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Reportage

Mihai Balan hilft rumänischen Erntehelfern gegen Abzocke

Mihai Balan vor Ort: Auf zahlreichen Höfen berät er seine Landsleute Foto: Hebbelmann

Erscheinungsdatum 07.05.2014, 06:00
Rhein-Neckar-Zeitung

von Sabine Hebbelmann

Die Fahrt geht übers platte Land, vorbei an staubigen Äckern, unscheinbaren Höfen und Containersiedlungen hinter Maschendraht. Unter „letzte Ziele“ sucht Mihai Balan den Standort eines Gemüsebaubetriebs im Navi. Es dämmert.

Für die Erntehelfer war es ein langer Tag. Balan passt sie auf dem Weg zu ihren Unterkünften ab, verteilt Handcremes und Infomaterial. Der Soziologe stammt aus Rumänien und klärt die Leute in ihrer Muttersprache über ihre Rechte auf. Mit seiner Kollegin Maria Dimcheva, einer Bulgarin, führt er das Projekt „Niedrigschwellige Weiterbildung und Beratung mobil Beschäftigter“ durch, das der Europäische Verein für Wanderarbeiterfragen im Januar in Rheinland-Pfalz gestartet hat. Das einjährige Projekt wird aus Mitteln des Landes Rheinland-Pfalz und des Europäischen Sozialfonds gefördert.

Die Vorderpfalz gilt als der Gemüsegarten Deutschlands. In den vergangenen Jahrzehnten haben hier Freilandbetriebe enorm expandiert und sich auf wenige Gemüsesorten spezialisiert. Die Ernte ist arbeitsintensiv.

Die Gesichter der Menschen - rund die Hälfte Frauen – sind sonnenverbrannt. Sie schauen müde aus, doch der Tag ist für sie noch nicht zu Ende. Viele stehen erst einmal Schlange, denn für die 150 Leute gibt es nur acht Duschen und acht Toiletten. Auch der Küchencontainer - hier stehen die Menschen Seit an Seit entlang der sechs aufgereihten Zwei-Platten-Herde - ist brechend voll. Eine Frau läuft mit einer heißen Pfanne zu ihrer Unterkunft, einem ungefähr 2,50 Meter breiten und sechs Meter langen Container, den sie mit drei anderen Erntehelfern teilt. Er bietet gerade mal Platz für zwei Doppelstockbetten, zwei Spinde, einen Kühlschrank und einen kleinen Tisch. Privatsphäre gibt es hier keine.

Flyer und Prospekte hat der Soziologe auf einer niedrigen Mauer ausgelegt. Immer wieder bleiben Leute interessiert stehen. Die Informationen, und vor allem die Creme, sind begehrt und während sie sich die geschundenen Hände eincremen, lauschen die Erntehelfer interessiert den Ausführungen Balans, die sich um das Projekt und um in Deutschland gültige gesetzliche Bestimmungen wie Arbeitsschutz und Arbeitszeitrecht drehen. „Der Informationsbedarf ist immens“, weiß er.

Was die Arbeiter ihrerseits zu erzählen haben lässt einen schaudern: Morgens um 6 Uhr drängen sie sich zu 50 in einen Anhänger und werden mit dem Traktor aufs Feld gekarrt. Sie ackern Stund um Stund, graben Zwiebeln aus der Erde oder jäten Unkraut. Eine halbe Stunde Frühstückspause, eine Stunde Mittag. Das geht so sieben Tage die Woche. Woche für Woche.

Vier Euro zahle der Betrieb ihnen für die Kiste Zwiebeln, dabei schafften sie maximal acht oder neun Kisten am Tag. Das ergebe einen Stundenlohn von 3,60 Euro, kaum mehr als die Hälfte des aktuell (noch) gültigen Tariflohns von 7 Euro, rechnet Balan vor. Die Unterkunft kostet extra.

Nicht überall sind die Löhne und Arbeitsbedingungen so miserabel. Ein benachbarter Gemüsebauer zahlt seinen Leuten 6,50 Euro die Stunde und gibt ihnen sonntags frei. Doch Stundenlöhne zwischen vier und fünf Euro seien bei Erntehelfern keine Seltenheit, so Balan.

Dass sie nur für zwei Monate beschäftigt würden sei üblich. Das sei günstig für den Landwirt, denn wenn eine Beschäftigung maximal zwei Monate oder 50 Arbeitstage dauert, fallen für ihn keine Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung an. Balan ärgert die Aussage mancher Bauern, die Arbeiter kehrten nach dem zweimonatigen Ernteeinsatz in ihre Heimat zurück und könnten von ihrem Lohn dort den Rest des Jahres gut leben. „Das ist Blödsinn“, sagt er schlicht. Zwar seien die Mieten in Rumänien niedriger als in Deutschland, doch gebe es dieselben Discounter und Handelsketten mit ähnlichen Preisen wie hierzulande. Für die meisten gehe die Schufterei in Deutschland nach zwei Monaten gleich weiter, nur eben bei einem anderen Bauern.

„Die Leute kriegen bei manchen Bauern kein Wasser gestellt und keine Lebensmittel“, weiß Balan. Dafür fährt spät am Abend noch ein Verkaufswagen vor - ein findiger Geschäftsmann hat offenbar den Bedarf erkannt und verkauft so ziemlich alles, vom abgepackten Weißbrot bis hin zu Arbeitshandschuhen. Für die PET-Flasche Wasser, die im Discounter 44 Cent kostet, verlangt er 80 Cent. Schon wieder bildet sich eine Schlange.

Die Abzocke habe schon in der Heimat begonnen, wo ihnen der Vermittler gleich mal 100 Euro in bar abgeknöpft habe. Und in Deutschland gehe es gerade so weiter. Dass die Erntehelfer den Arbeitsvertrag nicht ausgehändigt bekommen sei „nicht nur eine nette Geste des Bauern, weil er sonst schmutzig werden könnte.“ Die Leute unterschrieben ihren Arbeitsvertrag, ohne wirklich zu verstehen, was drin steht, sagt Balan.

Aus seiner Sicht könnte mehr getan werden, um irreguläre Beschäftigung einzudämmen. Der Mindestlohn allein reiche dafür nicht aus. Der Zoll müsse personell aufgestockt werden, damit er Mindestlohn- und Arbeitszeitverstöße besser ahnden könne. Es müsste zudem eine Instanz geben, in der die Informationen zusammenlaufen, sagt der Soziologe und fordert, die Sozialversicherungen sollten europaweit zusammenarbeiten.

„Es ist die Situation in den Herkunftsländern, die Not der Menschen, die ausgenutzt wird.“