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Schwanensee X.0

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Süddeutsche Zeitung, 18. Juni 2019

Zwischen Technik und Mythos: Der Futurologische Kongress in Ingolstadt

Eine Ironie der Tatsachen oder literarisches Vermächtnis? In Mary Shelleys Roman "Frankenstein oder Der moderne Prometheus", der am 1. Januar 1818 erstmals anonym veröffentlicht wurde, erschafft der junge Schweizer Viktor Frankenstein an der Universität Ingolstadt einen künstlichen Menschen. In seiner Begeisterung für das wissenschaftlich Mögliche versäumt es Frankenstein, die ethischen Implikationen seines Tuns abzuwägen - und wird für seine Hybris grausam bestraft. Rund 200 Jahre später entbrennt die Frage nach der Möglichkeit des künstlichen Menschen, nach Gestaltung, Verantwortung und Konsequenzen heutiger Technologien, im Zeitalter der Digitalisierung an der Technischen Hochschule Ingolstadt von Neuem: Dort fand am Wochenende der Futurologische Kongress statt, ein groß angelegtes Infotainment-Spektakel bei dem wissenschaftliche Vorträge aus technischer, philosophischer und juridischer Sicht neben Theaterinszenierungen, szenischen Lesungen, Musik- und Kunstinstallationen am Stadttheater und an der Hochschule zu sehen waren. Die programmatische Kombination aus Kunst und Wissenschaft ging jedoch nicht reibungslos über die Bühne, sondern entfachte einen uralten Antagonismus zwischen Technik und Mythos. Eine Bestandsaufnahme.

Roboter, die mit Menschen den "Schwanensee X.0" tanzen, eine scheinbar außer Kontrolle geratene Maschine, die einen Mann in die Luft hebt und willkürlich umher wirbelt, eine Liebesgeschichte zwischen einem Cyborg und seinem Schöpfer; in zahlreichen Variationen bedienen die Tanzaufführungen und Theaterdarbietungen den Jahrhunderte alten Mythos vom menschenähnlichen Roboter, der auf unheimliche Weise nicht mehr von anderen Menschen zu unterscheiden ist.

Sie alle scheinen geprägt von der Frage: Ist das bloß Fiktion oder nicht doch schon im Bereich des Möglichen? Werden in Zukunft nicht wir Maschinen bedienen, sondern umgekehrt wir selbst von Robotern bedient? Beinahe zeitgleich wird in den Lesesälen im unteren Stock vor dem "modernen Animismus" gewarnt, der im Silicon Valley sein Unwesen treibt und eben von solch suggestiven Narrativen unterfüttert sei. "Bleiben wir vernünftig", hebt der Philosophieprofessor und ehemalige Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin zum Schlusssatz seines Vortrages zum Digitalen Humanismus an. "Ein Gegenüber schaffen wir uns mit Software Systemen nicht, künstliche Intelligenz ist ein Instrument, das gewisse Prozesse beschleunigen und vereinfachen kann, und nur das."

Über den Begriff des Instruments kommt es später in der Diskussionsrunde mit fünf Referenten noch zu einem hitzigen Urteilsstreit, der im Kern den Stoff des Homo faber von Max Frisch ins Zeitalter der vierten industriellen Revolution überführt. Auf der einen Seite, so scheint es, stehen die Rationalisten, auf der anderen Seite, in Form der beiden Moderatoren, die Science-Fiction-Fraktion, die, so werden sie beschuldigt, eine seit jeher tiefverankerte Vorstellung des Animismus zur Überinterpretation der technischen Roboter veranlasst. Auch wenn sich die Referenten einig sind, dass es keinen Grund zur der Annahme gibt, dass Roboter Gefühle oder eigene Intentionen entwickeln werden, so scheint der Handwisch, dass es sich bei Software-Systemen nur um Werkzeuge handle, wie vom Ingenieur und führenden Roboterforscher Sami Haddadins wiederholt zu rationalisieren versucht wurde, verkürzt. Näher an der Wahrheit schien da der Beitrag der Soziologin Sabine Pfeiffer, die Aspekte der Virtualität in die Debatte brachte: Sogenannte Bots (zum Beispiel bei Wikipedia), die für uns tagtäglich algorithmisch Vorentscheidungen treffen und mitunter selegieren, welche Informationen wir erhalten und welche nicht, führen zu gefährlichen Eigendynamiken, die imstande sind, bestehende Machtverhältnisse zu vergrößern und zu perpetuieren.

Eben hier sei es wichtig, so Sabine Pfeiffer, Verantwortung nicht den Internet-Giganten zu überlassen, wie Julian Nida-Rümelin zuvor schon in seinem Vortrag warnte, sondern heute über die Gestaltungsmöglichkeiten zu diskutieren. "Ich möchte nicht, dass unsere Kinder uns später anklagen, dass wir nicht aufgepasst haben - obwohl wir in einer Gesellschaft leben, in der Partizipation eigentlich großgeschrieben wird", sagt Pfeiffer.

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