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Feature

Nationalbibliothek Israels: Die "jüdisch-deutsche Symphonie" zwischen Widerhall und Neuaufnahme

SWR 2 "Literaturen", 29.9.2015. - Gershom Sholem: „Gewiss, die Juden haben ein Gespräch mit den Deutschen versucht, von allen möglichen Gesichtspunkten und Standorten her, fordernd, flehend und beschwörend, kriecherisch und auftrotzend, in allen Tonarten ergreifender Würde und gottverlassener Würdelosigkeit, und es mag heute, wo die Symphonie aus ist, an der Zeit sein, ihre Motive zu studieren und eine Kritik ihrer Töne zu versuchen. Niemand, auch wer die Hoffnungslosigkeit dieses Schreis ins Leere von jeher begriffen hat, wird dessen leidenschaftliche Intensität und die Töne der Hoffnung und der Trauer, die in ihm mitgeschwungen haben, geringschätzen. (...) Niemals hat etwas diesem Schrei erwidert, und es war diese einfache und ach, so weitreichende Wahrnehmung, die so viele von uns in unserer Jugend betroffen und uns bestimmt hat, von der Illusion eines Deutschjudentums abzulassen.“

Autorin: Auf den Rasenflächen des weitläufigen Campus der Hebräischen Universität im Jerusalemer Viertel Givat Ram haben Studenten Decken und Jacken ausgebreitet, um sich darauf niederzulassen. Manche lesen, andere unterhalten sich, einige schlafen. In ihrem Rücken, nur wenige Schritte entfernt, rahmen Ficus-Bäume und Pinien die breit ausladende, schnörkellose Fassade der Nationalbibliothek Israels.

O-Ton 1/ Litt: „Ich hab’ hier mal ein paar Sachen mitgebracht.“

Autorin: Stefan Litt ist Archivar an der Nationalbibliothek Israels.

O-Ton1a/ Litt: „Zum Beispiel / Buber / ist ja sehr bekannt in Deutschland für seine Übersetzung der Bibel, der hebräischen, ins Deutsche. (...) Hier haben wir eine Handschrift von Buber, die erste Seite des Alten Testaments, der hebräischen Bibel, Genesis, schreibt er hier in seiner zusammen mit Franz Rosenzweig entwickelten besonderen Sprache für diese Bibelübersetzung, die weitestgehend den hebräischen Sprachduktus bewahren wollte.“

Zitator/ Übersetzungsentwurf von Buber:
Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde.
Die Erde aber war Wirrnis und Öde,
und Finsternis auf dem Abgrund.
Und Gottes Geist brütete auf den Wassern.

O-Ton 2/ Litt: „Das ist jetzt nicht die einzige Handschrift. Es gibt mehrere, wahrscheinlich sind das verschiedene Stufen hin zum druckfertigen Text. (...) Hier sieht man auf diesem Blatt sehr schön den Prozess der Arbeit am Text. Streichungen, Varianten, die man drüber schreibt, komplett neue Sätze, die hier eingeschoben werden. Hier hat Buber wirklich gekämpft und gearbeitet mit diesem Text und das ist das Faszinierende an solchen Sachen.“

Autorin: Das Archiv der Nationalbibliothek Israels hütet den Nachlass des 1878 in Wien geborenen Religionsphilosophen Martin Buber. Es ist einer der am meisten nachgefragten Nachlässe des Archivs. Auch die Nachlässe des 1897 in Berlin geborenen Religionshistorikers Gershom Sholem, des in Galizien geborenen und zwölf Jahre in Berlin und Bad Homburg ansässigen israelischen Literaturnobelpreisträgers Shay Agnon und der im rheinländischen Elberfeld geborenen Dichterin Else Lasker-Schüler haben ihren Ort in der Nationalbibliothek Israels gefunden. Durch diese Nachlässe wird die Nationalbibliothek zum Resonanzraum der längst verklungenen deutsch-jüdischen Symphonie. Hier klingt sie nach. Hier wird sie neu aufgenommen. Hier wird sie fortgeschrieben.

O-Ton 3/ Rafi Weiser/ VO: „Ich bin der Sohn einer Mutter, die im August 1935 innerhalb einer halben Stunde aus Deutschland floh, aus Breslau, zusammen mit ihren Eltern.“

Autorin: Rafi Weiser ist 71. Fast 20 Jahre lang hat er die Handschriftenabteilung und das Archiv der Nationalbibliothek geleitet. Sein Leben verdankt er der Geistesgegenwart seiner Großeltern, die in Breslau Ländereien und eine beliebte Konditorei mit Cafébetrieb besaßen. Als sie gezwungen wurden, einen Teil ihres Besitzes zu verkaufen und am nächsten Morgen um fünf Uhr Leute an ihre Tür klopften, die das Bargeld beschlagnahmen wollten, das sie bei dem Zwangsverkauf eingenommen hatten, gelang es ihnen, die Eindringlinge abzuschütteln:

O-Ton 4/ Rafi Weiser: „Meine Großmutter öffnete die Tür und entgegnete ihnen: „Jetzt kommt ihr? Um fünf Uhr morgens? Ihr müsst kommen, wenn die Banken auf haben.“ Darauf haben sie sich eingelassen. Meine Großmutter schloss die Tür und sagte, „Wir verlassen Breslau. Jetzt sofort.“ Mein Großvater, der im Ersten Weltkrieg Feldwebel und ein dekorierter Kriegsheld gewesen war, sagte: „Jeder von uns verlässt die Wohnung einzeln und zu unterschiedlichen Zeiten mit einer kleinen Tasche“. Sie trafen sich an einem weit entfernten Bahnhof der Stadt und waren kurze Zeit später in Tschechien. (...) Die Familie meiner Mutter war seit den 1750er Jahren in der Breslauer Gegend zu Hause (11’50’’), eine sehr alte jüdisch-deutsche Familie. So haben sie Breslau innerhalb einer halben Stunde verlassen. Meine Mutter ist nie mehr nach Deutschland zurückgekehrt. Das war’s.“

Autorin 5: Weisers Mutter war damals 22. Und traf in Prag den Mann wieder, der Rafi Weisers Vater werden sollte. Sie kannte ihn aus Breslau, wo er das Rabbinerseminar besucht hatte. Die beiden heirateten. Über Ungarn wanderten sie dann wenige Monate später nach Palästina aus:

O-Ton 5/ Rafi Weiser/ VO Wolfgang Condrus: „Im Sommer 1936 kamen sie in Haifa an. An einem vom trockenen Wüstenwind Chamßin aufgeheizten Tag. Sie blieben ein paar Monate dort und zogen dann weiter nach Ramat Gan ins Borochov-Viertel, das später ein Teil von Givatayim wurde. Meine Großeltern, die Eltern meiner Mutter, sind mit ihnen nach Palästina gekommen. Ihr Bruder kam ein bisschen später nach. Einer Schwester meiner Mutter ist es gelungen, noch 1939 mit einem der letzten Schiffe nach Palästina zu kommen. Aber eine Schwester meiner Mutter blieb mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Breslau und wurde - wie alle Juden Breslaus - 1942 dorthin geschickt, wo man die Juden damals hinschickte.“ (1’01’’-2’03’’)

Atmo 3: Nationalbibliothek Türquietschen und Dialog zwischen Weiser und Weiser (bei 20’34’’ – 20’47’’/ 5’00’’ im Weiser-Track)

Autorin 6: Heute verwaltet Rafi Weiser zwei besonders kostbare Bestände des Archivs der israelischen Nationalbibliothek: den Nachlass von Literaturnobelpreisträger Shmuel Yossef Agnon und seit 2006 auch den Nachlass von Else Lasker-Schüler:

O-Ton 6/ Rafi Weiser/ VO Wolfgang Condrus: „Ich habe mich mit Shay Agnon beschäftigt und angefangen, mit seinem Nachlass zu arbeiten. Viele seiner Erzählungen haben einen deutschen Hintergrund, das hat mich wieder zum Thema Deutschland zurückgeführt. (21’20’’) Es gibt einen Agnon vor Deutschland und einen Agnon nach Deutschland. Agnon hat in Deutschland geheiratet, eine Frau aus Königsberg. Die Einflüsse, die er in Deutschland aufgenommen hat, sind sehr tief in sein Schaffen eingedrungen. Jetzt übersetzt zum Beispiel gerade jemand eine Erzählung von Agnon, deren hebräischer Titel „Unter unseren Jugendlichen und Alten“ lautet und auf den deutschen Ausdruck „Mit Kind und Kegel“ anspielt. Und dort gibt es eine Protagonistin, die Oberschenkel heißt. Das ist so ein „Frauenzimmer“. Wenn Du im Englischen Oberschenkel schreibst, wird der Leser in New York oder London die Satire nicht verstehen. Aber der Leser in Deutschland versteht sofort. (Lachen in der Stimme). Bei Agnon ist die deutsche Kultur sehr präsent. Es geht viel um die deutschen Juden...“

Autorin 7: In den 1950er Jahren galt Shay Agnon als größter Schriftsteller Israels. 1966 erhielt er zusammen mit Nelly Sachs den Nobelpreis für Literatur. Sein Werk wurde von Literaturwissenschaftlern bis in die feinsten Verästelungen ausgeleuchtet, Generationen von israelischen Schriftstellern orientierten sich an ihm:

O-Ton 7/ Rafi Weiser/ VO Wolfgang Condrus: „Hier in Israel hat man versucht, Agnon zu imitieren. (...) Die Literatur von Agnon hat einen großen Schatten auf sehr viele Schriftsteller geworfen, bis sie sich von ihm befreit haben. (25’20’’) Er ist ein Meister und er beeinflusst die Schriftsteller in Israel sehr. Bis heute. Wobei ein Teil der jungen Schriftsteller in Israel ihn vermutlich gar nicht mehr verstehen. Religiöse Leser allerdings, die sich intensiv mit Textstudien beschäftigen, finden leichter Zugang. Oft ist die Handlung sehr einfach, aber wenn man dann genauer hinsieht und tiefer eindringt, dann tun sich Welten auf. Und viele Referenzen. Bei Agnon ist nichts zufällig.“

Autorin 8: Agnon war Teil der jüdisch-deutschen Symphonie. Seine intensive Rezeption in Israel ist eine der vielen Stimmlinien, in denen sie widerhallt und auf immer neue Weise aufgenommen und fortgeschrieben wird.

In Israel waren sich die aus dem deutschsprachigen Raum Ausgewanderten, die der Verfolgung und der Vernichtung Entkommenen, die Überlebenden der Shoah gegenseitig ein Resonanzraum für das, was sie mit der deutschen Sprache und Kultur verband. Der Schriftsteller Aharon Appelfeld erinnert sich noch sehr klar daran:

O-Ton 8/ Aharon Appelfeld: „Ich hatte keine Menschen, mit denen ich sprechen konnte. Meine Lehrer aber, verstanden meine Situation. Sie waren keine Überlebenden der Shoah, nicht Buber, nicht Sholem und Lea Goldberg auch nicht. Aber sie kamen aus Europa. Sie verstanden diese Situation. Sie wussten, was Juden sind und Goyim, Nicht-Juden.“

Autorin 10: Einer der wichtigsten Verbindungspunkte für Einwanderer mit deutschen Wurzeln war die Hebräische Universität Jerusalem. Sie war ein Ort, an dem Kontinuität und Bruch gleichzeitig gewärtig wurden und sich verschränkten, sagt Professor Yfaat Weiss, die das Franz-Rosenzweig-Minerva-Forschungszentrum an der Hebräischen Universität Jerusalem leitet. Dort wird seit 1990 das kulturelle Erbe des deutschen Judentums vom Mittelalter über die Shoah erforscht:

O-Ton 9/Weiss: „...es / war ganz klar (...), dass die Beziehungen zu Deutschland gebrochen sind. Gebrochen auf sehr brutale Weise. Es waren viele Leute, die einfach in Deutschland entlassen wurden. Es waren hier auch andere Leute, die schon in den 20ern gekommen sind, weil sie Zionisten waren, dazu gehörte zum Beispiel Gershom Sholem oder Hugo Bergmann, der Prager Jude, der auch sehr früh nach Palästina gekommen ist. Das heißt die Leute, die hierher gekommen sind, waren eine Mischung aus Leuten, die schon früh Zionisten waren und aus Überzeugung hierher gekommen sind und Leuten, die eventuell mit dem Zionismus sympathisierten oder auch nicht, aber unter anderen Umständen nie emigrieren würden. Und die trafen sich alle hier in der Universität. Ich denke, dass sie etwas Gemeinsames hatten, ob sie Zionisten oder Nicht-Zionisten waren, war die Tatsache, dass sie durch und durch geprägt waren durch deutsche Wissenschaft und Kultur.“

Autorin 11: Zum Beispiel Gotthold Weil. Er war ein Berliner Arabist, Turkologe und Bibliothekswissenschaftler. Ungeachtet der Empfehlung durch den renommierten Orientalisten Eduard Sachau gelang es dem Juden Weil lange nicht, eine Professur an einer deutschen Universität zu bekommen. 1931 dann, wird er endlich berufen. Auf einen Lehrstuhl für Hebräische Studien am Orientalischen Seminar der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Nur drei Jahre später setzt seine Universität die Gleichschaltungsgesetze der Nationalsozialisten um. Der jüdische Professor wird 1934 in den so genannten Zwangsruhestand versetzt. Weil, der schon als Jugendlicher Teil der zionistischen Bewegung war, beschließt 1935, nach Palästina auszuwandern.
Die habilitierte Historikerin Sabine Mangold-Will, die an der Universität Wuppertal Neuere und Neueste Geschichte lehrt, arbeitet zurzeit an einer Biographie über Gotthold Weil. Sie erforscht seinen Nachlass, der im Archiv der Israelischen Nationalbibliothek aufbewahrt wird, und will Bruch und Kontinuität im Leben des Orientalisten freilegen:

O-Ton 10/Mangold-Will: „Bei ihm ist es sehr stark spürbar, wie diese Spannung permanent bleibt, immer jüdisch und zionistisch sein wollen, aber auch immer deutsch sein wollen. Und jemand, der im Ersten Weltkrieg, also er war kein Soldat, aber der sich letztlich immer für das Kaiserreich eingesetzt hat und gleichzeitig kommt er hier an und all dieses Deutsche wird infrage gestellt. Das ist auch eine Form von Infragestellen von eigener Identität, das genauso unangenehm ist wie das Infragestellen von jüdischer Identität. Natürlich nicht in dieser Bedrohlichkeit, aber in dem eigenen Empfinden wird das als genauso tragisch wahrgenommen. Und trotzdem gibt es dieses „aber ich kann das nicht ganz aufgeben“ (...). Man kann es nicht aufgeben, weil es bedeuten würde, die eigene Existenz, die eigene Identität aufzugeben und das würde den Ruin bedeuten.“

Zitat 3/ Gershom Sholem: Wo Deutsche sich auf eine Auseinandersetzung mit den Juden in humanem Geiste eingelassen haben, beruhte solche Auseinandersetzung stets, von Wilhelm von Humboldt bis zu George, auf der ausgesprochenen und unausgesprochenen Voraussetzung der Selbstaufgabe der Juden, auf der fortschreibenden Atomisierung der Juden als einer in Auflösung befindlichen Gemeinschaft, von der bestenfalls die einzelnen, sei es als Träger reinen Menschentums, sei es selbst als Träger eines inzwischen geschichtlich gewordenen Erbes rezipiert werden konnten. Jene berühme Losung aus den Emanzipationskämpfen: „Den Juden als Individuen alles, den Juden als Volk, das heißt: als Juden, nichts“ ist es, die verhindert hat, dass je ein deutsch-jüdisches Gespräch in Gang gekommen ist.“

Autorin 12: Wie viele Kollegen mit ähnlichen Lebensläufen lebte und verkörperte der Orientalist Gotthold Weil die Kontinuität der deutschen kulturellen Identität. Zum Beispiel, indem er seine wissenschaftlichen Texte auch in Jerusalem weiter auf Deutsch verfasste und sie erst nachträglich ins Englische oder Hebräische übersetzte.

O-Ton 11/Mangold-Will: „Er hat (...) seine Vorlesungen auf Hebräisch gehalten, ganz oft aber auf Deutsch angefangen. Das war seine Sprache. Er war auch schon verhältnismäßig alt als er kam, über 50, und da gewöhnt man sich nicht mehr so einfach um wie mit 30. (...) Da sieht man, dieses deutsche Leben geht unterirdisch sozusagen immer weiter. Das hört nie auf.“

Autorin 13: Gotthold Weil pflegte zum Beispiel auch weiter den Kontakt zu seinem Lehrer in Berlin, dem Orientalisten Eduard Sachau. Und auch Sachau hielt an der Verbindung zu Gotthold Weil fest:

O-Ton 12/ Mangold-Will: „Sachau schätzt ihn außerordentlich. Da habe ich gerade heute erst einen Brief gefunden, in dem Sachau schreibt: „Der Gott der Güte und der Gerechtigkeit möge es Ihnen vergelten.“ (...) Das fand ich interessant, dass er diese Formulierung für Gott Weil gegenüber findet. (...) Weil entwirft und lebt ein Ideal, versucht, es zu leben. Es gibt ein Zeitfenster und es gibt Personen, mit denen das gelingt. In den 30er Jahren fängt Sachau an, Weil in den Briefen als „mein Freund“, „mein verehrter, teurer Freund“ zu bezeichnen. Wenn man daran denkt, was 1930 schon ist, darf man das als ein dezidiertes Beharren darauf interpretieren, diese Verbindung gerade nicht abbrechen zu lassen, sondern in ihrer Wertigkeit noch zu unterstreichen.“

Autorin 14: 1930 brach die Verbindung dann doch ab. Eduard Sachau stirbt. Im Archiv der israelischen Nationalbibliothek lassen sich jüdisch-deutsche Netzwerke rekonstruieren, die den großen Zivilisationsbruch überdauert haben. Einige von ihnen sind schon gut erforscht, berichtet der Archivar Stefan Litt:

O-Ton 13/ Litt: „Wir sehen es gerade am Beispiel von Martin Buber, dass bald nach dem Krieg er wieder Kontakte zu Kollegen in Deutschland knüpft. Seine Korrespondenz ist ungeheuer umfangreich und beinhaltet jede Menge Briefkontakt zu Kollegen in Deutschland. Wir sehen das ganz ähnlich auch bei Gershom Sholem, dessen Nachlass wir hier auch bei uns haben, der dann auch mit Adorno Briefkontakt hatte später und dann auch mit Reich-Ranicki oder auch mit Heinrich Böll.“

O-Ton 14/Mangold-Will: „Es ist / wichtig, deutlich zu machen, wie elementar die deutschen Juden Deutsche waren und das ist etwas, was ganz deutlich zum Vorschein kommt, eben bis über die Katastrophe hinweg und immer weiter. Und wie insbesondere eben die Sprache (...) das ist, was die Verbindung herstellt.“

Autorin 15: Martin Buber, Gershom Sholem, Shay Agnon, Elske Lasker-Schüler, Gottfried Weil und viele, viele andere, sind Teil der jüdisch-deutschen Symphonie, die der Rassenwahn der Nationalsozialisten ein für alle Mal ersticken wollte. Der Resonanzraum dieser Symphonie hat überlebt mit den Überlebenden. Er wird viel von deutschen Wissenschaftlern aufgesucht, sie sind die zweitgrößte Nutzergruppe des Archivs. Aber immer mehr israelische Studenten und Forscher lernen wieder Deutsch und suchen im Archiv den Zugang zu kulturellen Quellen, die bisher kaum in das israelische National-Narrativ eingeflossen sind. Sie sind die größte Nutzergruppe dieses Archiv, in dem ein Drittel der Bestände in deutscher Sprache verfasst ist.

O-Ton 15/ Litt: „Gestern war zum Beispiel eine junge Magistrandin von der Hebräischen Universität hier, die sich um Briefe von Else Lasker-Schüler (...) gekümmert hat. Für sie war interessant, inwiefern sich schseriftlicher und bildlicher Teil, (...) ergänzen oder unterschiedliche Überlieferungen darstellen. Es hat mich sehr gefreut, eine junge Israelin zu sehen, die ganz klar hier geboren und aufgewachsen ist, die sich aber ohne Weiteres die handschriftlichen Briefe vornahm und anfing zu lesen und damit zu arbeiten, ohne Wörterbuch. Da dachte ich, ok, da sind wir auf dem richtigen Weg hier.“

Musik ab 15’42’’ unterlegen, zwischendrin hochziehen und die letzten 0’30’’ frei stehen lassen