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Schrom über die "Öko-Enzyklika"

Viel Lob für den Papst, aber auch offene Fragen

Das evangelische Diskussionsforum Punktsieben setzte sich mit „Öko-Enzyklika“ auseinander

Walldorf. Das Walldorfer Diskussionsforum Punktsieben der evangelischen Kirchengemeinde war ausnahmsweise ökumenisch angelegt. Der Grund: Es ging um den Papst und seine Enzyklika Laudato Si'.

Als brandaktuell bezeichnete Pfarrerin Marina von Ameln das Thema. Sie begrüßte als Referenten den Journalisten und Theologen Michael Schrom, der das Ressort Religion und Kirchen bei der Zeitschrift Forum Publik leitet.

Schrom begann mit den sehr unterschiedlichen Reaktionen, die Papst Franziskus hervorgerufen hat und stellte die Enzyklika dann in wesentlichen Aussagen vor. Der argentinische Papst habe einen starken Text verfasst, der die Erde als gemeinsames Haus und Leihgabe Gottes an alle Menschen beschreibt und dabei konsequent die Perspektive "des Südens" einnimmt. Dabei habe Franziskus viel Mut gegenüber einflussreichen Lobbyisten bewiesen.

Der Theologe sieht die Brisanz der Enzyklika in der Verknüpfung von Umweltschutz und Gerechtigkeit sowie in der Unterordnung des Privateigentums unter das Gemeinwohl. Die schlichte Aussage: „Gott hat die Welt für alle erschaffen“, bekommt in diesem Zusammenhang ein ganz neues Gewicht. Den Zugang zu sicherem Trinkwasser nenne der Papst als ein grundlegendes Menschenrecht und wende sich damit gegen Bestrebungen zur Privatisierung.

Aus der bisherigen Sicht der katholischen Kirche habe die Bekämpfung der Armut Priorität - Klimaschutz werde eher als Luxus angesehen. Dagegen habe der Papst vor der UN-Klimaschutzkonferenz im November in Paris den Klimaschutz ganz oben auf die Agenda gestellt.

„Die Verknüpfung mit der Gerechtigkeitsfrage bringt Klimaleugner auf die Barrikaden“, weiß Schrom. Entsprechend heftig seien die Reaktionen zu „Laudato Si’“ ausgefallen, vor allem in den USA, wo viele Konservative bestritten, dass die Erderwärmung durch menschliches Verhalten ausgelöst werde. „Franziskus wurde vorgehalten, er würde sich auf fragliche wissenschaftliche Ergebnisse stützen“, so Schrom. So habe der konservative Präsidentschaftskandidat Rick Santorum den Papst dazu aufgerufen, "die Wissenschaft den Wissenschaftlern zu überlassen".

Doch der Papst habe für seine „Öko-Enzyklika“ auch viel Lob bekommen, unter anderem von US-Präsident Barack Obama, UN-Generalsekretär Ban Ki-moon, Globalisierungskritikern und den Grünen. „Die haben fünf Zitate auf ihrer Homepage veröffentlicht, die zeigen sollen, dass der Papst ein Grüner ist“, so Schrom. Dabei hätten die Grünen wiederholt die Erfahrung machen müssen, dass demokratische Wahlen mit Forderungen nach Verzicht nicht zu gewinnen sind.
Sein eigenes Urteil: „Die Enzyklika ist ein großer Wurf, der es verdient, weiterentwickelt zu werden. Wir können nicht einfach sagen: weiter so! Wir müssen uns Gedanken machen.“

Doch der Journalist und Theologe sieht auch noch Fragen offen: Ist es sinnvoll eine Rezession zu fordern? Und was sagt der Papst zur Überbevölkerung?
„Konfrontatorin“ Silke Willinger von der Seelsorgeeinheit Walldorf-St.Leon-Rot wollte wissen: Was sagt die Deutsche Bischofskonferenz zu Franziskus’ Kapitalismus- und Fortschrittskritik?
Bei den großen Wissenschaftsmagazinen Science und Nature sei die Enzyklika Kommentarthema gewesen, doch kein Bischof habe sie aufgegriffen, berichtete Schrom. Johannes Franzkowski kritisierte, der Papst erwähne die Frage des Bevölkerungswachstums nur, um den Zusammenhang mit der Armut zu leugnen. Damit habe er eine einmalige Chance verpasst, die bisherige Haltung der katholischen Kirche zum Thema Familienplanung zu korrigieren. „Hier drückt er sich“, glaubte Schrom. Er hoffe, dass das in der Familiensynode nachgeholt werde.

Mathias Pütz sorgte sich, dass der Papst mit seinen provokanten Thesen „übers Ziel hinausschießt“. Demgegenüber verteidigte Schrom die erfrischende und pointierte Sprache. Mit Zuspitzungen wie „diese Wirtschaft tötet“ finde er in der Mediengesellschaft Gehör und rege zu Diskussionen an.
In der weiteren Diskussion ging es um Klimaschutz innerhalb der Kirche, um Wirtschaftswachstum versus Konsumverzicht und um das Dilemma, dass die Industrienationen, die mit ihrem Lebensstil die Ressourcen der Erde zu Lasten der ärmeren Länder ausbeuteten, diesen nicht verwehren könnten, sich in die gleiche Richtung zu entwickeln.