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Präsenzunterricht in Corona-Zeiten: "Man kann Kinder nicht fünf Stunden frontal per Video unterrichten"

Sollen die Schulen wieder geschlossen werden? Oder zumindest in eine Form von Hybridunterricht mit digitalen Anteilen wechseln? Viele Berufsverbände von Lehrerinnen und Lehrern haben sich dafür ausgesprochen. Stefan Feilcke, 50, ist eher skeptisch. Er leitet eine Grundschule in Hamburg-Horn und unterrichtet dort Mathematik. Hier spricht er darüber, warum beim Homeschooling - gerade in der Grundschule - die Hilfe der Eltern essenziell ist, aber nicht von allen Familien erwartet werden könne. Und warum junge Kinder im Präsenzunterricht einfach besser lernen.

Ich bin seit sieben Jahren Schulleiter und Mathematiklehrer an der Wichern-Grundschule am Rauhen Haus in Horn. Als im Frühjahr die Schulen geschlossen wurden, kam das sehr plötzlich. Normalerweise bleiben bei uns die Schulbücher in der Schule, die Kinder hatten also kein Material zu Hause. Wir konnten auch nicht erwarten, dass alle Eltern Arbeitsblätter ausdrucken können. Also haben wir Pakete gepackt und den Schülerinnen und Schülern Bücher, Hefte und Arbeitsblätter vorbeigebracht.

In dieser Zeit habe ich gemerkt: Der Unterricht zu Hause funktioniert ohne Eltern gar nicht. Gerade in der Grundschule sind Kinder noch nicht in der Lage, sich Inhalte selbst zu erarbeiten. Erst- und Zweitklässler haben nicht die nötige Lesekompetenz, um Arbeitsaufträge zu verstehen. Gleichzeitig kann ich sie nicht vier oder fünf Stunden lang frontal per Video unterrichten.

Vor ein paar Wochen habe ich an einem Samstag geprobt, wie es bei einer neuen Schulschließung sein könnte: Ich habe eine Mathestunde per Videochat gegeben. Morgens um zehn Uhr haben die meisten Schülerinnen und Schüler einer ersten Klasse und ich uns in einer Videoschaltung getroffen. Als Erstes haben wir geübt, wie wir das Mikrofon an- und ausstellen. Dann haben wir vom Frühstück erzählt. Und schließlich habe ich ein neues Thema eingeführt: gerade und ungerade Zahlen.

Das hat auch gut geklappt, aber nach 45 Minuten habe ich gemerkt, wie die Konzentration bei einigen stark nachlässt. Die Kinder haben nicht mehr so aufmerksam in die Kamera geschaut und die Beteiligung riss ab. Auch bei dieser Probestunde mussten die Eltern mithelfen, etwa indem sie die Kinder in das Programm einloggten oder sich zu ihnen setzten.

Kinder brauchen den Austausch, das darf man nicht unterschätzen

Doch das klappt nicht in allen Familien. Viele Eltern sind beruflich eingespannt oder können sich aus anderen Gründen nicht während der Unterrichtszeiten um die Betreuung ihrer Kinder kümmern. Darum ist es sehr wichtig, dass wir Präsenzunterricht haben und alle Kinder das gleiche schulische Angebot bekommen. Die Kinder brauchen auch den Austausch und das Zusammensein mit Gleichaltrigen. Das darf man nicht unterschätzen. Andererseits fehlt uns schon jetzt Personal, um einen guten Präsenzunterricht aufrechtzuerhalten. Viele Kolleginnen und Kollegen sind erkrankt. Andere haben Angst, sich anzustecken - obwohl sie sich freuen, die Kinder wiederzusehen, und trotz aller Befürchtungen unterrichten.

Bisher hat sich an unserer Grundschule noch keiner unserer Schülerinnen und Schüler mit dem Coronavirus infiziert. Allerdings sind ein paar Eltern der Kinder an Covid-19 erkrankt. Die betroffenen Kinder müssen als Erstkontakt nun zu Hause in Quarantäne bleiben.

Seit den Herbstferien haben wir alle Familien, die vorher nicht die nötige Technik hatten, mit einem iPad versorgt. Das konnten wir zu großen Teilen über eine Spendenaktion finanzieren. Alle Kinder haben nun eine Google-Mail-Adresse und wir nutzen den Dienst Google Education. Damit können wir uns zu Videokonferenzen treffen, Wochenpläne erstellen oder Arbeitsaufträge versenden. Neulich habe ich eine Frage an die Kinder geschickt. Wir haben uns mit Formen beschäftigt und sie sollten zählen, was sie am häufigsten in ihrem Kinderzimmer finden: Dreieck, Quadrat, Rechteck oder Kreis? Das mussten sie zu Hause anklicken und ich konnte das Ergebnis dann in der Klasse per Apple-TV zeigen.

Maskenpflicht? Läuft gut! Der Kontakt zu den Eltern? Zurzeit leider weniger

Die Hygienemaßnahmen machen auch die Jüngsten super mit. Wenn sie zur Toilette gehen, greifen sie schon ganz automatisch zur Maske. Die Eltern dürfen das Schulgelände nicht mehr betreten, das macht den Kontakt zu ihnen schwieriger. Am Morgen stehe ich vor der Schule und lasse die Erstklässler ins Gebäude. Das ist der einzige Moment, in dem ich mit den Eltern persönlich ein paar Worte wechsele. Dabei spüre ich eine große Verunsicherung.

Viele wissen nicht: Wie ist der Stand meines Kindes? Was kann es schon, was noch nicht? Natürlich führen wir auch Telefonate, doch ist dies mit einem persönlichen Kontakt nicht zu vergleichen. Zum Schuljahresbeginn organisierten wir digitale Elternabende. Man kann sie sich vorstellen wie eine Videokonferenz. Aber das ersetzt einen regulären Elternabend nicht. Die Atmosphäre bleibt auf der Strecke."

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