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Auf der Rattenlinie

(Foto: Sava Hlavacek/SRF)

Schweiz, Sommer 1945: Der Krieg ist vorbei, Erleichterung liegt über dem Land. Die Alliierten haben die Macht in Deutschland übernommen. Die Schweiz ist weitgehend unversehrt, nur die Wirtschaft leidet an den Folgen des Zweiten Weltkriegs. In dieser Zeit spielt die sechsteilige Miniserie Frieden von Michael Schaerer und Petra Volpe. Eine beeindruckende, spannende Serie, die einen kritischen und genauen Blick auf die Schweizer Nachkriegszeit wirft.

Nach dem Krieg verlief in der Schweiz eine sogenannte Rattenlinie, eine Fluchtroute der Nazis, um den Alliierten zu entkommen. Gleichzeitig wurden 370 Kinder und Jugendliche aus dem KZ Buchenwald in ein Schweizer Flüchtlingsheim aufgenommen. Täter und Opfer waren also im selben Land. Von diesen komplexen, historischen Realitäten erzählt Frieden in fein herausgearbeiteten Dialogen, ohne erklärend zu wirken. Im Mittelpunkt stehen dabei die Geschichten der Familie Leutenegger sowie des Familienbetriebs der Frey AG Tuchfabrik. Johann Leutenegger heiratet die Tochter des Fabrikbesitzers, Klara Frey, und soll die Firma weiterführen.


Die Spannung entfaltet sich langsam, die Serie nimmt sich Zeit für die Geschichte der Figuren. Zentral ist dabei die Frage der Schuld und Verantwortung. Frieden stellt das Bild der Schweiz als neutrale Insel innerhalb Europas infrage. So hilft der Wirtschaftsanwalt des Familienbetriebs, wohlhabenden Nazis ihr geraubtes Vermögen unbemerkt zu verstecken. Klaras Vater hilft dem Anwalt dabei, die Firma ist ihm wichtiger als sein Gewissen.

"Sie empfinden uns als Bedrohung. Uns!"

Klara arbeitet im Flüchtlingsheim, wird dort mit den Geschichten der Holocaust-Überlebenden konfrontiert und kann nicht fassen, wie gleichgültig diesen Schicksalen begegnet wird. Dann ist da noch Johanns Bruder, Egon Leutenegger, der zusammen mit einer amerikanischen Journalistin versucht, fliehenden Nazis auf die Spur zu kommen. Sie alle haben eine Haltung zu den grauenhaften Geschehnissen im Nachbarland, was die ambivalenten, aber auch problematischen Einstellungen der Zeit offenbart.


Die Schweiz wirkt dabei mit ihren Bergen, Seen und den wunderschönen Landschaften wie das ultimative Idyll. Die Kamera (Christian Marohl) spielt elegant mit dem Sonnenlicht, lässt die Figuren in einer weich gezeichneten Optik strahlen. Doch diese umwerfenden Bilder beschönigen nicht, was sie erzählen.


In einer Szene versucht einer der KZ-Überlebenden, eine Lehrstelle in einer Schreinerei zu bekommen. Er wird abgelehnt, weil der Chef Antisemit ist. Danach schreit er Klara an: "Die wollten uns auslöschen und jetzt wollen sie uns kleinmachen. Sie empfinden uns als Bedrohung." Er zeigt auf seinen mit zerfledderten Klamotten bedeckten, mageren Körper und sagt ungläubig: "Uns." Es gibt viele solche bewegenden Momente in dieser Serie. Momente, die eine Geschichte zum Leben erwecken, die in der gängigen Erinnerung an die Nachkriegszeit wenig präsent sind. Deshalb ist Frieden absolut sehenswert.

Frieden, in der Arte-Mediathek und Folge 4 bis 6 am 1. April bei Arte. Zum Original