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Der Flügel ist fast am Ziel

Während der vergangenen Monate hatte sich Björn Höcke noch einigermaßen zurückgehalten. Beim Kyffhäusertreffen, dem Jahresfest des völkisch-nationalistischen Flügels, griff er Anfang Juli die Parteispitze der AfD dann frontal an. Vor knapp tausend Höcke!-Höcke!-rufenden Fans versprach er, der Bundesvorstand werde in seiner aktuellen Zusammensetzung nicht wiedergewählt. Außerdem stellte Höcke sogar eine eigene Kandidatur in Aussicht.

Am ersten Adventswochenende findet in der Braunschweiger Volkswagenhalle der nächste Bundesparteitag statt. Parteitage sind in der AfD traditionell gern genutzte Gelegenheiten, um Richtungskämpfe auszutragen. Beim Essener Parteitag im Sommer 2015 machten Jörg Meuthen und Frauke Petry mit Unterstützung des Flügels Parteigründer Bernd Lucke platt. Zwei Jahre später musste Frauke Petry selbst dran glauben - in Köln wurde ihr unmissverständlich klargemacht, dass sie in der Partei nichts zu suchen hat, wenn sie gegen Höcke schießt.

In Braunschweig könnte es nun Jörg Meuthen treffen: Der einstige Flügel-Verbündete hatte sich in jüngster Zeit bei den Strammrechten etwas unbeliebt gemacht. Die Quittung: Sein eigener Kreisverband wählte ihn nicht einmal zum Delegierten, und so darf Meuthen in Braunschweig als Parteivorsitzender zwar sprechen, aber nicht abstimmen.

Der Termin des Parteitags liegt für den Flügel optimal: Nach den Wahlen in Brandenburg und Sachsen und in Thüringen dürften Flügel-Vertreter breitbeinig wie nie auftreten, schließlich dominieren die Völkischen die drei Landesverbände, und die Umfragen sehen die AfD jeweils bei mehr als 20 Prozent. Alexander Gauland, mittlerweile 78 Jahre alt und gemeinsam mit Jörg Meuthen Parteivorsitzender, tritt in Braunschweig wahrscheinlich nicht mehr an. Als Nachfolger gilt Tino Chrupalla aus Sachsen, der sowohl beim Flügel als auch bei jenen, die sich gemäßigter geben, beliebt ist.

Da die Satzung mindestens zwei Vorsitzende vorsieht, stellt sich die Frage: Wer könnte auf Meuthen folgen, sollte er tatsächlich abgesägt werden? Ein Name fiel in den vergangenen Monaten immer wieder: Andreas Kalbitz aus Brandenburg. Dieser, neben Höcke Sprecher des Flügels, erscheint vielen als weniger radikal. Ein Trugschluss, wie allein ein Blick auf seine Biographie zeigt: ehemaliges Republikaner-Mitglied, Autor diverser extrem rechter Publikationen und Teilnehmer bei einem Camp der neonazistischen Heimattreuen Deutschen Jugend, kurz bevor diese verboten wurde. Dieser also angeblich gemäßigtere Flügelmann ist bestens vernetzt, ein Strippenzieher.

Sollte der Flügel in Braunschweig den Vormarsch versuchen, ist mit innerparteilicher Gegenwehr nicht zu rechnen. Alle bisherigen Versuche, dem Flügel etwas entgegenzusetzen, sind grandios gescheitert. So greifen Höcke und Co. nun endgültig nach der Macht. Es wäre der vorläufige Höhepunkt für die extreme Rechte in Deutschland - nach 1945.

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