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Ein Rendezvous unter Nerds - Wiener Zeitung

Foto: Liane Tschentscher

  • Beim ersten Science Speed Dating sollen sich Experten und Laien geistig näherkommen. Ob das gutgehen kann?




Wien. Schauplatz ist die "10er Marie" in Ottakring, Wiens ältester Heuriger in der Ottakringer Straße 222. Draußen ist es schon dunkel und sehr kalt, drinnen riecht es nach Schnitzel, die Holzdecke und das warme Licht sorgen für eine heimelige Stimmung. Hier soll heute ein Rendezvous der anderen Art stattfinden. Das Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) hat zum "Science Speed Dating" geladen. Die Idee: Wissenschaft unter die Leute, Experten und Laien ins Gespräch bringen.

Es hat noch nicht begonnen und schon sind alle in Gespräche vertieft. Auf den Tischen stehen Weinkaraffen, Knabbereien und Schilder: Anthropologie, Demokratie, Philosophie, Osteuropa. Hier warten die IWM-Experten auf ihre Dates. Aber ob sich hier gleich Wissenschafter und Laien gegenübersitzen werden oder die akademische Welt vielleicht doch unter sich bleibt, wird sich noch herausstellen.

Jetzt spielen erst mal "Martin Spengler und die foischen Wiener". Die Band verspricht "klassische Anbrat-Nummern", bevor Shalini Randeria, Chefin des IWM, die Gäste begrüßt. Die Wissenschaft müsse endlich raus aus dem Elfenbeinturm, und schiebt hinterher, ihr Institut sei eben kein Elfenbeinturm, die Veranstaltungen in der Spittelauer Lände stünden für alle offen. Sie verspricht einen "Woody-Allen-Moment": Alles, was sie schon immer wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten.

Die Initiative kam von Wissenschafts- und Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny. Die Idee: Die von der Stadt mitfinanzierten Institute sollen doch auch etwas zurückgeben, in die Bezirke gehen, sich unters Volk mischen. Die konkrete Idee zum Science Speed Dating hatte dann Knut Neumayer, Geschäftsführer des IWM. Sein Ziel: eine Debatte in lockerer Atmosphäre, die nicht nur die "üblichen Verdächtigen" anspricht, die ohnehin immer zu den IWM-Events kommen.

Die Regeln sind jetzt erklärt, genau wie beim herkömmlichen Speed Dating sollen die Teilnehmer alle zwanzig Minuten einen anderen Tisch aufsuchen, die Experten bleiben sitzen und warten auf Fragen.

Thiruni Kelegama sitzt am Anthropologie-Tisch und spricht über ihre Feldarbeit in Sri Lanka. Dort erforscht sie die Ausbreitung des Staates in noch unbeanspruchten Gebieten. Ihr Date, Michael Weiss, nickt. Aber versteht er die staatstheoretischen Ausführungen? Ja, natürlich, denn er ist selbst Anthropologe. Aufatmen. Das Fachsimpeln kann weitergehen. Geht das Konzept auf, die Wissenschaft unters Volk zu bringen, oder bleibt man hier unter sich?

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