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Krimis in echt statt im Lehrbuch: Porträt einer Uni-Deutschlehrerin

Krimis schlug das Lehrbuch als Thema vor. Also fragte Inge Schuster ihre Sprachschüler und -schülerinnen, ob sie schon einmal einen gelesen oder im Fernsehen gesehen hatten. „Krimis? Wir lesen keine Krimis“, antwortete ein Schüler aus Syrien. „Wir konnten keine Krimis im Fernsehen sehen, wir hatten keinen Strom. Aber wir hatten Fenster. Wir haben Krimis auf der Straße gesehen.“

Die TU-Lehrbeauftragte bekam eine Gänsehaut. Sie schluckte. Und stellte dann Fragen über die Erlebnisse in Syrien, ließ den Schüler reden. „Wir haben nicht mehr über Krimis gesprochen, sondern über den Krieg“, sagt die 77-Jährige rückblickend, während sie am Tisch in ihrem Wohnzimmer sitzt. Was Kriege und Krisen mit Menschen machen, hat sie in ihren Klassenzimmern gehört und gesehen.

Im Jahr 1968 schrieb sich die erste Studentin in Clausthal ein,Dr. Marlies Raudschus. Die erste Professorin wurde im Jahr 1994 an die TU berufen. Prof. Gudrun Schmidt übernahm ihren Lehrstuhl im Fachbereich Technische Chemie. Inge Schuster liegt dazwischen. Im Jahr 1981 oder 1982 – so genau hat sie das nicht mehr in Erinnerung – bekam sie als erste Frau an der TU Clausthal einen Lehrauftrag. Ihr Fach: Deutsch als Fremdsprache.

Dostojewski von A bis Z

„Ich komme aus Rumänien. In Bukarest habe ich Germanistik, Romanistik und Weltliteratur studiert“, sagt Inge Schuster. Erst führte sie ein Stipendium nach Stuttgart. 1976 siedelten zunächst sie und ihr ältester Sohn und ein Jahr darauf ihre ganze Familie nach München um. Dass sie aus einem ehemaligen Ostblock-Staat nach Westdeutschland ziehen konnten, dabei halfen ihr unter anderem Beziehungen zu Parteifunktionären.

Ihr Mann, Dr. Alfred Schuster, bekam bald einen Job an der TU Clausthal. Ein Jahr lang kümmerte sich Inge Schuster zu Hause um die Kinder – und fühlte sich unterfordert. „Da habe ich Dostojewski von A bis Z gelesen“, sagt sie und lacht.

Doch dann hörte ihr Mann von einem Modellversuch: Die TU Clausthal wollte in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Goslar ausländischen Mitarbeitenden und Studierenden innerhalb weniger Monate Deutsch beibringen. Schuster suchte Kontakt zum Zuständigen, einem Herrn Pestel. Sie zeigte ihm die Lehrbücher, Thema „Deutsch als Fremdsprache“, die sie in Rumänien mit einer Kollegin geschrieben hatte. „Sie sind genau die Frau, die ich brauche“, antwortete Pestel.

„Stellen Sie mich ein“

Zusammen mit ihren Kollegen und Kolleginnen bereitete Schuster den Sprachunterricht vor und lehrte auch selbst. „Nach zwei Jahren meinte der damalige Justiziar, man sollte mich enger an die Uni binden“, erzählt Schuster. Ihre Antwort: „Stellen Sie mich ein.“ Aber nein, dafür habe es keine Möglichkeit, kein Geld gegeben. Stattdessen bot man ihr einen Lehrauftrag an. Bis sie im Jahr 2009 in Rente ging, verlängerte die Uni ihn immer wieder.

Doch zu Beginn war es ungewohnt, dass eine Frau an der TU Clausthal unterrichtete. „Im ersten Jahr stand ich im Vorlesungsverzeichnis als Ingo Schuster“, erzählt Inge Schuster. Erhielt sie Einladungen zu Festlichkeiten, stand darauf, dass auch ihre Gattin erwünscht sei. Sie schmunzelt. „Irgendwann ist mein Mann losmarschiert zur Sekretärin, die die Einladungen geschrieben hatte, und fragte: ‚Sehen Sie mich an, bin ich eine Gattin?‘“, erinnert sich die Lehrerin.

Bestechungsversuche in China

Nicht nur an der Uni, sondern auch an der Volkshochschule Goslar lehrte sie im Laufe der Jahre. Noch heute hilft sie dort manchmal aus. „Ich bin mit Leib und Seele Lehrerin“, meint Schuster. Faszinierend sei es, Menschen eine Sprache beizubringen und ihnen so eine neue Welt zu eröffnen. Sprachunterricht sei immer auch Kulturunterricht. Menschen aus verschiedenen Nationen besuchten den Unterricht. Inge Schuster erzählt von Palästinensern aus dem Gaza-Streifen, die vor Schreck zusammenzuckten, wenn eine Tür zuschlug. Im Unterricht hielten die Schüler und Schülerinnen Vorträge auf Deutsch. Wissenschaftliche Mitarbeiter aus verschiedenen Nationen des ehemaligen Jugoslawiens versuchten, sich wissenschaftlich auszustechen, obwohl das für diese Übung gar nicht wichtig war.

Sechs Wochen gab Inge Schuster Anfang der Nuller Jahre einen Prüfungsvorbereitungskurs in China. „Man hat versucht, mich zu bestechen. Die Prüfungsarbeiten nähte ich in meine Handtasche ein“, sagt sie. Die Studierenden bezeichnet sie aber als „unheimlich lieb“. Das gilt wohl auch für vier Studierende aus der Türkei. Die Männer hatten sich im Sprachunterricht an der TU kennengelernt und trafen sich in einer Kneipe in Istanbul wieder. Warum Inge Schuster das weiß? Die Vier schickten ihr einen riesigen Blumenstrauß.



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