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Social-Media-Stars: Tanzen, Tränen, TikTok

Am Flughafen wurde Son Tran klar, welchen Einfluss er auf Menschen hat. Ein Mädchen, 15 Jahre alt, sah ihn, erkannte ihn, kam auf ihn zu, rief seinen Namen - und begann zu weinen. Son erinnert sich noch gut daran. Es war vor etwa einem Jahr. "Das hat mich schockiert und gleichzeitig glücklich gemacht. Ich wusste gar nicht, wie ich damit umgehen soll", sagt Son. Er erklärte ihr, dass er auch nur ein Mensch sei. Das Mädchen sagte, für sie sei er so viel mehr. Dann nahm Son sie in den Arm und machte Fotos mit ihr.

Son ist 18 Jahre alt, trägt weiße Sneaker, einen blauen Pullover und um seinen Hals eine Kette mit einem Saturn-Anhänger. Er geht noch zur Schule. In seiner Freizeit aber ist er einer der erfolgreichsten Influencer Hamburgs. Auf dem sozialen Netzwerk folgen ihm fast 2,4 Millionen Menschen. Damit hat er auf der Plattform mehr Fans als der Rapper Capital Bra oder die Sängerin Lena Meyer-Landrut. In den Videos auf seinem Kanal sontvn kocht er, packt Pakete aus, steht oft in seinem Jugendzimmer, manchmal auf dem Rathausmarkt und spricht in die Kamera seines Smartphones. Das TV im Namen seines Kanals hat nichts mit Fernsehen zu tun. Son ist sein Vorname, T steht für seinen Nachnamen Tran und vn ist eine Abkürzung für Vietnam, dem Land, in dem seine Eltern aufgewachsen sind. Son hat auch seine Schwester Linh zu TikTok geholt. Auf dem Kanal saintlinh, die heilige Linh, singt und tanzt sie viel. Manchmal produzieren beide Comedyvideos zusammen. Linhs Kanal folgen inzwischen mehr als 700.000 Menschen - etwa so viel wie Model und Moderatorin Rebecca Mir. Mit den vielen Followerinnen kamen Bekanntheit und Geld.

TikTok ist im Vergleich zu Facebook oder Instagram ein recht junges soziales Netzwerk. Menschen drehen kurze Videos und teilen sie mit der Öffentlichkeit. Man kann verschiedene Filter, einprägsame Musikhäppchen oder Zeitspannen einstellen. Die fertigen Clips dauern zwischen 15 und 60 Sekunden. Sie zeigen Menschen, wie sie tanzen, sich schminken, kochen, Zaubertricks vorführen oder etwas erzählen. Derzeit sind etwa 800 Millionen Menschen weltweit auf TikTok aktiv, etwa 11 Millionen davon in Deutschland. Besonders beliebt ist die App in der Altersgruppe unter 25 Jahren.

Die Geschwister Son und Linh wohnen gemeinsam mit ihren Eltern in einem kleinen Haus mit Garten. Wo genau in Hamburg sie leben, möchten sie lieber nicht öffentlich lesen. Zu oft haben Gruppen von Jugendlichen an ihrer Tür geklingelt und sind dann lachend weggelaufen. "Es ist mega anstrengend", sagt Linh. Sie ist 27 Jahre alt und spricht schnell, aber gewählt. Ihre langen schwarzen Haare fallen weich auf ihren hellen Pullover. Sie hat die Jugendlichen schon bei den Klingelstreichen erwischt und zur Rede gestellt. "Ich habe ihnen gesagt, dass es nicht in Ordnung ist." Einmal bekam sie Blumen und Schokolade als Entschuldigung.

Eines der ersten Videos ihres Bruders zeigt erst sein Gesicht, dann einen blassen Regenbogen. Unter das Video schreibt Son: "Das war mein erster Regenbogen. Habt ihr schon mal einen gesehen? 🌈 | #foryou #germany #foryoupage." Tatsächlich passiert das, was Son mit "#foryoupage" bezwecken will. Der Clip landet auf der Startseite und bekommt viel Aufmerksamkeit. "Da habe ich gemerkt, dass ich mehr Videos machen möchte. Also habe ich begonnen, regelmäßig etwas zu posten."

Für Linh wird TikTok erst im März dieses Jahres relevant. Der Grund: die Corona-Pandemie. In Vietnam will sie eine Gesangskarriere beginnen. Ende Februar fliegt sie nach Deutschland, um Urlaub zu machen und ihre Familie zu besuchen. Dann kommt der erste Shutdown und ihr Rückflug wird gestrichen. Also bleibt sie in Hamburg. Son zeigt ihr auf TikTok einen Tanz, der gerade im Trend ist: Zum Song Walked in von Ultradiox tippen sich Nutzerinnen auf die Schultern, klatschen in die Hände und kreisen ihre Hüften. "Das ist doch voll einfach", sagt Linh zu ihrem Bruder. Sie ist ausgebildete Tanzlehrerin. Er antwortet: "Dann mach doch mal!" Also stellen sich beide in den Garten hinter ihrem Elternhaus und tanzen vor dem Smartphone zu dem Song.

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