Sandra Kathe

Journalistin, Übersetzerin, Frankfurt/Main

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Große Schritte im Leben

„Das ist eine super Leistung.“ Trainerin Sina Bommersheim (re.) mit Mimoun (15) und Michelle (16). Foto: Heike Lyding

Das Prinzip ist einfach und wirkungsvoll: Anerkennung stärkt. Bei einem Workshop im Jugendhaus am Bügel lernten die Förderschüler der Mosaikschule eine halbe Woche lang tanzen, rappen und Graffiti gestalten. Die Aktion, die sich im dritten Jahr etabliert hat, verzeichnet bereits einige besondere Erfolge.

Nieder-Eschbach.  Auf den Fluren des Jugendhauses am Bügel herrscht an einem Vormittag unter der Woche selten so ein Trubel wie an diesem Mittwoch. Überall sind Schüler unterwegs, aus den Lautsprechern dröhnt die Melodie von Pharrell Williams’ Hit „Happy“. Der Grund, dass Workshopleiter und Pädagogen des Hauses auch schon vor Schulschluss im Einsatz sind, ist ein Kooperationsprojekt von Mosaikschule und Jugendhaus, das in diesem Jahr zum dritten Mal stattfand.


Aufregung vorm Auftritt

Von Montag bis Mittwoch lernten die rund 40 Schüler aus der Hauptstufe der Förderschule mit Schwerpunkt geistige Entwicklung in verschiedenen Gruppen tanzen, rappen und Graffiti gestalten. Am heutigen Donnerstag wollen sie ihre Ergebnisse mit einer Ausstellung und einem Bühnenprogramm in der Niederurseler Schule präsentieren. Aufgeregt sind Michelle (16) und die anderen vor allem deshalb, weil auch viele Eltern im Publikum sein werden.

Darum geht es nach einer kurzen Probe auch gleich wieder ans Proben der Choreographie, die sich die Tanzlehrerin Sina Bommersheim für ihre Schützlinge ausgedacht hat. Michelle, die schon seit Jahren Mitglied der Tanz-AG ist, hat sich mit ihrem leuchtend pinkfarbenen T-Shirt neben Bommersheim positioniert und macht die Schritte nach einigen Versuchen problemlos mit.

Andere der Kinder haben damit mehr Probleme und bewegen sich nur im Takt der Musik durch den Raum. „Aber auch das ist für viele der Schüler eine super Leistung“, lobt die 24-Jährige, die den Workshop bereits im letzten Jahr geleitet hat und seitdem bei einigen große Fortschritte entdeckt hat. „Zum Beispiel gibt es da einen Jungen in der Tanzgruppe, der sich im letzten Jahr ohne einen Integrationsassistenten keinen Meter von der Stelle bewegt hat. Heute flitzt er durch den Raum, lacht, klatscht und versprüht gute Laune.“

„Uns geht es auch nicht darum, dass die Schüler eine perfekt durchchoreografierte Leistung abliefern“, erklärt Sötje Chtouris, die an der Mosaikschule die Hauptstufe, also für 14- bis 16-Jährige, leitet. „Vielmehr ist uns wichtig, dass die Schüler Selbstvertrauen schöpfen und am Ende etwas präsentieren können, worauf sie stolz sein können. Da scheitert es sicherlich nicht daran, wenn einer mal aus der Reihe tanzt“, sagt sie.


Höhepunkt des Jahres

Auch die kommissarische Leiterin des Jugendhauses, Svenja Klemen, ist von der Zusammenarbeit mit der Mosaikschule überzeugt: „Dass es dazu kam, lag an einer Schülerin der Förderschule, die regelmäßig nachmittags unsere Programme besucht hat und immer wieder begeistert von der Schule erzählte“, erinnert sie sich. „Wir haben ihr angeboten, die ganze Klasse doch einfach mal für einen Vormittag zu uns einzuladen. Dass sich daraus so eine feste Veranstaltung entwickelt hat, bei der wir wahnsinnig viel von den Kindern lernen und auch zurückbekommen, freut uns natürlich besonders.“

Auch für Michelle und Mimoun (15) gehört die halbe Woche hier in Nieder-Eschbach inzwischen zu den Höhepunkten im Schuljahr: „Es macht einfach Spaß, mit den anderen gemeinsam zu tanzen und sich dann auch anzusehen, was die anderen Gruppen in den drei Tagen gearbeitet haben“, sagt Michelle, die im Gegensatz zu vielen Gleichaltrigen kaum bühnenscheu ist.

Für Svenja Klemen macht genau das die Jugendlichen von der Mosaikschule hier so besonders: Sätze wie: „Ich will das nicht!“ oder „Ich habe keine Lust!“ wie bei anderen Teenagern hat sie hier noch nie gehört.

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