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Vanessa muss zurück ins Heim: eine Doku über familiäres Scheitern

Das Geschwisterglück währte nur zwei Jahre: Szene aus "Kurzzeitschwester" von Philipp Lippert. (Foto: Philipp Lippert / DRIVE beta GmbH)

Zwei Jahre lang hatte der damals fünfjährige Philipp eine Schwester. Die beiden waren unzertrennlich, doch plötzlich war sie weg. Seine Schwester Vanessa war ein Pflegekind. Da ihre leiblichen Eltern sich nicht um sie kümmern konnten, nahmen Philipps Eltern sie mit vier Jahren zu sich auf. So wurde Vanessa Teil der Familie, allerdings nur für eine kurze Zeit. Nach zweieinhalb Jahren brachten die Eltern sie zurück ins Pflegeheim.

Von der Suche nach seiner verlorenen Schwester handelt die dreiteilige Dokuserie Kurzzeitschwester von Philipp Lippert, der darin seine ganz persönliche Geschichte erzählt. Dabei versucht der 24-Järhige zu verstehen, warum seine Eltern Vanessa damals wieder zurück ins Heim gebracht haben. Es sind drei bewegende Folgen, die sehr viel mehr als nur eine Familiengeschichte erzählen. Es geht um Traumata, Schuldgefühle, Erwartungshaltungen und dem wohl größten Problem in vielen Familienkonflikten: das Schweigen.


Was Kurzzeitschwester so besonders macht, ist seine Authentizität. Es ist der Sohn, Enkel und Bruder, der in den Interviews die kritischen Fragen stellt. So erfährt man von Philipps Mutter Heike, dass sie schon immer von vielen Kindern träumte, dieser Traum aber jahrelang durch mehrere Fehlgeburten nicht wahr wurde. Sie erzählt, wie sie selbst als Kind das Gefühl hatte, von ihren Eltern nicht angenommen zu werden. Man lernt Philipps Vater Reinhard kennen, der schon als junges Kind auf sich allein gestellt war und sich deshalb nie ganz in seiner Rolle als Vater und Hausmann wohlfühlte. Und dann sind da noch Philipps Großeltern, die sich bis heute Vorwürfe machen, dass sie damals das Schweigen nicht gebrochen haben.


Die Doku erzählt von den Problemen, die das Modell Kernfamilie mit sich bringt, wenn alle Last der Erziehung an der Mutter hängt

Die Dokumentation zoomt ganz nah ran, geht an Orte der gemeinsamen Vergangenheit der Geschwister, zeigt Familienfotos und Videos aus Philipps Kindheit. Dabei blickt sie in intimen Interviews tief in die Geschehnisse von damals, welche die Familienmitglieder bis heute prägen. "Die Heike hat als Erzieherin versagt", hört man etwa den Opa sagen, als er davon erzählt, wie Philipps Mutter überfordert war mit der Situation und ihren Frust an Pflegetochter Vanessa ausließ. Sie hat sich alleingelassen gefühlt, sagt sie heute, war Mutter und Vater zugleich, da ihr Mann sich aus Haushalt und Familie möglichst raushielt. So erzählt Kurzzeitschwester auch viel über Geschlechterrollen und die Probleme, die das Modell Kernfamilie mit sich bringt, wenn alle Last der Erziehung an der Mutter hängt. "Ich bin einfach an meine Grenzen gestoßen", sagt Heike mit Tränen in den Augen, als sie von dieser Zeit erzählt.


Doch die Serie schließt auch Frieden mit der Vergangenheit. So kommt es zu einem Wiedersehen mit der heute 21-jährigen Vanessa. Schwester und Bruder treffen nach siebzehn Jahren wieder aufeinander. Und auch Eltern, Großeltern und Vanessa lernen sich nach jahrelangem Schweigen kennen. Mit der Begegnung kann sich die Familie von alten Schuldgefühlen befreien. Doch sie löst auch neue Gewissensbisse aus. Die Familie fragt sich, warum es erst so spät zu einem Wiedersehen kam. Als Zuschauerin nimmt man Teil an diesen Familiendynamiken, taucht tief in diese ein. Am Ende ist man bewegt von dieser Geschichte und von der heilenden Wirkung, die die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit haben kann.

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