1 Abo und 4 Abonnenten
Artikel

Tunesiens Dschihadisten

18561667 303
DW.COM | 22.12.2016


Der mutmaßliche Attentäter von Berlin soll aus Tunesien stammen. Von dort stammen die meisten ausländischen Dschihadisten, die in Syrien und im Irak kämpfen. Warum ausgerechnet Tunesien? Aus Tunis berichtet Sarah Mersch.


"Er hat gesagt, er würde bei einem Freund übernachten. Am nächsten Tag hat er uns eine SMS geschickt, dass er in Syrien sei." Iqbel Ben Rejebs Stimme zittert auch heute noch ein bisschen, wenn er von diesem Tag im März 2013 erzählt, als sein Bruder Hamza verschwand. Der Informatikstudent war von der Nusra-Front angeworben worden und über Libyen nach Syrien gereist. Er solle sich um deren Webseiten und Internet-Propaganda kümmern, wurde ihm erklärt. Doch Hamza ist schwer körperbehindert und sitzt im Rollstuhl. "Die haben doch gar keine Zeit, sich um ihn zu kümmern. Ich kann mir höchstens vorstellen, dass sie ihm eine Bombe in den Rollstuhl packen und ihn damit in die Luft jagen wollten", sagt sein älterer Bruder.

Der Familie gelang es, Hamza nach Tunesien zurückzuholen. Iqbel Ben Rejeb gründet daraufhin den "Verein zur Rettung im Ausland festsitzender Tunesier." Ihr Ziel: den Kämpfern, die bereits im Ausland sind, den Ausstieg zu ermöglichen und gleichzeitig in Tunesien verhindern, dass sich noch mehr Jugendliche extremistischen Gruppen anschließen.

Radikalisierung nach der Revolution

Weit über 5000 Tunesier kämpfen in den Rängen verschiedener radikal-islamischer Gruppen, so ein aktueller Bericht des Menschenrechtskommissariats der Vereinten Nationen. Andere Schätzungen gehen von bis zu doppelt so vielen aus. Doch genaue Informationen haben auch die tunesischen Behörden nicht: Zwar gab es bereits seit den 1990er Jahren tunesische Kämpfer - zum Beispiel in Afghanistan und Tschetschenien. Doch erst mit dem politischen Umbruch 2011 ist die Zahl derer, die sich terroristischen Gruppierungen angeschlossen haben, sprunghaft angestiegen.

Der Historiker und Sicherheitsexperte Faysel Cherif sieht zwei Hauptgründe, warum ausgerechnet Tunesien so viele Dschihadisten produziert. Beide hängen mit dem politischen Umbruch von 2011 zusammen. "Viele wollten diese Revolutionseuphorie in die arabischen Länder exportieren, wo der Umbruch nicht gelungen war." Nicht alle Kämpfer seien zunächst religiös motiviert gewesen, so Cherif, viele seien erst im Ausland radikalisiert worden. Dies scheint auch der Fall des Verdächtigen Anis Amri gewesen zu sein, der sich der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zuwandte.

In Tunesien selbst begannen außerdem gleichzeitig Extremisten, junge Leute anzuwerben. Die meisten führenden Köpfe waren unter dem Ben Ali-Regime zu langen Haftstrafen verurteilt worden und kamen in den Wirren der Revolution frei - bei Gefängnisausbrüchen wenige Tage vor dem Sturz des Diktators und bei zwei Generalamnestien im Frühjahr 2011, bei denen sie zusammen mit politischen Gefangenen der Diktatur freigelassen wurde.

Finanzieller Anreiz

Die tunesische Regierung und die Zivilgesellschaft habe der Propaganda der Extremisten wenig entgegenzusetzen, klagt Cherif. "Wenn sie sich hier mal umschauen, was gibt es, abgesehen von der Moschee? Nichts." Jugendhäuser, Kulturangebote und andere Freizeitmöglichkeiten sind gerade im Landesinneren Tunesiens Mangelware.

Zwischen 3000 und 10.000 US-Dollar für jeden Kämpfer erhalten die Anwerber, so die Vereinten Nationen. Außerdem werden die Familien von Dschihadisten von Wohltätigkeitsorganisationen finanziell und materiell unterstützt. Diese sollen jetzt, so die tunesische Regierung, strenger kontrolliert werden, genauso wie Moscheen, wo radikale Prediger zum Dschihad aufrufen.


Mangel an Strategie

Die Tunesische Regierung versucht die Kontrollen zu verstärken

Mit den zwei Anschlägen auf das Nationalmuseum Bardo und ein Hotel in Sousse, bei denen im Jahr 2015 60 vor allem ausländische Touristen ums Leben kamen, und einem Anschlag auf die Präsidialgarde im November desselben Jahres, wird die Radikalisierung tunesischer Jugendlicher auch im eigenen Land zunehmend zur Gefahr. Die tunesische Regierung setzt nach wie vor vor allem auf repressive Maßnahmen, um das Problem in den Griff zu kriegen. Tunesier unter 35 Jahren, die Richtung Syrien und Irak reisen, werden verstärkt kontrolliert. Im Sommer 2015 hat das tunesische Parlament außerdem ein neues Anti-Terrorgesetz verabschiedet, das den Sicherheitskräften weitreichende Kompetenzen einräumt.

Das sei ein erster Schritt in die richtige Richtung, meint Faycel Cherif, um das Problem kurzfristig in den Griff zu kriegen, jedoch bei weitem nicht genug. "Wir brauchen eine Strategie. Sie könne heute 30, 40 Zellen hochnehmen und ein paar hundert Leute ins Gefängnis stecken, die Maschine wird trotzdem weiterlaufen und zwei-, drei-, viertausend Neue ausspucken."

Die größere Herausforderung wird es sein, eine langfristige Strategie zu schaffen, damit sich junge Leute den Extremisten gar nicht erst anschließen. Doch von einem koordinierten Programm zur Prävention und zur Deradikalisierung kann nach wie vor nicht die Rede sein, auch wenn einzelne Ministerien und Organisationen versuchen, das Problem in den Griff zu kriegen.


Doch je mehr der sogenannte IS in Syrien und dem Irak an Boden verliert, umso mehr sorgen sich viele Tunesier darum, was passieren wird, wenn die tunesischen Kämpfer aus dem Ausland in ihre Heimat zurückkehren. In den überfüllten Gefängnissen sei gar nicht für alle Platz, sagte Präsident Beji Caid Essebsi kürzlich bei einem Besuch in Frankreich, versprach aber, die Rückkehrer streng zu überwachen, auch wenn vielen aus Mangel an Beweisen wahrscheinlich nicht der Prozess gemacht werden könne. Mit ausländischer Unterstützung, unter anderem von Deutschland und den USA, verstärkt das tunesische Militär darüberhinaus die Sicherung der Grenzen zu Libyen und Algerien. Vor allem die Südgrenze des Landes ist ein klassischer Durchgangsweg für Schmuggler, Waffen und potentielle Terroristen.

Ben Rejebs jüngerer Bruder Hamza spricht unterdessen nach wie vor nicht öffentlich über seine Erlebnisse in Syrien. "Aber er hat das Logo unseres Vereins entworfen", erzählt Iqbel Ben Rejeb mit einem stolzen Lächeln.

Zum Original