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Vogelparadies in Gefahr

Artenreichtum in der Saline Ulcinj hängt an der Salzproduktion - doch die wurde vor ein paar Jahren eingestellt

Der Eingang der Industriebrache ist bewacht, eher widerstrebend wird die Gruppe schließlich hereingelassen — eine Schar Nabu-Mitglieder und Naturbegeisterter aus Heidelberg und Umgebung, die auf einer Reise durch Montenegro hier Halt einlegen.
Die Geschichte der einst bedeutenden örtlichen Salzproduktion erzählen verblichene Informationstafeln, die zugleich bezeugen, dass Besucher hier einmal willkommen waren. Doch von den auf dem Lageplan eingezeichneten Souvenirläden, dem Salinenmuseum und den Beobachtungstürmen ist keine Spur mehr zu sehen. Stattdessen wirkt die Anlage heruntergekommen. Ein stählernes Monstrum, das einst Meerwasser in die Becken pumpte, rostet vor sich hin. Ebenso eine Kleinbahn, mit der die Salzernte von den Feldern zur inzwischen maroden Lagerhalle transportiert wurde.
Die Besucher stört der Verfall wenig, fasziniert richten sie Kamera, Spektiv und Teleobjektiv auf das Objekt der Begierde: Watvögel, die in gebührender Entfernung auf der Suche nach Nahrung durch das seichte Brackwasser stelzen. Die Beobachtung in Deutschland seltener oder gänzlich fehlender Vögel löst Begeisterung aus und selbst erprobte Amateurornithologen holen sicherheitshalber das Bestimmungsbuch aus dem Rucksack.
Die Rotflügel-Brachschwalbe ist an den rostbraunen Unterflügeldecken auch auf die Ferne gut zu erkennen. Pfeilschnell jagt die Zwergseeschwalbe, die hierzulande als vom Aussterben bedroht gilt, durch die Luft und gibt dem Autofokus kaum eine Chance hinterherzukommen. Gänzlich unbeweglich hockt dagegen ein Triel auf einem Pfosten. Den finster wirkenden Blick nimmt ihm keiner übel, dieser Vogel schaut nun mal so.
Ein Stelzenläufer stakt mit langen Beinen durch das Feuchtgebiet und mangels Röhricht ist auch der Drosselrohrsänger ausnahmsweise gut zu beobachten. Ein Seidenreiher hebt sich majestätisch in die Lüfte und Bienenfresser putzen ihr Gefieder auf einer Stromleitung. Schließlich geraten die „Ornis“ beim Anblick eines Trupps Rosenstare erneut in Verzückung.
Der Artenreichtum verdankt sich einer Industrieanlage, die 1934 in Betrieb ging. Ingenieure teilten den flachen See in der Nähe der Küste durch Dämme in zahlreiche zusammenhängende Becken auf, durch die Meerwasser geleitet wurde. Auf dem langen Weg zum Kristallisationsbecken wurde das Salzwasser durch Verdunstung konzentriert. Bis zu 30 000 Tonnen Meersalz luden die Arbeiter jedes Jahr auf die Waggons.
Mit dem Wasser der Adria wurden auch viele kleine Organismen in die Saline gepumpt, die hier optimale Bedingungen zur Vermehrung vorfanden und so den Vögeln einen reich gedeckten Tisch boten. Die Anlage entwickelte sich zu einem Naturparadies und wurde 2004 unter Naturschutz gestellt.
Doch die 15 000 Quadratmeter direkt an der Küste unweit des längsten Sandstrandes Montenegros sind nicht nur für Vögel ein interessantes Quartier. Nach der Privatisierung des Staatsbetriebs im Jahr 2005 (siehe Beitrag von Spiegel online “Außen öko, innen korrupt“ vom 7.7.2018) wurde nicht mehr in die Saline investiert.
Der neue Besitzer Eurofins hatte offenbar andere Pläne. 2013 stellte er die Salzproduktion ein, das Grundstück war zuvor als wertvolles Bauland umgewidmet worden. Nun soll es als Touristenressort vermarktet werden.
Schon jetzt hat das Ende der Salzproduktion Auswirkungen auf salzliebende Vögel wie den Rosaflamingo. Denn Süßwasser flutet im Frühjahr die Anlage und im Sommer trocknen die Becken aus.Auch die EU-Kommission fordert seit Jahren den Beitritts-Kandidaten Montenegro dazu auf, Maßnahmen zum Schutz der Saline zu ergreifen. Doch geschehen ist bisher nichts.
Armin Konrad, Vorstand des NABU Heidelberg und Mitglied der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft (OAG) Rhein-Neckar, stellt nach der Besichtigung fest:
„Obwohl wir nur wenig Zeit hatten, die Saline bei Ulcinj zu besuchen, war offensichtlich: Dieser Ort ist immer noch von großer Bedeutung für die Vogelwelt Montenegros und ein wichtiger Bestandteil der europäischen Feuchtgebiet-Ökosysteme. Aber das Gebiet ist in einem Prozess der Verschlechterung und in großer Gefahr, wenn die traditionelle Salzproduktion hier nicht wieder aufgenommen wird. Es ist eine Schande, dass diese Saline, Heimat von mehr als 250 Vogelarten und eines der bedeutendsten adriatischen Rastgebiete für zehntausende ziehender Wasservögel, noch immer nicht zu einem Schutzgebiet mit geeignetem Management erklärt wurde. Es bleibt zu hoffen, dass sich dies noch rechtzeitig ändert und die Saline von Ulcinj zu einem Bestandteil des europäischen Natura 2000 Netzwerkes wird.“

Die Naturschutzorganisationen EuroNatur, BirdLife, CZIP und MSJA haben eine Petition gestartet, die zum Ziel hat, die Saline unter Schutz zu stellen. Die Organisationen fordern von Premierminister Duško Marković unter anderem, dass die Salzproduktion in der Saline wieder aufgenommen wird und dass der Salzgarten im Besitz des montenegrinischen Volkes bleibt.

Text und Foto: Sabine Hebbelmann
09. 07. 2018