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Shampoo für alle

In Deutschland ist es günstiger, Produkte mit kleinen Macken zu vernichten, als sie zu spenden. Ein Kölner Unternehmen kämpft gegen diesen Irrsinn


Der Anruf, der sie im Sommer 2014 erreicht, ist selbst für Juliane Kronen nicht alltäglich. In der Leitung: ein Angestellter aus einem Schaumstoffwerk im Rheinland. Er wolle ihr Spülschwämme schenken. 10 000 Stück! Die seien im Auftrag bedruckt worden, jedoch in einem falschen Rotton, teilweise mit dem Logo auf der verkehrten Seite. Ansonsten einwandfrei. Ob Kronen nicht eine Verwendung für die Schwämme hätte? 

Hat sie. Seit 2013 vermittelt Kronen, Gründerin und Geschäftsführerin der gemeinnützigen Innatura GmbH in Köln, Sachspenden an gemeinnützige Organisationen. Anrufe wie der aus dem Schaumstoffwerk sind ihr daher mehr als willkommen. Und so waschen seit über einem halben Jahr viele soziale Einrichtungen in ganz Deutschland ihr Geschirr mit falsch bedruckten Spülschwämmen. Ohne Innatura wären die Küchenhelfer auf dem Müll gelandet. Oder verbrannt worden. 

Dahinter steckt eine verquere Logik der deutschen Steuergesetzgebung: Auf Sachspenden müssen Unternehmen 19 Prozent Umsatzsteuer zahlen – wie auf verkaufte Ware auch. Für die Hersteller von Spülschwämmen, Kosmetika, Bettwäsche und vielen anderen Produkten ist es demnach billiger, fehlerhafte Neuware zu entsorgen als sie einer sinnvollen Verwendung zukommen zu lassen. 

„In Deutschland sind die Müllverbrennungsanlagen nicht ausgelastet“, sagt Juliane Kronen. „Wer gut verhandelt, kann eine Tonne Waren für unter 40 Euro ins Feuer werfen lassen.“ 

Trotzdem wären viele Unternehmen bereit, fehlerhafte Ware zu spenden. Nur: Für die Vermittlung der Produkte müsste eine eigene Logistik aufgebaut werden, außerdem würden Lagerkapazitäten blockiert. Dass überhaupt Ausschüsse in großen Mengen anfallen, hat zahlreiche Ursachen. Bringt zum Beispiel ein Chemiekonzern Waschmittel für Sonderaktionen auf den Markt, steht bereits fest, an welchem Tag der Handel sie wieder vom Markt nehmen muss – ganz gleich, wie viele der Packungen noch in den Läden stehen. Befindet sich in Deos oder Shampoos wegen eines Fehlers im Abfüllgerät auch nur ein Tick zu wenig Inhalt in den Flaschen, darf die Ware nicht verkauft werden. Auch durch einen sogenannten harten Relaunch droht vielen einwandfreien Produkten ein Ende in der Müllverbrennungsanlage: Wenn ein Unternehmen zum Beispiel ein bestehendes Produkt mit neuem Logo auf den Markt bringt, sind die Händler angehalten, die „alte“ Ware über Nacht aus den Regalen zu räumen. 

Juliane Kronen will diesen Irrsinn stoppen.


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TEXT Sara Lisa Schäubli FOTOS Annette Ettges

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