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Binnendünen als Kulturlandschaft und Naturerlebnis

 

Die Entdeckungstour mit dem Nabu im Hirschacker führte auch in die Vergangenheit

 

Schwetzingen. Ja, was gibt’s denn da zu sehen? Die Wunder der Binnendünen der Schwetzinger Hardt erschließen sich oft erst beim genauen Hinschauen. Marie jedenfalls hat Spaß an den gut getarnten Heuschrecken, die unmittelbar vor ihren Füßen abspringen, kurz ihre blauen Flügel zeigen und vor der Landung noch schnell einen Haken schlagen, bevor sie wieder mit ihrer Umgebung verschmelzen.

 

Neben der Blauflügeligen Ödlandschrecke gibt es bei der Exkursion mit dem Naturschutzbund (Nabu) im Hirschacker in Schwetzingen noch andere seltene und bedrohte Arten zu entdecken. Zum Beispiel Silbergras, das in versprengten Büscheln unter der sengenden Julisonne glänzt. Unterirdisch bilden die Pflanzen weitverzweigte Wurzelsysteme aus, die um Wasser und Nährstoffe konkurrieren, erläutert Andre Baumann. Der Nabu-Landesvorsitzende deutet auf gelb blühende Pflanzen mit filzig behaarten Blättern und berichtet vom Sandstrohblumeneulchen, einem winzigen Nachtfalter, der auf die Sandstrohblume als Futterpflanze angewiesen sei und hier noch ausreichende Bestände vorfinde.

 

Im Wald deutet Baumann auf einen steilen Abhang und sagt den Teilnehmern, dass sie sich auf einem meterhohen bewaldeten Dünenkamm befinden. „Der Sand ist rund wie das Ikea-Bällebad und lässt sich nicht verdichten“, erklärt er.

 

Baumann, der aus Schwetzingen stammt, interessiert sich auch für die heimische Kulturgeschichte und hat das Stadtarchiv durchforstet. Demnach war der Hirschacker seit dem Mittelalter ein Allmendwald. „So etwas ähnliches wie Harz IV im Mittelalter“, erklärt er. Da der Sandboden als minderwertig galt, wurde der Wald den Schwetzinger Bauern zur Nutzung überlassen. „Die haben dort alles reingetrieben, was vier Beine hat“, so Baumann. Schweine für die Eichelmast, Schafe, Ziegen und Rinder. Als die Bauern später ihr Vieh einstallten, behielten sie das Recht, Streu aus dem Wald zu holen. „Meine Großmutter hat noch mit der Chaise Butzeln gesammelt“, erzählt der Biologe.

 

Damit wurde die Humusbildung verhindert und es entstanden offene parkähnliche Heideflächen mit speziell an die unwirtlichen Standortbedingungen angepassten Arten.

Durch die militärische Nutzung wurde der Bewuchs im 20. Jahrhundert weiter zurückgedrängt. Ab 1936 waren es die Wehrmacht und später die US-Army aus den benachbarten Kasernen, die das inzwischen „Panzerwald“ genannte Gelände bei Truppenübungen großflächig umpflügten.

 

Das hört sich nicht gerade naturverträglich an, doch laut Baumann seien es gerade solche Eingriffe, die einer dynamischen Entwicklung der Natur förderlich seien. „Die Natur auf Null stellen, damit sie sich entwickeln kann“, so nennt er es. Auf dem ehemaligen Truppenübungsgelände hat sich längst Sandrasenvegetation mit seltenen Pflanzen und Insekten breit gemacht.

 

Ein Stück weiter hat sich der karge Boden ein grünes Kleid aus jungen Sandheiden zugelegt. Hier ist sie schon zu erahnen, die parkähnliche lichte Landschaft, die hier nach dem Willen des Nabu nach und nach entstehen soll (siehe anderen Artikel).

Baumann zeigt auf eine kahle Stelle, wo der Nabu-Pflegetrupp die Moosschicht abgetragen hat: „Auch offene Sandflächen sind ein Lebensraum für seltene Arten“, sagt er. Etwa für die in Deutschland nur auf den Binnendünen im Oberrheingraben vorkommende kleine Steppenbiene, die vom Nektar des Sandthymians lebt.

 

Sabine Hebbelmann