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50 Wohnungsabsagen später

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Hasan ist 19, geflüchtet aus Syrien. Er lebt in einem Zimmer einer Erstaufnahme-Einrichtung, obwohl er längst ausziehen könnte. Doch er findet einfach keine Wohnung.


Was Hasan al-Ahmad von der Wohnungssuche erzählt, kennen viele Großstädter: die vielen Mitbewerber bei den Besichtigungsterminen. Die Schlangen, die sich bis ins Treppenhaus ziehen. Die Vermieter, die bei Hartz-IV-Bescheiden skeptisch blicken und schon mal empfehlen, sich nach Alternativen umzusehen. Und sich dann nie wieder melden. Über 50 Wohnungen habe er sich angeschaut, erzählt Hasan, unzählige Telefonate geführt, bei vielen Wohnungsbaugesellschaften sei er sogar persönlich gewesen. Immer vergebens.

Was Hasan von den meisten Mitbewerbern unterscheidet: Für ihn bedeutet jede Absage, dass er zurück muss in ein karges, 10 Quadratmeter großes Zimmer. Ein Zimmer, in dem Tisch, Bett, Schrank und Kühlschrank stehen. Und kein Platz mehr für Persönliches bleibt.

Der 19-Jährige ist vor zwei Jahren aus Syrien nach Deutschland geflohen. Er lebt in einer Erstaufnahme-Einrichtung der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Berlin-Lichtenberg. Seine Mutter, 36, eine von der Flucht traumatisierte, schweigsame Frau, und seine 16-jährige Schwester wohnen nebenan. In einem 14-Quadratmeter-Zimmer, mit Doppelstockbett, und Koffern, Töpfen und Pfannen auf dem Boden. Weil er am besten Deutsch spricht, hat Hasan die Wohnungssuche für die Familie übernommen.

Den entsprechenden Bescheid haben die Al-Ahmads seit über einem Jahr. Genauso lange suchen sie schon. Den anderen 307 Bewohnern geht es wie ihnen. Sie alle dürften längst in eigenen Wohnungen leben. Aber sie finden nichts.

Über 50 Prozent "Fehlbeleger"

Das Wort, das die Bürokratie für Menschen wie Hasan gefunden hat, klingt nicht schön: Fehlbeleger. Etwa 15.000 der 27.500 in Berliner Unterkünften lebenden Flüchtlinge sollten eigentlich in eigene Wohnungen ziehen. Das sind 54 Prozent. Mehr als 10.000 von ihnen sind sogar als Flüchtling anerkannt. In Bayern etwa gelten bis zu 20 Prozent der Flüchtlinge als Fehlbeleger.

Für die Bewohner ist das Warten in den Heimen äußerst belastend. "Sie leben sehr beengt, es gibt kaum Rückzugsräume", sagt Kerstin Kammer, Sozialbetreuerin der Einrichtung; eine Frau mit blonden Locken und wachem Blick. In ihrem Heim leben vierköpfige Familien mit zwei kleinen Kindern in Zimmern mit 25 bis 30 Quadratmeter. Vier Familien teilen sich eine Küche, bis zu drei Familien ein Bad. "Als Erstaufnahme-Einrichtung für die ersten sechs Monate ist das okay", sagt Kammer.

Die Situation ist nicht nur belastend für die Menschen, sie ist auch unrentabel. Über die Höhe der Unterbringungskosten wollen weder Awo noch LAF genaue Angaben machen. Man stecke mitten in der Ausschreibung, heißt es dazu seitens der Behörde. Fest steht: Die Unterbringung in Wohnungen wäre auf Dauer günstiger.

Anders als in einigen anderen Bundesländern dürfen die Berliner Flüchtlinge – so sie nicht aus als sicher eingestuften Herkunftsländern kommen – bereits während des Asylverfahrens in eine eigene Wohnung ziehen, in der Regel nach sechs Monaten. Die Wohnung darf sogar 20 Prozent teurer sein als es der Regelsatz für ALG II- oder Sozialhilfe-Empfänger vorsieht. Das gilt auch für andere Wohnungslose.

Vermieter haben Vorbehalte

Warum sie trotzdem erfolglos sind, haben Forscher des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (Bim) untersucht. Ihr Ergebnis: Flüchtlinge stoßen auf besondere Hindernisse. Viele wüssten nicht, dass sie sich eine Wohnung suchen können oder würden gar falsch informiert. Auch bürokratische Hürden wie das Prüfen der Unterlagen würden den Prozess verzögern. Vor allem aber hätten Flüchtlinge auf Wohnungssuche mit einem zu kämpfen: den Vorbehalten der Vermieter.

Jana Heinrich*, Sozialarbeiterin in einem Awo-Heim im Berliner Norden, betreut Flüchtlinge bei der Wohnungssuche. Die Geflüchteten hätten oftmals nicht einmal die Möglichkeit, sich eine Wohnung anzusehen, sagt sie. Sie berichtet von Wohnungen, die plötzlich doch vergeben waren. Von Vermietern, die die Wohnungsschlüssel plötzlich nicht mehr finden konnten. Immer mehr Ehrenamtliche, die Flüchtlinge bei der Suche unterstützen, würden entnervt aufgeben. "Für die Geflüchteten ist das doppelt fatal", sagt Heinrich, "weil damit auch die Unterstützung wegbricht."

Generell versuche sie, alleinreisende Männer in WGs unterzubringen, um ihnen einen schnellen Start in das gesellschaftliche Leben zu ermöglichen. Für Familien und alleinstehende Frauen hingegen suche sie vor allem nach Wohnungen, das sei sicherer. Von etwa 500 Bewohnern in ihrem Heim, schätzt sie, hätten letztes Jahr etwa 50 eine Wohnung gefunden. Das sind zehn Prozent. Das LAF spricht von 2.623 Flüchtlingen, die im ersten Halbjahr 2017 aus Heimen in eigene Wohnungen gezogen sind. 15.000 wohnungssuchende Flüchtlinge gibt es in der Stadt.

Noch schwieriger wird es für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge. Minderjährige zählen in diese Kategorie und Menschen über 65, Schwangere und alleinreisende Frauen, aber auch Menschen, die traumatisiert, psychisch oder körperlich krank sind. In der Erstaufnahme-Einrichtung, in der Hasan lebt, gelten 20 Prozent der Bewohner als besonders schutzbedürftig. Besonders alleinstehende Frauen brauchen Hilfe. Sie hätten oftmals traumatische Fluchterfahrungen gemacht, sie sprechen die Sprache nicht und müssen sich oft auch noch um Kinder kümmern. "Für viele ist das zu viel."

Hilfe für Flüchtlingsfrauen

Die Awo hat für sie das Programm Empowerment für Flüchtlingsfrauen ins Leben gerufen. Ziel ist es, ein Netzwerk aus Flüchtlingsinitiativen und Ehrenamtlichen aufzubauen, aber auch Kontakte zu Wohnungsbaugesellschaften zu initiieren. In einem Modellversuch hat die Awo eine Sieben-Zimmer-Wohnung des Unternehmens Deutsche Wohnen angemietet und an zwei alleinstehende Flüchtlingsfrauen mit je zwei und drei Kindern untervermietet. Frauen, die "allein nie eine Wohnung gefunden hätten", wie Yvonne Schulz erklärt.

Schulz ist die Leiterin des Projekts. Für sie ist es ein erster Versuch. Sollte er erfolgreich sein, könne sie sich weitere Kooperationen mit Wohnungsbaugesellschaften vorstellen, sagt sie. Auf lange Sicht aber brauche es ein ähnliches Instrument wie die Wohnungslosenhilfe, die etwa betreutes Einzel- und Gruppenwohnen anbietet. Es müsste um die Bedürfnisse besonders schutzbedürftiger Flüchtlinge erweitert werden – etwa um Sprachvermittlung oder Unterstützung bei der Kostenübernahme des LAF.

Doch auch dann bleibt ein Problem: der angespannte Wohnungsmarkt an sich. Allein in Berlin fehlen einer Studie vom Mai 2016 zufolge mindestens 125.000 Wohnungen. Abhilfe erhofft man sich vor allem von den sechs landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften, sie sollen bis 2021 mindestens 30.000 neue Wohnungen bauen.

Schwarzmarkt für Wohnungen

Einen Teil ihrer Wohnungen, so sieht es der Kooperationsvertrag Wohnungen für Flüchtlinge (WfF) vor, müssen die Wohnungsbaugesellschaften dem LAF übergeben. Vereinbart sind 275 Wohnungen jährlich. Im vergangenen Jahr hätten die Unternehmen sogar 516 Wohnungen zur Verfügung gestellt, heißt es beim LAF. Deutlich mehr als gefordert. Demgegenüber stehen aber 15.000 Flüchtlinge, die eine Wohnung suchen. Viele Wohnungsbaugesellschaften tun sich außerdem schwer damit, Flüchtlingen, die sich über dieses Kontingent hinaus eigenständig bewerben, Wohnungen zu vermieten, heißt es in der Studie. Die Unternehmen hätten mit dem Kontingent ihren Teil zur Wohnraumversorgung der Geflüchteten geleistet, wird ein Vertreter der Senatsverwaltung zitiert.

So berichten die Autoren der Bim-Studie, Awo-Vertreter, aber auch viele Flüchtlinge von einem regelrechten Schwarzmarkt, der inzwischen entstanden sei. Sie erzählen von Menschen, die Wohnungen zu vollkommen überhöhten Preisen vermitteln oder Maklergebühren einstreichen und mit dem Geld verschwinden. Oftmals würden Pensionen und Privatwohnungen auch als Unterkünfte betrieben und überbelegt. Oder es werde Geld für Bewohner kassiert, die längst woanders leben.

Im Bezirk Neukölln wurde im Frühjahr eigens eine Sonderkommission gegründet, die den Austausch zwischen Jugend- und Sozialamt verbessern soll – mit dem Ziel, die entsprechenden Pensionen schneller ausfindig zu machen. Derzeit würden alle Pensionen im Bezirk überprüft, sagt Sozialstadtrat Jochen Biedermann (Grüne), der die Kommission initiiert hat. Erste Ergebnisse wolle er im zweiten Halbjahr 2017 bekannt geben.

Die Betreiber der Pensionen sind laut Biedermann häufig "Menschen, die einen sprachlich-kulturellen Zugang" zu den Flüchtlingen hätten. Viele Flüchtlinge würden ihre Situation verschweigen – aus Angst, den Wohnplatz wieder zu verlieren. "Einigen wird von den Vermietern auch Druck gemacht", sagt Biedermann. "Man sagt ihnen: Sei ruhig oder du wirst abgeschoben."

Auch Hasan kennt diese Menschen. Meist seien es Männer aus dem Libanon oder aus anderen arabischen Staaten. Es sei einfach, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Man müsse nur auf der Neuköllner Sonnenallee nach einer Wohnung fragen. Dann bekomme man schnell Kontakt.

Bis zu 7.000 Euro würden die Makler für die Vermittlung einer Wohnung verlangen, ohne Garantie. Geld, das Hasan nicht hat. Er macht gerade die erweiterte Berufsbildungsreife, danach strebt er den mittleren Schulabschluss an. Sein Ziel: eine Ausbildung zum Bankkaufmann. Wenn er das Geld hätte, sagt er, würde er allerdings nicht lange zögern – trotz des Risikos.

Vorerst aber werde er weitersuchen, wie alle anderen auch. Jeden Tag.

 

*Name geändert



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