Sandra Kathe

Journalistin, Übersetzerin, Frankfurt/Main

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Tanzturnier mal anders

Machten eine gute Figur: Sonja Birkenfeld und Jessica Hefner von Schwarz-Silber Frankfurt. Foto: Leonhard Hamerski

Zum zweiten Mal wurde am Wochenende die offene Deutsche Meisterschaft im Equality-Tanz in der Mainmetropole ausgetragen. Dabei standen 79 gleichgeschlechtliche Paare aus Deutschland und dem europäischen Ausland in Standard und Latein auf dem Parkett.

Bergen-Enkheim. Im flotten Wechsel dröhnen aus den Lautsprechern der Stadthalle Bergen an diesem Samstagnachmittag erst der Dreivierteltakt eines Walzers, dann wieder die flotten Rhythmen eines Cha-Cha-Cha. Die Damen bewegen sich bei den ersten Sichtungsrunden in weit ausgestellten Kleidern und Hosenanzügen elegant zu Walzer und Tango, während die Herren zu Jive und Rumba die Hüften schwingen. Bei den Frauenpaaren, die rund zwei Drittel des Teilnehmerfelds ausmachen, steht am zweiten Turniertag der Deutschen Meisterschaft im Equality-Tanz Standard auf dem Programm, während sich die Herren den lateinamerikanischen Tänzen widmen.

Dass der zwölf Jahre alte Tanzwettbewerb, den in diesem Jahr der Frankfurter Sport- und Kulturverein Artemis gemeinsam mit dem TSC Phoenix ausrichtet, ursprünglich aus der Homosexuellenszene kommt, ist dabei kaum zu übersehen. Auf der Bühne über dem Jurorenpult prangt die Regenbogenfahne, die auch im Publikum immer wieder geschwenkt wird, wenn die Paare bei ihren Drehungen lautstark angefeuert werden. Tatsächlich homosexuell sind dennoch nicht alle der über 150 Teilnehmer des offenen Turniers, bei dem auch Paare aus Polen, Österreich, der Schweiz und Dänemark mitmachen.


Offene Regeln

„Dass Frauen zum Equality-Tanz kommen, ist inzwischen gar nicht mehr so selten wie man vielleicht annehmen könnte“, sagt Marion Kinzig vom Organisationsteam des Frauensportvereins, die selbst seit 2010 aktives Mitglied der Tanzabteilung ist. „Der Reiz daran ist für viele, dass sie beim Tanzen auch selbst die Führung übernehmen dürfen, durch einen erlaubten Rollenwechsel mitten im Tanz ganz andere Kreativität erlaubt ist, oder bei Wettbewerben auch einfach auf die obligatorischen hohen Absätze verzichten können. Die Regeln beim Deutschen Verband für Equality-Tanzsport (DVET) sind viel offener, und das wirkt sich auch auf die Stimmung beim Wettbewerb aus.“


Das schätzen auch Sonja Birkenfeld und Jessica Hefner vom Verein Schwarz-Silber Frankfurt, die nach den Sichtungsrunden in die zweithöchste der vier Teilnehmerfelder eingeordnet wurden: „Da wir in letzter Zeit nach meiner Babypause wenig Zeit zum trainieren hatten, ist das ein ganz gutes Ergebnis, auch wenn nicht alles glatt gelaufen ist“, freut sich Hefner, die zu den heterosexuellen Frauen gehört, die beim Tanzen einfach lieber die Führung übernehmen. Vorurteile aus ihrem Umfeld hat sie selten zu hören bekommen, weiß aber, dass es etliche Tänzer gibt, die ihr Hobby bei Familie und Kollegen unter Verschluss halten, weil eine gewisse Stigmatisierung trotz allem nicht ausbleibt. Für ihren Tanzverein sind die beiden an diesem Tag die einzigen Starterinnen.


Schwierige Situation

„Insgesamt sind die Möglichkeiten fürs gleichgeschlechtliche Tanzen im Vergleich zu Städten wie Köln, Düsseldorf oder Berlin hier in Frankfurt eher schwierig“, erzählt Kinzig, die außer ihrem Verein und der Tanzabteilung des Frankfurter Volleyballvereins keine klassischen Equality-Angebote nur für Männer oder Frauen kennt. „In einigen Frankfurter Tanzsportclubs und -abteilungen gibt es aber die Möglichkeit für gleichgeschlechtliche Paare mitzutrainieren, was immerhin ein Zeichen ist, das ich mir auch für klassische Tanzturniere wünschen würde“.

Wie sehr das Equality-Tanzen zu einer Art Doppelleben führen kann, zeigt das Beispiel einer jungen Frankfurterin, die ihren Namen nicht nennt: „Während meine engsten Freunde und Familienmitglieder von meinem Hobby wissen und mich dabei auch unterstützen und anfeuern, würde die Information im weiteren Bekanntenkreis sicherlich Diskussionen über meine Sexualität anstacheln. Wer Equality tanzt, ist schwul oder lesbisch, das ist für viele eine unumstößliche Tatsache“, erzählt die Frau, die das Tanzen schon als Teenager für sich entdeckt hat. Und dass sie sich dabei weder in eine feste Rolle noch in ein Kleid und hohe Schuhe zwingen lassen will – wie beim regulären Turniertanz üblich – ist für sie eine ganz natürliche Entscheidung.

Und an der Tatsache, dass das Tanzen auch bei gleichgeschlechtlichen Paaren elegant und gekonnt aussieht, ist nach den abgelieferten Leistungen der Paare ohnehin nicht zu rütteln. Ein lebender Beweis dafür sind nicht zuletzt die Kölnerinnen Caroline Privou und Petra Zimmermann, für die die Titelverteidigung beim Galaball am Samstagabend Ehrensache war. Schließlich sind die beiden nicht auch Europa- und Weltmeisterinnen im Equality-Standard und damit ein Vorbild für viele. Vor allem auch für die Frankfurterin, die davon träumt, aus ihrem Hobby irgendwann kein Geheimnis mehr machen zu müssen.


Kommentar: Die Gesellschaft muss sich ändern 

Der Herr führt, die Frau folgt, so lautet die Regel bei Turnieren und in Tanzschulen. Die Übertretung dieser Regel führt bei klassischen Tanzturnieren zur Disqualifizierung. Und selbst die Suche nach einem Tanzkurs für homosexuelle Paare ist oft eine große Hürde, die nur in wenigen Metropolen durch Equality-Vereine abgedeckt ist.

Selbst in Frankfurt, wo laut Integrationsdezernat mehr als 50 000 Menschen leben, die nicht heterosexuell sind, tanzen nur vereinzelt gleichgeschlechtliche Paare in wenigen Vereinen und halten wegen der starken Stigmatisierung ihres Sports das Hobby vor Familie und Kollegen unter Verschluss. Die Deutschen Meisterschaften im Equality-Tanz sind ein Versuch, auch hier für Gleichberechtigung zu sorgen – bei Schwulen und Lesben, und genauso bei heterosexuellen Frauen und Männern, die Turniere ohne antiquierte Geschlechterrollen fordern.

Dass der Tanzsport gleichgeschlechtliche Paare noch immer nicht in reguläre Turniere integriert und Rollentausch sanktioniert, zeigt, dass die Gesellschaft noch immer nicht in der Gegenwart angekommen ist, wo Homosexualität und Geschlechtergerechtigkeit Normalität sein sollten. Eine Öffnung ist auch hier längst überfällig.

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