Sandra Kathe

Journalistin, Übersetzerin, Frankfurt/Main

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Frankfurt: die Stadt der Frauen

An der Alten Nikolaikirche auf dem Römerberg ließ sich Sabine Börchers mit ihrem neuesten Werk fotografieren. Sie schrieb schon Bücher über das Gesellschaftshaus im Palmengarten, den Tigerpalast und das Frankfurt der 1950er Jahre. Foto: Salome Roessler

In Frankfurt regiert das Geld? Weit gefehlt – Frauenpower prägte immer wieder die Stadt und ihre Geschichte. Das beweist Autorin Sabine Börchers in ihrem Buch „101 Frauenorte“.

Frankfurt. Zwischen den Geschichten über Frankfurter Frauen liegen in der Frankfurter Altstadt nur ein paar Schritte: Im Dom wurde 1992 das Grab der ältesten Frankfurterin gefunden, in der Alten Nikolaikirche gestaltete in den 1920er Jahren die Künstlerin Lina von Schauroth die Fenster und die Göttin Justitia, die seit 1611 auf dem Frankfurter Gerechtigkeitsbrunnen auf dem Römerberg steht, ist eine der meistfotografierten Frauen der Stadt.

Geschichten wie diese weiß die Autorin und frühere FNP-Redakteurin Sabine Börchers bei einem Rundgang durch die Altstadt zu erzählen – und Geschichten wie diese hat sie in ihrem neuen Buch „101 Frauenorte“ zusammengetragen. Es ist jetzt im Frankfurter Societäts-Verlag erschienen.


Unbekannte Pionierinnen

„In so einer Sammlung dürfen die Orte, die im Zusammenhang mit berühmten Frankfurterinnen wie der Mutter von Johann Wolfgang von Goethe oder Rosemarie Nitribitt stehen, natürlich nicht fehlen“, sagt Sabine Börchers. Doch unter den 101 Beiträgen seien viele bislang unbekannte Anekdoten über Frauen – und gerade diese sollen ihre Geschlechtsgenossinnen begeistern, erstaunen und inspirieren.

Börchers führt zum Steinernen Haus in der Braubachstraße. Dort traf sich im Januar 1930 die erste Frauenfußball-Mannschaft Deutschlands zur Gründungfeier. Dass die Initiatorin, die damals 19-jährige Lotte Specht, ihrer Zeit weit voraus war, beweist das baldige Ende der Mannschaft. Sie trainierte kaum mehr als ein Jahr auf der Seehofwiese in Sachsenhausen. Dann verboten die meisten Eltern ihren Töchtern den umstrittenen Sport und Specht verlor fast alle Mannschaftskameradinnen.

101 Orte in der Stadt zu finden, die mit erzählenswerten Geschichten über Frauen verknüpft sind, das hatte sich die freiberuflich arbeitende Journalistin Börchers anfangs noch schwierig vorgestellt. „Als die Recherche vor knapp über einem Jahr losging, hatte ich einige wichtige Frankfurterinnen im Kopf, die nicht fehlen sollten. Die große Anzahl an verborgenen und teils kuriosen Geschichten, die es erstmal zu finden galt, erschien mir dennoch als Hürde“, sagt die 49-Jährige. Dabei hält sie ihr fertiges Buch in den Händen, für das sie schließlich so viele passende Orte entdeckt hatte, dass sie einige gar nicht aufnehmen konnte.

Denn Lotte Specht war nicht die einzige Frankfurter Pionierin. Zu Börchers’ Lieblingen zählt Kätchen Paulus, die Ende des 19. Jahrhunderts die erste Frau war, die den Nervenkitzel eines Fallschirmsprungs erlebte. Der Ort, den die Autorin mit ihr verknüpft hat, ist ein Hinterhaus in der Waldschmidtstraße am Zoo. Dort lebte Paulus, als sie sich mit 21 Jahren in den Fallschirmspringer Hermann Lattemann verliebte und sich entschloss, sein Hobby fortan mit ihm zu teilen.


Lesbentreff & Markthalle

„Etwa die Hälfte der 101 Frauenorte sind jedoch nicht historisch, sondern haben einen aktuellen Bezug“, sagt Sabine Börchers, die für ihre Recherchen hinter etliche Kulissen blickte. Sie sprach mit der Kleinmarkthallen-Legende Ilse Schreiber, schaute hinter die Kulissen eines Laufhauses im Bahnhofsviertel und machte einen Ort ausfindig, der für Männer absolut tabu ist: Das „La Gata“ in Sachsenhausen ist die älteste Lesbenkneipe der Welt. Bilder und Geschichten zu jeder Protagonistin sind auf 215 Buchseiten jeweils auf einer Doppelseite zusammengefasst.

Manche Damen überraschen: „Es spielen ja nicht nur Menschenfrauen für die Stadt eine Rolle.“ Die Autorin lacht und erklärt, warum auch die Bonobo-Dame Margrit zur Patin für einen der Frauenorte wurde. „Sie ist das älteste Säugetier des Frankfurter Zoos und noch dazu Vertreterin einer Spezies, die matriarchalisch organisiert lebt.“ Soll heißen: Margrit ist hier nicht nur die Älteste, sondern hat als Weibchen auch das Sagen. Dass der Zoo damit ein ganz besonderer Frauenort ist, daran besteht spätestens jetzt kein Zweifel mehr.

 

„101 Frauenorte“ ist der fünfte und neueste Band der Orte-Reihe des Frankfurter Societäts-Verlags, die die Autoren Frank Berger und Christian Setzpfandt 2011 mit dem Titel „101 Unorte“ ins Leben gerufen haben. Er kostet 12,80 Euro.

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