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Mikrokredite bei G20: "Das hat Symbolwert"

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DW | 20.07.2017

Essma Ben Hmida ist Mitbegründerin und Vorsitzende der tunesischen Mikrofinanzinstitution Enda. Auf dem G20-Gipfel saß sie zwischen den Staatschefs, als Ivanka Trump ihren Fonds vorstellte. DW sprach mit ihr in Tunis.


DW: Sie kommen gerade aus Hamburg zurück, wo Sie auf einem Panel zum sogenannten Ivanka-Fonds (im Artikelbild Vierte von links zwischen Ivanka Trump und Weltbank-Chef Kim) saßen. Dieser soll mit 325 Millionen US-Dollar über die Weltbank Frauen in Entwicklungsländern fördern. Was halten Sie davon?


Ben Hmida: Zunächst einmal finde ich alle Initiativen positiv, die Unternehmerinnen fördern, vor allem in Entwicklungsländern. Frauen wurden über Jahrhunderte aus dem Wirtschaftsleben ausgeschlossen, obwohl sie eigentlich fast immer auch Unternehmerinnen sind: Sie kümmern sich um die Kinder, unterstützen alle Generationen. Sie tragen wesentlich zum Haushaltswohlstand bei und sind in der Regel gute Verwalterinnen. Wenn man ihnen die Möglichkeit gibt, sich außerhalb des Haushalts als Unternehmerinnen zu betätigen, dann glänzen sie darin. Leider komme ich aus einem Land, in dem die Frauen lange aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen wurden und in ihren vier Wänden gefangen waren, selbst wenn sie dort zum Beispiel Kunsthandwerk wie Teppiche hergestellt haben. Eine Initiative, die Frauen ermöglicht, den ihnen zustehenden Platz einzunehmen, ist also gut. Außerdem ist es gut, dass die Weltbank mit gutem Beispiel vorausgeht, damit die Regierungen von Entwicklungsländern folgen.

Dass ich als Mitbegründerin von Enda, der ältesten Mikrofinanzinstitution in Tunesien, eingeladen wurde, hat Symbolwert. Die Geldgeber signalisieren dadurch, dass ein Teil des Fonds an Frauen geht, die vom formellen Finanzwesen ausgeschlossen sind. Außerdem geht es nicht nur darum, Kredite zu vergeben, sondern auch die Unternehmerinnen in ihrem Unterfangen zu begleiten und sie weiterzubilden.


Wie kann eine Organisation wie Enda von diesem Fonds profitieren?

Wir erhalten bereits Kredite von der Weltbank und der Internationalen Finanz-Corporation (IFC). Wir könnten allerdings mehr gebrauchen, um mehr Kleinunternehmern Kredite zu geben, denn die Nachfrage ist hoch. Wir haben seit dem Beginn unserer Arbeit 1995 mehr als 2,5 Milliarden Dinar (rund 879 Millionen Euro) an 650.000 Tunesierinnen und Tunesier geliehen. Zwei Drittel unserer Kunden sind Frauen. Leider werden diese von der Regierung nur in Ansätzen unterstützt. Über Mikrokredite können Frauen ihre unternehmerischen Fähigkeiten zunächst in kleinen Schritten testen, mit 200, 500 oder 1000 Dinar. Wir würden außerdem gerne die Digitalisierung vorantreiben. Heute warten unsere Kunden oft einen Vormittag lang am Schalter, um einen Kredit zu erhalten oder zurückzuzahlen. Wir haben in einem Pilotprojekt angefangen, das Geld auf eine elektronische Geldkarte zu überweisen, aber der gesetzliche Rahmen ist sehr restriktiv.


Welchen Herausforderungen muss sich eine tunesische Kleinunternehmerin stellen?


Als wir 1995 bei unserer Gründung fragten, was den Frauen fehlt, um erfolgreich als Unternehmerinnen zu arbeiten, wurden folgende drei Aspekte genannt: Zugang zu Startkapital, Weiterbildung und Unterstützung bei der Vermarktung. Heute haben wir die Lösung für das erste Problem. Viele bekommen Startkapital. Uns fehlen aber die Mittel, um alle Kreditnehmer zu trainieren. Die Weiterbildung ist in meinen Augen der entscheidende Faktor. Außerdem organisieren wir Verkaufsmessen und Ähnliches, um ihnen den Marktzugang zu erleichtern und ihnen das Networking zu erleichtern. Die Männer machen in Cafés, Hotels und Clubs Geschäfte, das können Kleinunternehmerinnen nicht, weil es gesellschaftlich kaum toleriert wird. Unsere landesweit 80 Büros sind also gleichzeitig ein Treffpunkt für die Unternehmerinnen.


 Das heißt, die Unternehmerinnen und Unternehmer könnten am ehesten von einem Begleitprogramm profitieren und weniger von direkten Finanzmitteln?


Unsere Bitte an die Weltbank wäre, auf der einen Seite eine Kapitalunterstützung zu erhalten, um mehr und höhere Kredite geben zu können. Denn viele Kundinnen sind schon länger bei uns und bräuchten höhere Summen, damit die Unternehmen wachsen. Auf der anderen Seite benötigen wir zusätzliche Mittel für die Fortbildung der Kunden, denn das ist am teuersten. Ich habe in Hamburg betont, dass das Mikrofinanzwesen den Ärmsten erlaubt hat, sich selbst zu finanzieren. Dadurch, dass sie Zinsen zahlen, können sich die Mikrokreditinstitute selbst finanzieren. Aber für Training brauchen wir Unterstützung, denn das können sie sich nicht selber leisten. Das wäre eine gute Investition, denn dadurch werden mittelfristig mehr Arbeitsplätze geschaffen, da die Unternehmen profitabler und professioneller werden.

Wir gehen davon aus, dass unsere Kunden seit unserem Bestehen nicht nur selbst Arbeit gefunden haben, sondern rund 100.000 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen haben. Seit der Revolution unterstützen wir außerdem viele Startups von jungen Leuten. Die können wir nicht einfach mit einem Kredit losschicken, sie brauchen Unterstützung, zum Beispiel wie man einen Businessplan schreibt. Wir arbeiten heute mit der zweiten Generation: Früher stammten fast alle Kreditnehmer aus dem informellen Sektor. Heute sind es oft ihre Kinder, die gesehen haben, wie ihre Eltern damals vorgegangen sind. Die Kinder waren meistens auf der Schule und haben dadurch bessere Ausgangsvoraussetzungen. Sie leiden aber an der hohen Jugendarbeitslosigkeit in Tunesien und werden daher selbst zu Kleinunternehmern. Deshalb haben wir einen Inkubator eingerichtet, wo wir zum Beispiel Gründungsberatung durchführen, um sicherzustellen, dass die Unternehmen langfristig erfolgreich sind.

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