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Abschied von der Grillwiese

Noch ein Zuhause: das Studentenheim Chiemgaustraße. (Foto: Stephan Rumpf)

Das Studentenheim Chiemgaustraße soll abgerissen werden. Die Bewohner beklagen mangelnde Informationen

Die Bewohner des Studentenheims Chiemgaustraße sind ratlos. "Keine Ahnung, was wir machen, wenn das hier alles abgerissen wird", sagen drei Mittzwanziger, die sich zum Grillen auf der Wiese zwischen den Häuserblocks niedergelassen haben. Keiner von ihnen wurde vom Studentenwerk München über den geplanten Neubau der Wohnanlage informiert, doch die Nachricht fand irgendwie einen Weg zu den 436 Bewohnern, verbreitete sich in Gemeinschaftsküchen, auf den Balkons und im Waschkeller.

Die Häuserblocks an der Traunsteiner Straße 1 bis 13 und an der Sintpertstraße 42 bis 50 waren einst Teil der McGraw-Kaserne. Nachdem die US-Truppen Anfang der Neunzigerjahre von dem knapp zwei Hektar großen Areal abgezogen waren, erwarb das Studentenwerk den Abschnitt der Kaserne und baute ihn zu einer Wohnanlage mit Vierer-, Fünfer- und Sechser Wohngemeinschaften (WGs) um. Diese WGs entsprächen nun den Anforderungen nicht mehr, heißt es in einer Mitteilung des Studentenwerkes. Die aktuelle Gebäudetiefe der Anlage sei zu gering für einen Umbau in zeitgemäßere Wohnformen, also müsse das Studentenheim abgerissen und neu gebaut werden.

Miriam, die in einer Fünfer-WG an der Sintpertstraße wohnt, versteht das nicht. "Ich habe sehr viele Freunde, die hier im Wohnheim wohnen, und alle finden die Wohngruppen gut, so wie sie sind. Niemand von uns will in Einzelappartements wohnen", sagt sie trotzig. Mit ihren Mitbewohnerinnen hat sie sich mittlerweile schon nach anderen Wohnmöglichkeiten umgeschaut, doch in München und Umgebung ist es schwer, etwas Preiswertes zu finden. Momentan zahlen Miriam und die anderen Bewohner der Anlage zwischen 243 Euro und 321 Euro für ihre Zimmer, die teilweise mit Balkons ausgestattet sind. Ein derart günstiges Zimmer auf dem freien Wohnungsmarkt zu finden, käme einem Lottogewinn gleich.

Tatsächlich wird es aber auch im Neubau des Berliner Architektenbüros Geier Maass wieder Wohngemeinschaften geben - nicht nur Einzelappartements, wie Miriam es aufgeschnappt hatte. Das Studentenwerk spricht von "verschiedensten Wohnformen, die in der Anlage Chiemgaustraße zur Verfügung gestellt werden, darunter Wohnformen für Studierende mit Kind". Für den Nachwuchs der Bewohner soll es im sogenannten Familienhaus eine Betreuungseinrichtung geben. Die Flachdach-Bauten werden über vier bis fünf Etagen verfügen. Jedes der in Zukunft rund 740 Zimmer soll mit einer eigenen Nasszelle, einem winzigen Bad ausgestattet werden. In den aktuellen Wohngemeinschaften teilen sich zwei bis drei Studierende ein Badezimmer.

"Ein konkreter Mietpreis für die Zimmer des Neubaus kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht kalkuliert werden", schreibt das Studentenwerk; zu erheblichen Preissteigerungen werde es jedoch voraussichtlich nicht kommen.

Den Mittzwanzigern auf der Wiese zwischen den Häuserblocks scheinen mögliche Mieterhöhungen auch erst mal keine Sorgen zu bereiten. Sie wissen bereits, dass sie, solange sie einen noch laufenden Mietvertrag haben, auch nach dem Beginn der Bauarbeiten nicht auf der Straße stehen werden; dann soll ihnen ein Platz in einem anderen Münchner Wohnheim angeboten werden. Die Studierenden auf ihrer Grünfläche aber sind dennoch traurig, weil ein Stück Heimat verloren geht. Auf dieser Wiese und auf diesem Rost werden sie im nächsten Sommer wahrscheinlich nicht mehr grillen können.

Die Bewohner erzählen sich, dass schon in diesem Jahr mit dem Abriss der Wohnblocks an der Traunsteiner Straße begonnen werden soll. Über den genauen Monat ist man sich nicht sicher, einige datieren den Abrissbeginn auf September, andere schätzen Dezember. Tatsächlich sollten die Baumaßnahmen an der Chiemgaustraße schon dieses Jahr beginnen, doch die Planungen haben sich verzögert. "Im Moment passiert, abgesehen von Probebohrungen und Baugrundtests, noch nicht viel", beschreibt der verantwortliche Architekt Enno Maass die Situation.

Der Beginn der eigentlichen Baumaßnahmen sei nun für das Frühjahr 2017 vorgesehen, heißt es beim Studentenwerk München. Ende April sollen dann auch die Bewohner über den geplanten Neubau informiert werden.

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