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Essen als Machtfaktor

Unsere Konsumgewohnheiten spielen eine große Rolle bei der Welternährung

von Sabine Hebbelmann

„10 Milliarden Menschen – Wie werden wir alle satt?“ Dokumentarfilmer Valentin Thurn hinterfragt mit dem Titel seines Films ein Schreckensbild, das von der Industrie gemalt wird: Die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung könne nur durch Landwirtschaft in industriellem Maßstab, Massentierhaltung und Gentechnik gesichert werden.

Im Deutsch-Amerikanischen Institut in Heidelberg war er einer von vier Teilnehmern einer spannenden Podiumsdiskussion, die im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Essen ist Macht“ von TV-Journalistin Eva Maria Lemke moderiert wurde.

Bei den Recherchen zum Film erfuhr Thurn, dass Kleinbauern in Entwicklungs- und Schwellenländern mehr aus einem Hektar Boden herausholen und zugleich für eine bessere Verteilung der Lebensmittel sorgen als die Agrarindustrie. Für unsere Massentierhaltung sind in Südamerika Sojafarmen auf riesigen Flächen entstanden, wo früher Regenwald war. „Wenn alle so viel Fleisch essen würden wie wir in Europa, bräuchten wir drei Planeten“, sagt Thurn.

Der Appetit auf Fleisch in Deutschland ist groß und trotz des Trends zu fleischloser Lebensweise sei der Konsum insgesamt nicht zurückgegangen, ist von Jan Spielhagen, Chefredakteur der Zeitschriften Beef! sowie essen & trinken zu erfahren. Er findet es schlimm, dass Fleisch so günstig geworden ist, das führe zu gedankenlosem Konsum. In Beef! gehe es um Fleischqualitäten und um Wertschätzung für das Lebensmittel Fleisch. Spielhagen spricht vom „Prinzip Sonntagsbraten“ und dem Trend zu Slow Food als Reaktion auf Hektik und Beschleunigung.

Wenn Rinder nicht mit Soja gefüttert, sondern auf Steppen und Bergweiden gehalten würden, könnten sie nicht nur zu einer nachhaltigen Ernährung, sondern auch zur Landschaftspflege und zum Klimaschutz beitragen, äußert Anita Idel, die sich als Mitglied im Redaktionsrat des Weltagrarberichts für eine artgerechte Tierhaltung einsetzt. Es gehe nicht darum, ob man sich vegan ernährt oder Fleisch isst, entscheidend sei die nachhaltige Erzeugung der Lebensmittel, sagt die Tierärztin und sympathisiert mit dem Sonntagsbraten – „mit sechs Veggiedays“.

„Europa hängt am Tropf, 70 Prozent der in der EU verfütterten Proteine werden importiert“, macht Idel klar. Dass in Südamerika das Futter für unsere Massentierhaltung produziert wird, sei eine politische Entscheidung gewesen, die in den siebziger Jahren gefallen sei. „Wir exportieren unsere Billigprodukte und machen anderenorts die lokalen Märkte kaputt.“

„Als Konsumenten haben wir große Macht und beeinflussen Unternehmensentscheidungen “, betont Andrea Sonntag, Referentin für Ernährungspolitik bei der Welthungerhilfe. Doch auch den Gesetzgeber sieht sie in der Pflicht. Die Menge an gehaltenen Tieren müsse an Mindestflächen gekoppelt und Werbung für ungesunde Lebensmittel, besonders mit der Zielgruppe Kinder, verboten werden.

Gesunde Lebensmittel seien oft teurer als stark verarbeitete, fett- und zuckerreiche Kost, kritisiert sie. Das führe dazu, dass viele Menschen gerade auch in Entwicklungsländern an Fehlernährung und Fettleibigkeit litten.

Bauern würden abhängig von hoch gezüchtetem Saatgut gemacht, für das sie zusätzlich Dünger und Schädlingsbekämpfungsmittel dazukaufen müssten. „Diese Art von Landwirtschaft macht die Böden kaputt - so werden wir die 10 Milliarden nicht ernähren können“, macht Sonntag klar.

Idel fordert eine Steuer auf synthetischen Stickstoffdünger und fragt: „Wie können wir erreichen, dass wieder mehr in statt an der Landwirtschaft verdient wird?“
Kleinbauern müssten unterstützt werden, denn hier gebe es großes Potenzial. In Entwicklungsländern seien es meist die Frauen, die zuhause die Kinder versorgten und den Acker bewirtschafteten. In abgelegenen Regionen hätten sie wenig Zugang zu Kunstdünger und Pestiziden und beuteten den Boden nicht so aus. Kleinstbäuerinnen gebe es selbst in den Slums der Megastädte.

Dass jetzt auch in Afrika die Kleinbauern vertrieben werden, berichtet Thurn. „Da kommen Bulldozer und machen ganze Dörfer platt.“ In Mosambik werde gerade eine Bahn gebaut, um das Soja nach China und Europa zu transportieren.

Was der Weltagrarbericht bewirkt habe, will eine Zuhörerin wissen. „Die Interessen der Lobby haben einen unglaublichen Einfluss auf die Politik“, weiß Idel. „Aber wir bleiben dran.“