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"Wir bringen die Dinge nicht mehr zusammen"

Maria Heubuch fordert eine Neuausrichtung der europäischen Agrarpolitik

Ob Streit um Glyphosat, Insektensterben oder überhöhte Nitratwerte im Grundwasser - über mangelnde Aufmerksamkeit kann sich die Landwirtschaft aktuell nicht beschweren. Dabei werden die Debatten zum Teil recht hitzig geführt. Während die einen sich und die Umwelt vergiftet sehen, fühlen sich die anderen zu Unrecht an den Pranger gestellt. Zur Versachlichung der Debatte trug eine Veranstaltung des Grünen Kreisverbands Odenwald-Kraichgau in Sinsheim mit der Europaabgeordneten Maria Heubuch bei.
Heubuch war 16 Jahre Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), die bäuerlich wirtschaftende und ökologische Betriebe vertritt. Im EU-Parlament setzt sie sich für eine Neuausrichtung der gemeinsamen europäischen Agrarpolitik (GAP) ein, die aktuell für die Jahre 2021 bis 2027 neu verhandelt wird.

„Wir müssen wegkommen von der Weltmarktorientierung und die regionalen Märkte stärken“, sagte die Agrarexpertin. Landwirte stünden unter hohem Druck das Maximale aus Tier oder Boden herauszuholen. „Eine Spirale aus mehr Kosten, mehr Arbeit, mehr Verantwortung und mehr Risiko - nur um den Betrieb über Wasser zu halten“, sagte Heubuch, deren Familie einen Milchviehbetrieb im Allgäu bewirtschaftet. Das habe auch Auswirkungen auf Umwelt, Boden, Grundwasser und Biodiversität. Artenverlust aber sei ein Verlust an Lebensgrundlagen und nicht zuletzt ein Verlust auf dem Teller.

Agrarförderung mit der Gießkanne

Tatsächlich aber seien die bisherigen Reformvorschläge der EU-Kommission wenig zielführend.  Die wenigen Umweltauflagen (Greening), die es bei der Direktförderung gibt, sollen gestrichen werden. „Als Ersatz will die Kommission ein Menü anbieten, von dem die einzelnen Nationen sich was herauspicken können“, berichtete Heubuch und sah die Gefahr eines Wettlaufs nach unten.
Dass EU-Agrarkommissar Hogen von der Vergemeinschaftung weg und zurück zu nationaler Agrarpolitik wolle bezeichnete sie als „ganz großen Rückschritt“. „Wir werden ganz unterschiedliche Vorgaben auf dem gemeinsamen Markt haben.“
Haushaltskommissar Oettinger wolle die Direktförderung, die „mit der Gießkanne gleichmäßig über die Hektare gegossen wird“, nur um vier Prozent kürzen, dafür aber 25 Prozent bei der Zweiten Säule, der Entwicklung des ländlichen Raums, streichen. In Baden-Württemberg gehörten dazu Programme zur Förderung von Streuobstwiesen und Ökolandbau sowie von Investitionen in tiergerechte Ställe.

„Auch der Wissenschaftliche Beirat sagt: Die Gießkanne ist nicht effektiv, so dürfen wir mit Agrargeldern nicht umgehen, doch Umweltministerin Klöckner versucht, das von ihrem Haus in Auftrag gegebene Gutachten in der Schublade verschwinden zu lassen“, so Heubuch.
Mit der Grünen/EFA-Fraktion im Europaparlament fordere sie dagegen eine höhere Umverteilung der Direktzahlungen „auf die ersten Hektare“ und somit an kleine Betriebe. Gefördert werden sollten außerdem Tierwohl, Ökolandbau sowie Umwelt- und Naturschutz.

Lebhafte Diskussion

„Ich fand es sehr schön dargestellt wie es in der EU läuft“, sagte ein Bauer bei der anschließenden lebhaften Diskussion. Es habe schon ein Umdenken stattgefunden. „Wir sollten der Landwirtschaft die Zeit geben, Erfahrungen zu sammeln.“

Ein anderer kritisierte den Begriff ‚Massentierhaltung‘, da er sich pauschal abgestempelt fühlt. Heubuch entgegnete, in Brandenburg gebe es Ställe mit 20 000 Schweinen. „Das ist Massentierhaltung, wir müssen es beim Namen nennen.“ Häufig stünden Investoren dahinter, nicht mehr Familienbetriebe. Und die bäuerlichen Betriebe müssten genau mit diesen Riesenställen konkurrieren. Energisch schickt sie hinterher: „Was ich noch nie begriffen habe: Warum stellt sich Jemand, der 1000 Schweine mästet, vor so einen Stall?  Sie ziehen sich einen Schuh an der nicht Ihrer ist.“

In der Diskussion ging es auch um den Einfluss des Bauernverbandes. „Wen genau vertritt er? Alle, oder nur die konventionellen Bauern?“, fragte eine Teilnehmerin. Der Bauernverband sei als Einheitsverband zur Sicherstellung der Ernährung nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet worden und nicht als Interessenvertretung der Landwirte, betonte Heubuch und ergänzte: „Es sind Verarbeiter wie der Milchindustrieverband und viele andere Verbände mit drin, das ist ein ganz großes strukturelles Problem. Wir hätten gern, dass wir uns in der Lieferkette besser organisieren könnten.“

In der Ausbildung müsse noch viel passieren, betonte sie. Da würden Materialien von Bayer und BASF eingesetzt, Ökolandbau aber stehe in Baden-Württemberg nicht auf dem Lehrplan. „Warum wird nicht beides nebeneinander gelernt, dann sind Sie ausgebildet und wissen was Sie mit Ihrem Betrieb machen wollen.“

Landwirtschaftspolitik in der Kritik

„Dreißig Jahre Fehlberatung, dreißig Jahre fehlgeleitete Landwirtschaftspolitik“, wetterte ein Demeter-Landwirt. Der Lebensmittelmarkt sei überversorgt, die Genossenschaftsmolkereien hätten vor zehn oder 15 Jahren die Produktion bremsen müssen.

„Ein Kilo Schnitzel für 3,99 Euro, der Sau kann’s nicht gut gegangen sein“, bestätigte Heubuch und bemerkte: „Nirgends sind Lebensmittel so billig wie in Deutschland.“ Das sei die Weltmarktstrategie und politisch gewollt. Es gehe um Marktanteile.

„Kleine Betriebe können da nicht mithalten, geschweige denn, in Tierwohl investieren“, beklagte Heubuch. Dass die Selbstmordrate unter Landwirten so hoch sei bedrücke sie.
„Der Beruf Bauer beziehungsweise Bäuerin ist eine Lebenshaltung, da steht man mit der Familie drin. Das ist ein Teil des eigenen Lebens, ein Stück weit Berufung.“

Und dann rückte sie die Perspektiven zurecht: „Was interessiert mich der Weltmarkt wenn ich nichts davon habe? Das Milchgeld muss stimmen, dann komme ich mit unseren 50 Kühen zurecht.“

Freihandelsabkommen gingen zu Lasten der bäuerlichen Landwirtschaft. „Kanada, Neuseeland, Australien, Japan - die können’s billiger.“ Im globalen Handel können wir nirgends die Kreisläufe schließen und sollen nebenbei noch Umwelt- und Naturschutzziele erfüllen. Wir bringen die Dinge nicht mehr zusammen.“

Mehr regionale Vermarktung!

Eine massive Entfremdung zwischen Konsument und Erzeuger stellte ein Mitglied des Kreisverbandes fest. „Das werden Feindbilder aufgebaut.“ Bei verarbeiteten Produkten im Supermarkt wüssten die Verbraucher oft nicht mehr was drin ist - und viele wüssten mit Rohprodukten nicht mehr viel anzufangen.

Ein Milchbauer aus dem Kleinen Odenwald bezeichnete sich als Pionier beim Glyphosat und beklagte, die regionale Vermarktung der Biomilch funktioniere nicht. Mehr regionale Vermarktung wünschte sich auch eine Konsumentin. Die Bauern sollten den Markt selber in die Hand nehmen, zum Beispiel mit regionalen Käsereien.. „Ich bin mir sicher dass die Nachfrage da ist.“

Heubuch riet dazu, vorhandene Förderprogramme in Anspruch zu nehmen und eine Marke aus der Region zu kreieren - so etwas wie Kraichgaukorn.

Streitthema Glyphosat

Ein konventioneller Landwirt sah sich durch Grüne und Umweltschützer zu Unrecht an den Pranger gestellt und verteidigte den gezielten Einsatz von Glyphosat. „Wir haben im Kraichgau fruchtbare lebendige Böden, unsere Regenwürmer sind super.“ Weil der Lößboden erosionsgefährdet sei sollte er aber nicht gepflügt werden.
Laut Heubuch gebe es Methoden der konservierenden Bodenbearbeitung die ohne Glyphosat auskommen, zum Beispiel Mulchsaat. Neue Verfahren und Hackmaschinen würden entwickelt. „Mein Interesse ist, dass wir gemeinsam Lösungen finden.“

Die Leute seien informiert. Das was die Politik versäume werde der Markt regeln. „Wir sollten darauf vorbereitet sein“, sagte die Bäuerin.
Die Demonstranten auf den „Wir haben es satt Demos“, das seien genau die Leute, die regionale Abo-Kisten bestellen und auch bereit seien, mehr für die Produkte zu zahlen, betonte sie.
„Und es werden immer mehr Landwirte, die bei den Demos dabei sind.“

Foto: pixabay / hpgruesen