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Interview

Ein Steckbrief für jeden Tumor

Heidelberger Erbgutanalysen sollen Krebsmedizin voranbringen – SAP will krebskranken Mitarbeitern Genanalyse anbieten

An die personalisierte Krebsmedizin werden große Erwartungen gestellt. Für die Patienten ist sie eine große Hoffnung, für die Biotechbranche und die Pharmaindustrie ein wichtiger Wachstumsmotor. Um an der Krebsentstehung beteiligten Genmutationen auf die Spur zu kommen, soll ab 2015 allen Krebspatienten, die jährlich am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg behandelt werden, eine Analyse ihres Erbguts angeboten werden. Der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Krebsforschungszentrums Prof. Dr. Otmar Wiestler spricht über Chancen und Herausforderungen dieses Mammutprojekts.

Herr Professor Wiestler, welche Patienten profitieren schon jetzt spürbar von den neuartigen Therapien?

Alle Krebspatienten, die auf die gezielt wirkenden Krebsmedikamente ansprechen, die bisher auf dem Markt sind. Medikamente wie Herceptin für bestimmte Formen von Brustkrebs, Glivec für Blutkrebs oder Zelboraf für schwarzen Hautkrebs haben eines gemeinsam: Sie packen das Problem gewissermaßen an der Wurzel, denn sie richten sich gezielt gegen bestimmte Veränderungen in den Krebszellen, die für die Entstehung der Krankheit verantwortlich sind. Dagegen wirken Chemotherapie und Bestrahlung gleichermaßen gegen alle Zellen, die sich schnell teilen, mit der Folge, dass auch gesunde Zellen geschädigt werden.

Wie häufig sind Mutationen in Krebszellen und wie können die maßgeblichen Veränderungen ermittelt werden?

Bei erwachsenen Krebspatienten finden wir eine überraschend große Zahl an Erbgutveränderungen in den Krebszellen, die sich im Laufe von Jahrzehnten angesammelt haben müssen. Dafür analysieren wir schon jetzt bei über tausend Patienten pro Jahr das gesamte Erbgut der Krebszellen und vergleichen dieses mit dem Erbgut gesunder Zellen desselben Patienten. Die Kunst ist nun, die für die Krebsentstehung wesentlichen Mutationen herauszufinden. Dazu prüfen wir, ob die veränderten Gene zum Beispiel wachstumsfördernde Funktionen haben.

Geht es darum, die Entstehung der Krankheit zu erforschen, neue Medikamente zu entwickeln oder akut betroffene Patienten zu behandeln?

Es geht um alle drei Aspekte. Wir entdecken bei einzelnen Tumoren immer wieder wachstumsfördernde Veränderungen, die wir bei der jeweiligen  Krebsart noch nicht beobachtet hatten. Insofern gewinnen wir wichtige Erkenntnisse über die Krebsentstehung. Wenn es bereits Wirkstoffe gegen die einzelne Veränderung gibt, können wir dem Patienten konkret helfen. Und wenn sich bestimmte Erbgutveränderungen als häufige Krebstreiber herausstellen, haben wir damit auch eine neue Zielstruktur identifiziert, gegen die spezifische Wirkstoffe entwickelt werden können. Gerade bei der Erforschung bösartiger Hirntumoren bei Kindern haben wir vielversprechende Ansätze gefunden.

Die Ethikkommission des Heidelberger Marsilius Kollegs hat Mustertexte zur Patienteninformation und zur Patienteneinwilligung ausgearbeitet. Welche Fragen tauchen bei der Erbgutanalyse auf?

Bei den umfassenden Untersuchungen können sich auch überraschende Befunde ergeben. So haben zahlreiche Erkrankungen wie z.B. Alzheimer eine erbliche Komponente. Die Patienten werden von Fachleuten ausführlich beraten und können beispielweise bestimmen, dass sie nur über Befunde informiert werden wollen, die mit dem Krebs zu tun haben.

Die genetischen Daten könnten auch für Krankenkassen oder Arbeitgeber interessant sein. Wie lässt sich eine Rückverfolgung auf einzelne Personen verhindern?

Der Datenschutz ist hier ein zentrales Thema. Zwar werden die Daten anonymisiert, doch einen besseren Fingerabdruck als die Erbsubstanz gibt es nicht. Es muss sichergestellt sein, dass der Patient Herr über seine Daten bleibt und dass sie nicht in unbefugte Hände geraten. Dann könnten zum Beispiel in einer elektronischen Patientenakte nicht nur Informationen wie Therapien, Röntgen- und MRT-Aufnahmen, sondern auch die Daten von Erbgutanalysen gespeichert werden. Diesen Datenschutz werden wir selbstverständlich gewährleisten.

Mit den Erbgutanalysen fallen am NCT riesige Datenmengen an. Wie werden sie bewältigt?

Das ist eine große Herausforderung, besonders auch für unsere Infrastruktur. Bisher benötigen wir für komplexe Erbgutanalysen noch vier Wochen. Neue Technologien von SAP könnten die Verarbeitung um den Faktor hundert beschleunigen. Deshalb setzen wir große Hoffnung auf die Zusammenarbeit mit SAP und Molecular Health.

Was sagen Sie dazu, dass die SAP Mitarbeitern, die an Krebs erkrankt sind, Genanalysen anbieten will?

Das ist beispielhaft, wir denken hier am DKFZ über eine ähnliche Initiative nach. Die verwendete Krebssoftware Treatment MAP von Molecular Health analysiert 600 ausgewählte Gene der Genomsequenzdaten in kürzester Zeit und liefert Diagnosen und individuelle Therapievorschläge für den behandelnden Arzt. Parallel wird am DKFZ das komplette Erbgut untersucht. Eine Heidelberger Studie am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) mit 1000 Patienten soll nun den Nachweis der Wirksamkeit liefern und die Kassen überzeugen, die Kosten zu tragen.