4 Abos und 3 Abonnenten
Artikel

Mit Übersetzern übersetzen

Am Namenstag des Schutzheiligen des Berufsstandes wurde die Neckarfähre „Liselotte“ zur Literaturbühne – Neun Mal legte sie ab


Sie sind Mittler zwischen kulturellen Welten, oft sprachmächtige Interpreten, die Literatur über Grenzen hinweg erst zugänglich machen. Und doch bleiben Literaturübersetzer oft unsichtbar.

Die „Weltlesebühne“, ein loses Netzwerk von Veranstaltungsprojekten in neun Städten, will das ändern. Am Namenstag des Heiligen Hieronymus, des Schutzpatrons der Übersetzer, rückt sie mit ungewöhnlichen Projekten internationale Literatur und ihre häufig unbekannten Co-Autoren in den Blick. 

In Heidelberg hatte die Weltlesebühne in Kooperation mit der Stadtbücherei Heidelberg die Neckarfähre „Liselotte“ gechartert. Beate Frauenschuh, die für das Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm der Stadtbücherei zuständig ist, setzt seit Jahren auf die Kompetenz von Literaturübersetzern als sachkundigen Vermittlern von Weltliteratur und wurde dafür 2011 mit der „Übersetzerbarke“ des Verbands der Literaturübersetzer (VdÜ) ausgezeichnet.

Unter dem Motto „Mit Übersetzern übersetzen“ wurden die Schiffsplanken der „Liselotte“ nun einen ganzen Tag lang zur Bühne für Literaturübersetzer, die das interessierte Publikum - darunter viele Berufskollegen aus der Region - mit auf Weltreise über den Neckar nahmen.

Sabine Giersberg leitete mit ihrer Textkollage „Von den Ghostwritern der Weltliteratur“ zum Abendprogramm über, in dem es im Rahmen der Bewerbung „Heidelberg – Unesco City of Literature“ um das Thema Übersetzen ging.

Gewandt und kundig führte die Heidelberger Übersetzerin und Publizistin Regina Keil-Sagawe durch den Abend und die klassischen Akkordeonklänge von Jutta Groh passten gut zum Ambiente der Veranstaltung.

Helga Pfetsch präsentierte den Band „Souveräne Brückenbauer“, den sie dieses Jahr zum 60. Geburtstag des VdÜ herausgegeben hat und der die Professionalisierung des Berufsstandes in vielen Beiträgen der Mitglieder nachzeichnet. Für ihr Engagement für die Anerkennung der Leistung von Literaturübersetzern und für die Verbesserung ihrer rechtlichen und ökonomischen Arbeitsbedingungen erhielt sie 2009 das Bundesverdienstkreuz. Inzwischen leitet sie den Freundeskreis zur Förderung literarischer und wissenschaftlicher Übersetzungen.

Unter den Augen ihres Verlegers Wolfgang Orians las die Übersetzerin und Autorin Judith Arlt aus ihrem neuesten Roman „Die Welt war schneller als die Worte“.

In einem präzisen Stakkato-Stil malte sie opulente Bilder und selbst die Suche eines Bibliothekars in einer Kartei wurde für die Zuhörer zu einem geradezu sinnlichen Erlebnis. „Schreibt, spricht, denkt, träumt und veröffentlicht in deutscher und polnischer Sprache“, las die Moderatorin aus dem Klappentext vor und fragte Arlt, wie sie die polnische Übersetzung ihres Buches wahrgenommen habe. Zunächst sei sie irritiert gewesen, gab die Autorin zu. Doch dann habe sie gelernt, sich zurück zu nehmen. „Man muss Vertrauen haben.“

Als Botschafter von Kulturen und Sprachen lernen Übersetzer interessante Autoren kennen, die sie Verlegern empfehlen. „Habt Mut zu den kleinen Verlagen!“, riet Keil-Sagawe ihren Kollegen mit Blick auf Orians und den neben ihm sitzenden Lektor Bernd Henninger. 

Beate Frauenschuh zog nach 12 Stunden auf dem Schiff ein positives Fazit, sprach von einem „richtigen Festivaltag“ und nannte die Veranstaltung ein Pilotprojekt. Trotz der logistischen Herausforderungen wolle die Stadtbücherei im nächstes Jahr wieder mitmachen.

 

 (RNZ vom 4./5. Oktober 2014)