskulösen Männern: homosexuelle Klischees!

Damit ist diese wahnsinnig heterosexuelle Veranstaltung auf skurrile Weise am Ende doch ziemlich schwul - nur, dass sie es eben nicht zugeben will. Sie ist nicht schwulenfeindlich, aber verklemmt. Verklemmter jedenfalls als jede durchschnittliche Gay-Party mit Darkroom.

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